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Wirtschaftswunder auf vier Rädern

Emden Wirtschaftswunder auf vier Rädern

Mit dem letzten Käfer aus dem Emder VW-Werk endet im Jahr 1978 die Europa-Produktion des erfolgreichen Volkswagen. Als Kultauto fährt das knuffige Modell weiter um die Welt. Inzwischen werden die begehrten Oldtimer zu astronomischen Preisen gehandelt.

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Dieses Foto wurde 1977 in Emden gemacht: Ein Monteur arbeitet an der Tür eines VW-Käfers.

Quelle: Foto: Schilling/dpa

Emden. Ente, Bulli, Badewanne, Knutschkugel oder Buckel-Porsche: Spitznamen für echte Kultautos, die auch noch Jahrzehnte nach ihrem offiziellen Abschied über die Straßen rollen. Wie der Käfer – der Volkswagen, mit dem VW nach dem Zweiten Weltkrieg zur globalen Marke aufsteigt. „Er war weder schnell noch besonders sparsam, vom Komfort ganz zu schweigen“, heißt es im Konzernarchiv.

Trotz etlicher Macken wird das urige Vehikel ein Erfolgsmodell. Vor 40 Jahren läuft schließlich der letzte in Deutschland produzierte Käfer im ostfriesischen Emden vom Band. VW-Mitarbeitern tränen die Augen, als nach 16,26 Millionen Exemplaren am 19. Januar 1978 eine Ära zu Ende geht.

Angefangen hat der Siegeszug mit einem Entwurf von Ferdinand Porsche. Er nimmt 1933 den Auftrag von Adolf Hitler an, ein billiges Volks-Auto für alle Schichten zu entwickeln. Porsche greift eine Idee des Konstrukteurs Béla Barényi aus den 1920er Jahren auf. 1939 soll der kugelige Wagen in Serie gehen. Doch mit dem Zweiten Weltkrieg rollen erst mal Kübelwagen für die Wehrmacht vom VW-Band an die Fronten in Nordafrika oder Russland. Erst 1947 können Privatpersonen die ersten VW-Modelle kaufen.

Das Wirtschaftswunder auf vier Rädern aus Wolfsburg ist nicht zu bremsen, und schon 1955 feiert Volkswagen das millionste Exemplar. „Made in Germany“ kommt auch in den USA gut an, wo der „Beetle“ zum Verkaufshit wird. „Er läuft und läuft und läuft . . .“, heißt es in der VW-Werbung. Für seinen Exportschlager lässt der Konzern 1964 ein neues Werk in der Hafenstadt Emden errichten. Willi Kuroswki (83) baut als Maurer die Hallen mit auf und wird später als Schweißer im Karosseriebau übernommen. „Zu Beginn wurden wir in Wolfsburg geschult, und danach ging es zurück nach Emden“, erinnert er sich. Am Anfang werden zehn Käfer pro Tag produziert, die einzelnen Teile kommen aus Wolfsburg. Beulen und Spaltmasse werden mit Zinn ausgeglichen, heute undenkbar. „Die Hallen waren teilweise ohne Dach und unbeheizt, und so haben wir uns in den Pausen am Lagerfeuer gewärmt. Es war eine tolle Kameradschaft, und viele Freundschaften halten bis heute“, schwärmt der Pensionär.

„Der Käfer hat VW zum Weltunternehmen gemacht, dieses aber Anfang der 1970er Jahre fast in den Untergang geführt“, sagt Autoexperte Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen.

Denn VW war wegen des Erfolgs der irrigen Meinung, das würde ewig so weitergehen, glaubt Diez: „Aber der Markt hatte sich verändert, und der VW-Käfer sah plötzlich nicht nur alt aus, sondern war auch technisch veraltet.“ Hätte der Golf als Käfer-Nachfolger nicht gleich eingeschlagen, wäre VW wohl nicht mehr zu retten gewesen, schätzt der Branchenexperte im Rückblick.

So legt der Käfer-Erfolg gerade rechtzeitig den Grundstein für seinen Nachfolger, der bis heute in zahlreichen Golf-Modellen auf den Weltmärkten gefragt ist. „Dennoch: Weder vorher noch nachher hat es ein Auto gegeben, das global so bedeutend war wie der Käfer“, sagt Diez. Der Wagen sei in Europa, Nordamerika und Lateinamerika erfolgreich gewesen: „Vielleicht war es das erste ,Welt-Auto’

überhaupt“, so Diez.

Das endgültige Aus kommt erst 2003: In Mexiko wird der letzte Ur-Volkswagen mit dem luftgekühlten Boxer-Motor im Heck montiert. Kein anderes Automobil wird bis 2002 so oft hergestellt, mehr als 21,5 Millionen Käfer laufen seit 1938 weltweit aus den VW-Hallen.

Von Hans-Christian Wöste

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