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Wissen Das Arztgespräch ist unersetzlich
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10:00 09.03.2019
Für eine korrekte Diagnose und Behandlung ist es von größter Bedeutung, dass im vertrauensvollen Gespräch zwischen Arzt und Patient „die Fakten auf den Tisch kommen“. Quelle: iStockphoto
Wien

Wenn Frau oder Mann sich zum Arzt begibt, hat das in den meisten Fällen den Anlass, dass irgendetwas mit der eigenen Gesundheit nicht stimmt. In vielen Praxen erhalten Patienten einen Fragebogen, in dem bereits wichtige Informationen abgefragt werden, die es der Ärztin oder dem Arzt erleichtern sollen, ein zielgerichtetes Gespräch zu führen – oder wie man unter Medizinern sagt, – die Anamnese oder Krankengeschichte zu erheben.

Nun könnte man sich in Zeiten der Datenschutz-Grundverordnung fragen: Wozu werden denn diese ganzen Daten über mich erhoben und gesammelt und anschließend gar noch dauerhaft im Praxiscomputer gespeichert?

Fragen, die die Intimsphäre betreffen, bedürfen eines persönlichen Gesprächs

Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind viele der abgefragten Daten sehr wichtig, um die Beschwerden richtig einordnen zu können und die korrekte Diagnose zu stellen. Zum Beispiel ist es wichtig, dass Ärztin oder Arzt den Beruf der Patienten kennen, da viele Beschwerden und Erkrankungen auf berufliche Fehlbelastungen zurückzuführen sind.

Auch Fragen nach Wohnsituation, Familie, sozialem Umfeld, ja sogar nach sexuellen Beziehungen können von großer Bedeutung für die richtige Behandlung sein. Fragen, die die Intimsphäre betreffen, sollten aber nicht in einem Fragebogen abgefragt werden, sondern in einem einfühlsamen persönlichen Gespräch. Dann fällt es auch leichter, die Wahrheit zu sagen und nichts zu verschweigen.

Ein weiterer Grund für die detaillierte Befragung und Dokumentation ist die rechtliche Absicherung. Im Streitfall zwischen Arzt und Patient, etwa wegen einer vermuteten falschen Behandlung, ist die ärztliche Dokumentation ein wichtiges Beweismittel. Die Daten werden also auch zum Schutz von Patienten erhoben und gespeichert, aber natürlich auch, um den Arzt vor falschen Vorwürfen zu bewahren. Deshalb haben Patienten auch immer das Recht, genau zu erfahren, welche Informationen und Daten in der Krankenakte dokumentiert und gespeichert wurden.

Patienten müssen Vertrauen haben können

Der dritte Grund liegt in der lang dauernden Beziehung zwischen Patient und Arzt. Das betrifft nicht nur chronisch Kranke, sondern alle Behandelten. Bei guter Dokumentation der bereits stattgefundenen ärztlichen Gespräche, Untersuchungen und Behandlungen kann der Arzt bei einem erneuten Kontakt rasch auf die Vorgeschichte zurückgreifen, Veränderungen wahrnehmen und frühere Informationen und Befunde mit den neuen vergleichen.

Es ist unbedingt wünschenswert, dass Patienten zu ihren Ärzten so viel Vertrauen haben, dass ehrlich und aufrichtig über alles gesprochen werden kann. Für die korrekte Diagnosestellung und weitere Behandlung ist es von großer Bedeutung, dass „die Fakten auf den Tisch kommen“.

Insgesamt 85 Prozent aller Diagnosen können allein durch eine gute und umfassende Anamnese, ergänzt durch eine sorgfältige körperliche Untersuchung, korrekt gestellt werden. Sehr häufig werden leider unnötige maschinelle Untersuchungen durchgeführt, um Defizite des ärztlichen Gesprächs auszugleichen.

Fehldiagnosen beruhen meist auf Fehlern bei der Anamnese

Die meisten Fehldiagnosen sind auf Fehler bei der Anamneseerhebung zurückzuführen. Dies konnte in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen bewiesen werden. Der Fehler kann hier sowohl beim Patienten liegen, der vielleicht wichtige Informationen verschwiegen oder falsche Angaben gemacht hat, als auch beim Arzt, der nicht richtig zugehört, nicht die richtigen Fragen gestellt oder sich nicht die Zeit für einfühlsames Nachfragen genommen hat. Für eine gute, zielführende Anamnese sind also beide gleichermaßen verantwortlich: Arzt und Patientin.

Die Anamnese beinhaltet eine Reihe von wesentlichen Bestandteilen, die aber nicht immer alle in das Gespräch einfließen müssen. Am Anfang steht natürlich der aktuelle Anlass für den Arztbesuch. Welche Beschwerden oder Symptome liegen vor? Seit wann bestehen diese? Wie haben sie sich entwickelt? Sodann wird nach Vorerkrankungen, Operationen und Krankenhausaufenthalten gefragt. Wichtig ist auch, ob regelmäßig Medikamente eingenommen wurden, egal ob sie ärztlich verordnet oder ohne Verschreibung in der Apotheke gekauft wurden.

Ein Gespräch kann die Selbstheilungskräfte aktivieren

Ergänzend fließen Erkrankungen in der Familie, das soziale Umfeld, Beruf, psychische Belastungen und andere Elemente in das Anamnesegespräch ein. Hier ist es einerseits wichtig, dass der Arzt gezielt nachfragt, um den Ursachen für die Beschwerden auf die Spur zu kommen. Andererseits muss der Patient durch ehrliches Berichten zum Gespräch beitragen. Alles, was im Zusammenhang mit den Beschwerden wichtig erscheint, sollte angesprochen werden.

Ganz abgesehen vom notwendigen Informationsaustausch hat das Anamnesegespräch noch eine weitere wichtige Funktion: Es trägt wesentlich dazu bei, Beschwerden zu lindern. So fühlen sich viele Menschen allein schon durch den Kontakt mit einem Arzt und das Gespräch besser. Es tut einfach gut, über die Dinge, die bewegen oder beunruhigen, zu sprechen, das Gespräch kann sogar die Selbstheilungskräfte aktivieren.

Derartige heilende Placebo- oder Suggestiveffekte sollte man nicht unterschätzen. Sie stellen einen wesentlichen Teil der ärztlichen Behandlung dar. So ist auch das Gespräch viel mehr als nur die gesprochenen Worte: Über Mimik, Gestik, Blickkontakt und Körpersprache werden weit mehr Informationen ausgetauscht, als die begleitenden Worte beinhalten.

Diagnose-Apps schüren vor allem Ängste

Auf eine Gefahr soll noch hingewiesen werden. Im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung entstehen immer mehr Diagnose-Apps. Der Patient wird dann über eine Reihe von Fragen, die meistens nur mit Ja oder Nein zu beantworten sind, zu möglichen Verdachtsdiagnosen geführt, die in der Regel lediglich Verunsicherung und Ängste schüren. Das zwischenmenschliche Arzt-Patienten-Gespräch in all seinen Facetten kann dadurch nie ersetzt werden.

Man sollte also lieber auf sein Inneres hören: Sind die Beschwerden Befindlichkeitsstörungen, so wie wir sie alle mehr oder weniger häufig durchmachen? Oder liegen ernst zu nehmende Beschwerden vor, die dann besser gleich mit einem Arzt abgeklärt werden sollten?

Andreas Sönnichsen Quelle: Appelhans

Zur Person: Andreas Sönnichsen ist Professor an der Abteilung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien.

Von Andreas Sönnichsen

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