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„Gen Over“: Lebensmittelhandel folgt dem Kundenwunsch

Neckarsulm „Gen Over“: Lebensmittelhandel folgt dem Kundenwunsch

Gentechnik im eigenen Kühlschrank? Bloß nicht, dürften viele Verbraucher sagen. Der Lebensmittelhandel reagiert auf die Wünsche seiner Kunden.

Neckarsulm. „Gen Over“ steht auf einem Werbeplakat von Lidl, das die Umstellung der Milch-Eigenmarke Milbona anpreist: Von diesem Montag an ist die Frischmilch in ganz Deutschland gentechnikfrei.

Die Kühe haben also kein Futter aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO) bekommen. Im Herbst sollen Lidl-Käseprodukte umgestellt werden, 2017 soll H-Milch folgen.

Damit ist der Discounter ein Vorreiter - kein anderer deutscher Lebensmittelhändler bietet seine Frischmilch-Eigenmarke bundesweit mit dem „Ohne Gentechnik“-Siegel an. Die Konkurrenten Rewe, Edeka, Aldi und Norma tun dies nur regional begrenzt. Lidl sei hierbei der erste Lebensmittelhändler, „aber mit Sicherheit nicht der Letzte“, sagt Alexander Hissting, Geschäftsführer vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG). Denn: „Es gibt eine rasante Entwicklung im Lebensmittel-Einzelhandel weg von der Gentechnik.“

In einem Jahr habe sich die Zahl der VLOG-zertifizierten Lebensmittel in Deutschland auf gut 4000 mehr als verdoppelt, sagt Hissting. Bei Eiern und Hühnchenfleisch sei die Handelsbranche schon sehr weit, das Jahr 2016 stehe im Zeichen der Umstellung bei der Milch. Der Verband VLOG vergibt das Siegel im Auftrag der Bundesregierung.

Dass überhaupt Lebensmittel mit Gentechnik-Bezug in deutschen Supermarkt-Regalen stehen, mag Verbraucher überraschen. Die Technik, die Saatgut robuster machen soll gegen Schädlingsbefall, ist hoch umstritten und bei den Kunden unbeliebt. GVO-Tofu und GVO-Magarine könnten zwar verkauft werden, fänden aber wohl kaum Abnehmer. Solche Produkte müssten laut Gesetz gekennzeichnet sein. Wenn jedoch Tiere mit GVO-Sojaschrot gefüttert werden, müssen ihre Eier, ihre Milch oder ihr Fleisch nicht entsprechend ausgewiesen sein.

Deutschlands Lebensmittelbranche will den Anteil dieser Futtermittel verringern, ein entsprechendes Positionspapier liegt seit gut einem Jahr vor. Man setzt unter anderem auf das unveränderte Soja. Der zuständige Lidl-Geschäftsführer Julian Beer begründet den Schritt mit einem „ganz klaren Verbraucherwunsch“: „Die Mehrheit wünscht sich die gentechnikfreie Herstellung von Produkten genauso wie die gentechnikfreie Futtermittel-Basis.“

Die Umstellung kostet Geld. Futtermittel mit naturbelassenem Sojaschrot sind teurer, also kostet die Milcherzeugung mehr - pro Kilo Milch etwa ein Cent, also kommen etwa drei bis fünf Prozent oben drauf auf den aktuellen Erzeugerpreis.

Für den Kunden soll sich laut Lidl-Manager Beer aber nichts ändern, der Preis von derzeit 46 Cent pro Liter Vollmilch bleibe gleich. „Der Verbraucher ist preissensibel“, sagt Beer. Gleicher Preis, höhere Kosten und weniger Gewinn für eine gute Sache? Klingt eher nicht nach Lidl-Geschäftspolitik. Für manchen Bauernvertreter ist der Discounter-Riese ein rotes Tuch - in der Debatte um niedrige Milch-Erzeugerpreise wird die Firma mitunter als Negativbeispiel genannt, weil es seine Marktmacht ausnutze.

Könnte Lidl die Mehrkosten nicht doch den Erzeugern aufdrücken? Lidl-Manager Beer verneint das, sein Unternehmen zahle künftig 10 Millionen Euro pro Jahr mehr für die Extrakosten, die bei den Erzeugern wegen des teureren Futters entstehen. Positive Imageimpulse und höhere Umsatzerwartungen dürften hier eine Rolle spielen.

Bei der Präsentation des neuen Lidl-Milchkurses waren auch Landwirte an den Firmensitz im baden-württembergischen Neckarsulm gekommen. „Die gentechnikfreie Milch ist eine echte Chance für uns - dass man eine Zukunft hat, dass man in eine Nische reinkommt“, sagte der aus Niedersachsen angereiste Milchbauer Heiko Holthusen.

Auch bei Lidl-Konkurrenten wird betont, wie wichtig gentechnikfreie Produkte seien. Man stelle bei konventionellen Frischmilchartikeln „sukzessive um, damit wir diese Produkte aus gentechnikfreier Fütterung anbieten können“, teilt Aldi Nord mit. Ein Rewe-Sprecher sagt, man fördere den Anbau und die Verfütterung von europäischen gentechnikfreien Eiweißpflanzen. Bis aber die künstlich veränderten Futterpflanzen komplett ersetzt seien, dauere es noch.

Aus Berlin meldet sich der Deutsche Bauernverband eher verhalten zu Wort. Gentechnikfreie Milchprodukte seien „ein Marktsegment“, sagt eine Sprecherin. „Wenn der Verbraucher sie nachfragt, wird die Landwirtschaft sie produzieren.“ Es müsse aber sichergestellt werden, dass die Mehrkosten für die Erzeugung nicht bei den Bauern und Molkereien hängenblieben.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hält den Schritt von Lidl für „grundsätzlich gut“. Allerdings sei es besorgniserregend, dass weiter viele Lebensmittel in den Supermarkt-Regalen stehen, ohne dass der Gentechnik-Einsatz in deren Produktion klar ersichtlich sei. Daher spricht sich Foodwatch für eine Kennzeichnungspflicht aus, auch wenn gentechnisch veränderte Futtermittel verwendet wurden.

dpa

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