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Wirtschaft im Norden Zwei Brüder leiten das Wäsche-Ballett
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13:13 03.01.2016
An der Nähmaschine sitzt Lydia Unger. Sie steppt Namensschilder auf die Kittel und repariert aufgeplatzte Nähte und eingerissene Taschen.
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Kiel

Wie tanzende Geister schweben sie vorbei — weiße Hosen und Kittel für Bäckereifachverkäufer, Ärzte, Supermarktmitarbeiter. Auf Bügeln hängend wird die frisch gewaschene Kleidung zum Trocknen transportiert. „Wäsche-Ballett“ sagen sie bei der Wulff Textil Service GmbH in Kiel. 45000 Teile pro Woche reinigt der größte Anbieter von Miettextilien im Norden. Dazu kommen bis zu 200000 Teile Tisch- und Bettwäsche in der Saison. Das mittelständische Familienunternehmen hat Kunden in ganz Schleswig-Holstein und Dänemark.

Messe-Hostessen, Maler, Lackierer, Dachdecker, Apotheker, Pförtner, Bestattungsunternehmer, Köche, Kellner, Feuerwehrleute, Landschaftsgärtner — sie alle leasen Kleidung bei der Firma Wulff. In Kiels größtem Kleiderschrank werden sie ausgestattet. Das Lager hält Hosen, Jacken, Kittel, Schürzen, Schutzkleidung und Kopfbedeckungen aller Art bereit. Auch Business-Anzüge und Hemden können mittlerweile geleast werden. „Hier lagert Ware für mehr als zwei Millionen Euro“, sagt Christian Böge (43), der mit seinem Bruder Sebastian (40) das Unternehmen führt. Nach einem Ausflug ins Verlagswesen ist er vor fünf Jahren zurückgekehrt. Als Geschäftsführer in einem Familienunternehmen könne man eigene Visionen entwickeln — mehr als in einem großen Konzern.

Die schmutzige Berufskleidung, dazu auch Fußmatten sowie Tisch- und Bettwäsche aus Hotels und Gaststätten werden regelmäßig gereinigt und gepflegt. Mit Lastwagen wird die getragene Wäsche in Containern oder Säcken in der großen Eingangshalle angeliefert. Akira Kroll (22) und Alexandra Schultz (43) kontrollieren, ob beispielsweise noch Taschentücher oder Stifte in den Taschen sind. Auch ein Ehering sei schon entdeckt worden.

„Ein Kugelschreiber kann eine ganze Waschladung verunreinigen“, erklärt Christian Böge. Ähnlich sei es bei Gewürzen in der Grillmarinade. „Das ist eine besondere Herausforderung für uns“, sagt Sebastian Böge. Bei Wulff kommt alles in die Waschmaschine — natürlich nach Programmen sortiert. Drei 18 Meter lange „Waschstraßen“ laufen von morgens bis abends, damit Berufsbekleidung und Tischdecken wieder sauber werden.

Einweichen, waschen, spülen und schleudern: 20 Kammern durchlaufen die Textilien — jeweils zwei Minuten lang. „Durch das Baukastenprinzip werden nur die Substanzen verwendet, die zur Fleckbeseitigung nötig sind“, erklärt Christian Böge. Das sei anders als im Privathaushalt, wo in der Regel mit Vollwaschmitteln gearbeitet wird.

Begonnen hat alles ganz einfach. Der Ursprung der Firma geht auf Dorothea Wulff zurück, die Ururgroßmutter der Brüder. Zu Kaisers Zeiten fuhr sie noch von Haus zu Haus, um die Wäsche wohlhabender Familien zu machen. Später wurde die Wäsche mit einem Pferdefuhrwerk abgeholt. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die breite Bevölkerung den Service der Firma Wulff in Anspruch, die erste moderne Betriebshalle wurde gebaut.

Von der Waschmaschine geht es für Handtücher direkt in den Trockner, Tischdecken, Stoffservietten und Bettwäsche werden durch die Mangel gedreht, damit sie schön glatt werden. Dabei kontrollieren die Mitarbeiter die Wäschestücke auf Flecken, Risse und Löcher. Zugleich werden die Teile von Kameras nach Flecken gescannt. „Das ist wichtig, da wir ja die Hotellerie bis zu fünf Sternen beliefern“, sagt Christian Böge. Service und Qualität stünden ganz vorn.

Die Kleidungsstücke werden über einen eingeschweißten Barcode mit einem Scanner elektronisch erfasst, bevor sie ihren Reinigungsprozess durchlaufen. „So kann sichergestellt werden, dass jeder sein individuelles Kleidungsstück zurückbekommt“, erklärt Christian Böge. Auf Bügeln geht es in den Trockner und schließlich zur Endkontrolle, wo Kollegen wie Irene Maaß (57) jedes Teil noch einmal unter die Lupe nehmen. Sind alle Flecken raus? Ist die Servierschürze glatt gebügelt und sauber gefaltet? Müssen Nähte ausgebessert oder Knöpfe angenäht werden? Erst wenn alles perfekt ist, kann die Ware die Halle wieder verlassen. Bis zum nächsten Mal. „Wir denken im Ein-Wochen-Rhythmus“, erklärt Christian Böge.

Er und sein Bruder leiten das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund 15 Millionen (2015) in fünfter Generation. Ihr Vater begann 1971 mit Miettextilien — damals eine bahnbrechende Idee. Der Impuls kam von der Kieler Mercedes-Benz-Niederlassung. Kurz darauf fragte der Stuttgarter Autobauer, ob das Unternehmen bundesweit Mietberufskleidung liefern könne. Daraufhin wurde zusammen mit fünf Partnern der Unternehmensverbund Deutsche Berufskleider Leasing GmbH (DBL) gegründet, der heute mit 23 Standorten in Deutschland vertreten ist.

Ausgezeichnet
Vorbildlich ist die Firma Wulff in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das hat Ministerpräsident Torsten Albig dem Unternehmen kürzlich bescheinigt. 20 Unternehmen aus Schleswig-Holstein hatten sich beworben.



Die Mitarbeiter der Wulff Textil Service GmbH können aus mehr als 30 verschiedenen Arbeitszeitmodellen wählen und ihre Arbeitszeit mit Hilfe eines Jahres-Arbeitszeitkontos flexibel gestalten. Diese ermöglichen beispielsweise eine kurzfristige Freistellung ohne Gehaltseinbußen — zuletzt etwa beim Kita-Streik, bei dem viele Eltern zu Hause bleiben mussten.

Julia Paulat

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