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Wirtschaft im Norden Wo der Tag mit einer Zigarre beginnt
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20:22 29.06.2013
Von Julia Paulat

Das Geschäft in der Alten Königstraße in Altona scheint aus der Zeit gefallen. Nur etwa zwei Meter breit, dafür aber fast 20 Meter lang ist der Laden. An beiden Seiten präsentieren sich Zigarren und Zigarillos. Dünne und dicke, lange und kurze, alle fein gerollt und mit Manschette versehen. 40 Cent kostet das günstigste Zigarillo, 40 Euro eine „Montechristo A“ aus Kuba. Rund 300 verschiedene Sorten bietet Appel an. Auf der linken Seite stehen die Importe aus Honduras, Nicaragua, der Dominikanischen Republik und aus Mexiko; rechts präsentieren sich die Eigenmarken in schlichten Holzkisten. Sie tragen hanseatische Namen wie „Elbe 1“, „Hamburger Lotse“ und „Blankeneser“. Am besten läuft die „Junior“. Die meisten dieser Kreationen stammen noch von Otto Hatje, der das Geschäft im Jahr 1922 gründete.

1991 übernahm Appel den Betrieb — ohne jegliches Vorwissen, nicht einmal Raucher war er damals. Ein Bekannter kaufte den Laden und fragte an, ob Appel das Geschäft nicht führen wollte. „Ich fand die Idee ganz spannend“, erinnert sich der Ladenbesitzer. Auf einer Tour durch ganz Deutschland schaute er den Zigarrenmachern über die Schulter und eignete sich so das Grundwissen an. Inzwischen ist er auf den Geschmack gekommen. Sein Tag beginnt mit einer Zigarre. „Ich rauche gern kubanische Sorten, die sind schon lecker.“ Heute zieht er an einer „Robustos“, einer kurzen dicken Zigarre, „das ist im Moment mein Format“.

Um den Kunden die Kunst des Zigarrendrehens nahezubringen, fertigt er Kleinstmengen selbst an. Jeden ersten Sonnabend im Monat werden auf einem alten, hölzernen Wickelbock Zigarren gerollt. Dazu wird zunächst die Rippe mit einem Messer aus dem großen Umblatt entfernt. Dann wird der Einlagetabak eingerollt. Die sogenannten Wickel bleiben über Nacht in einer Presse liegen. Erst am nächsten Tag werden sie abgeschnitten und in ein Deckblatt gewickelt. „Fingerfertigkeit gehört dazu“, erzählt Appel. Er schätzt, dass es bundesweit noch etwa ein Dutzend Zigarrenmacher gibt. In einer Ecke rauscht der Luftbefeuchter los. Er sorgt für das richtige Raumklima. „Eine Luftfeuchtigkeit von etwa 70 Prozent, 18 bis 20 Grad — das ist optimal“, erklärt Appel. Die Kubaner werden in einem Extra-Schrank verwahrt, darin ist es noch etwas feuchter.

Seine Kunden sind überwiegend Männer, sie kommen aus allen Schichten und aus allen Altersgruppen — vom Studenten bis zum Rentner. „Manche rauchen eine Zigarre im Monat, manche eine am Tag und manche rauchen auch den ganzen Tag“, berichtet Appel, der vor einigen Jahren ein kleines Raucherzimmer hinten im Laden eingerichtet hat — zusammen mit Stammgästen. Drei Holz-Stufen geht es hinauf. Hier ist es dunstig, der große Spiegel an der Wand rußig. Vier schwarze Ledersessel warten auf Besucher.

„Erst habe ich hinten nur die Beine gesehen, wenn ich vorn Zigarren gekauft habe“, erzählt Thilo Pfeiffer. Anzug- neben Arbeitshose. Inzwischen kommt der 42-Jährige selbst einmal pro Woche, um in Ruhe eine Zigarre zu rauchen. „Das ist die schönste Stunde in der Woche“, sagt Pfeiffer und streckt gemächlich seine Beine aus. Er ist als Lehrer tätig ist und hat zwei Kinder. Ein bis eineinhalb Stunden dauert es, bis eine Zigarre aufgeraucht ist. „Man verbringt Zeit damit“, erklärt Appel das Besondere.

In der ersten halben Stunde gehe ihm noch ganz viel durch den Kopf, schildert Pfeiffer. „Dann kommen die Ideen. Manchmal sind es so viele, dass ich mir einen Zettel holen muss“, sagt er. Dazu gibt es Kaffee oder auch mal einen Whisky. Die Gäste sollen sich schließlich wohlfühlen. Da wird über das beste Smartphone gefachsimpelt und — natürlich — über die schmackhafteste Zigarre. Manche wollen lieber schweigen. Das ist auch okay. „Das hier ist eine Form von Zuhause, aber es ist nicht zu Hause“, erklärt Bernhard Winkler (47) , der als Dozent an der Uni unterrichtet. Man kennt sich, man duzt sich im Salon. Etwa 40 Leute kommen regelmäßig dorthin.

„Das mit dem Raucherzimmer war eine gute Idee“, resümiert Appel, der zielstrebig das 100-jährige Bestehen seines Geschäfts ansteuert. Er ist sicher, dass der Laden von Otto Hatje weiter existieren wird. „Ich mache weiter, solange es mir Spaß macht.“

Genussmittel aus Tabak

1,2 Milliarden Zigarren werden nach Schätzungen pro Jahr in Deutschland konsumiert. Dabei handelt es sich um ein aus Tabakblättern gerolltes Genussmittel. Die genaue Herkunft ist unklar. Als wahrscheinlich gilt, dass das Rauchen von Tabak in Südamerika bereits über Jahrtausende zelebriert wurde. Die weltweite Verbreitung der Zigarre geht auf die Kolonialzeit zurück.

Zum Zigarre rauchen braucht man einen Zigarrenschneider (zum Anschneiden des Mundstücks) sowie ein Streichholz oder ein Gasfeuerzeug. Benzinfeuerzeuge sind verpönt. Das zu entzündende Ende der Zigarre heißt Zigarrenfuß, jenes, das der Raucher im Mund hält, Zigarrenkopf.

Julia Paulat

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