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Wissen Die Dürre macht Iran zur Zeitbombe
Nachrichten Wissen Die Dürre macht Iran zur Zeitbombe
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06:01 16.09.2018
Das Wasser weicht zurück, was bleibt, ist vertrockneter Boden: Der Urmia-See trocknet aus, und Irans Regierung scheitert daran, gegenzusteuern. Quelle: dpa
Urmia, Iran

Es ist die Geschichte der Stadt Urmia und des gleichnamigen Sees, eines einstigen Urlaubsidylls im Nordwesten des Irans. Es ist auch die Geschichte von Menschen, die sich an der Natur versündigen und Reichtum anhäufen, und von vielen anderen, die gleichzeitig zu Verlierern werden. Es ist vor allem die Geschichte eines hochexplosiven Mixes aus Klimawandel, Misswirtschaft, Korruption und außenpolitischem Streit, der die Menschen im Iran auf die Straßen treibt und das Land zu einer tickenden Zeitbombe macht.

Der Taxifahrer Radschab Ali aus Urmia erinnert sich gerne an die alten Zeiten, als der See noch zehnmal größer war als der Bodensee. „Urmia war mal bekannt als das Paris des Irans“, sagt er. Touristen aus dem ganzen Land seien gekommen, aber auch aus der benachbarten Türkei und dem Irak. Hotels, Taxifahrer, Basarverkäufer, alle hätten in der 740 000 Menschen zählenden Grenzstadt gut gelebt.

Satellitenbilder aus den Jahren 1998 und 2016 dokumentieren, wie sich der 140 Kilometer lange und bis zu 55 Kilometer breite See gewandelt hat. Vor 20 Jahren leuchtete das Wasser noch blau. 2016 dominiert die rote Farbe. Vom hohen Salzgehalt und dem warmen Wasser profitieren fast nur noch Algen und Bakterien. Daher kommt die zeitweise Rotfärbung. Quelle: Nasa/dpa

Das war einmal. Satellitenbilder zeigen, dass die Oberfläche des größten Binnensees im Iran massiv geschrumpft ist. Das Magazin „National Geographic“ sprach davon, dass seine Fläche in den vergangenen 30 Jahren um rund 80 Prozent kleiner wurde. Flamingos, Pelikane, Reiher und Enten seien fast verschwunden.

Wo Badende sich einst im Wasser tummelten, blieb eine salzverkrustete Wüste zurück. Alles sehe wie ein gigantischer Tatort aus, schreibt das Magazin. Gemeint ist ein Ökoverbrechen. Salzstürme zogen übers Land und verschärften die Umweltkrise. „Die Menschen befürchten jetzt, dass der See eines Tages ganz austrocknet“, sagt der 62 Jahre alte Fahrer Radschab Ali.

Korruption und Missmanagement

Was ist passiert? Die Kurzversion: Der Klimawandel führte im Iran zu langer Trockenheit und höheren Sommertemperaturen, mehr Wasser verdunstet. Außerdem speist weniger Wasser den Urmia-See. Gründe dafür sind Staudämme, Bewässerungsprojekte in der Landwirtschaft und Tausende illegal angelegte Brunnen. Einige Iraner profitieren vom Eingriff in die Natur, von Korruption und Missmanagement, sehr viel mehr Menschen verlieren: Jobs, nutzbares Land, Einkommen.

Der Urmia-See trocknet aus. Szenen aus einem einstigen Urlaubsparadies, in dem heute die Hotels zerfallen, Arbeitslosigkeit grassiert und die Umwelt leidet.

Besorgniserregend ist, dass Urmia kein Einzelfall ist, dass die Geschichte andernorts ähnlich erzählt werden kann oder sogar noch dramatischer. Beispiel Millionenmetropole Isfahan. Früher führte der Fluss Zayandeh-Rud, der mitten durch die Stadt fließt, nur im Sommer kein Wasser. Heute ist er den größten Teil des Jahres ausgetrocknet. „Man hat die breiten Brücken, man hat das breite Strombett, die Leute sitzen wie früher an den Ufern zum Picknick, aber es ist kein Wasser da“, sagt der Heidelberger Human-Geograf Hans Gebhardt.

Das Picknick ist dabei das geringste Problem. Stromabwärts sind Ackerflächen nicht mehr fruchtbar. Sie wurden früher mit Wasser aus dem Zayandeh-Rud bewässert. Eine Folge: Landwirte verlieren ihre Lebensgrundlage, wandern in die Armenviertel der Metropole ab.

Die Menschen ziehen in die Städte

Landesweit könnten inzwischen 16 der 80 Millionen Iraner Landflüchtlinge sein, Tendenz steigend, zitiert die „New York Times“ den Geologen, Zeichner und Exil-Iraner Nikahang Kowsar. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Deren Armenviertel werden leicht zu Brennpunkten von Unruhen. Der Experte verweist auf Prognosen, wonach Millionen Iraner sich vor Ende des Jahrhunderts gezwungen sehen könnten, ihr Land zu verlassen - eine neue Flüchtlingsbewegung.

Städte wie Teheran wachsen und wachsen – was aber soziale Probleme mit sich bringt. Quelle: dpa

Seit vielen Jahren plagen Dürren den Iran. 2017 regnete es 40 Prozent weniger als im Vorjahr. „Wir sind auf dem Weg, ein Wüstenstaat zu werden“, sagte Vizepräsident Issa Kalantari, der auch Chef der Umweltbehörde ist. In einigen Landesteilen treffen sich Menschen zu Regengebeten. Und wenn es im Iran einmal regnet, freuen sich Leute auf den Straßen und in sozialen Medien oft wie Kinder.

Pistazien schlucken viel Wasser

Zwar gehört der Iran zu einer Region, die die Folgen des Klimawandels besonders zu spüren bekommen dürfte. Doch das Schwinden des Urmia-Sees haben aus Gebhardts Sicht vor allem Menschen verursacht. Schon als das Wort „Klimawandel“ noch kaum bekannt war, habe der Iran regelmäßig mit Trockenheit zu kämpfen gehabt.

Rund 600 Dämme zur Energiegewinnung und für Bewässerungsprojekte hat die Führung in Teheran in den vergangenen drei Jahrzehnten bauen lassen. Gigantische Mengen Wasser werden abgeleitet, beispielsweise in die Landwirtschaft, um Pistazien-Bäume zu bewässern. Die Nüsse sind für Teheran ein wichtiges Exportgut.

Außerdem geht das Wasser in Industrieprojekte an teils fragwürdigen Standorten. Profitiert hätten in erster Linie Menschen, die den Revolutionsgarden nahe stehen, Günstlinge des Regimes, Vertreter des Energieministeriums sowie Agrarunternehmer, schreibt die „New York Times“. „Für den Klimawandel und die niedrigen Niederschläge kann keiner was, für andere Belange aber schon“, sagt Hodschat Dschabari von der Umweltbehörde in Urmia.

In erster Linie sollte die Bewässerung der Landwirtschaft modernisiert und nicht länger verschwenderisch mit dem knappen Wasser umgegangen werden, schlägt er vor. Vizepräsident Ishagh Dschahangiri reiste im März in den Nordwesten, um sich das Desaster anzusehen. Er will nun mehr unternehmen, um den See zu retten. Dschahangiri gilt im Iran als einer der wenigen zuverlässigeren Politiker. Anders als sein Chef, Präsident Hassan Ruhani.

Der mit viel Vorschusslorbeeren ins Amt gekommene Ruhani versprach viel, setzte aber wenig um. Die Wirtschaftskrise konnte der Präsident auch nach fast fünf Jahren nicht bewältigen. Das Wasserproblem erklärte Ruhani einst zur Chefsache. Doch die innen-, außen- und wirtschaftspolitischen Krisen nahmen ihn voll in Beschlag, er überließ das Wasserproblem seinen zwei Stellvertretern, Dschahangiri und Kalantari. Man kann sagen, die beiden mühen sich redlich, aber es fehlt an einer sachlichen, präzisen Planung - und vor allem an Geld.

Kalantari sagt, dass die Umweltbehörde, der er vorsteht, viel zu wenig aus dem Staatsbudget erhält. Allein um Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft zu modernisieren und zu optimieren, würden Millionen, wenn nicht gar Milliarden Rial gebraucht.

Geld für Syrien, Jemen und Gaza

„Dafür fließt unser Geld aber nach Syrien, in den Jemen und nach Gaza“, sagt eine iranische Journalistin, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Für sie wie für andere Iraner ist es unbegreiflich, warum die Regierung Geld aus den Öleinnahmen für arabische Verbündete in Krisenregionen ausgibt, aber nicht für das eigene Volk.

Im Syrienkonflikt ist Iran neben der Türkei und Russland einer der Hauptakteure und nimmt an zahlreichen Konferenzen teil. Hier der iranische Präsident Hassan Rouhani (l.), der russische Präsident Wladimir Putin (r.), und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Quelle: dpa

Als es zum Jahreswechsel und dann im Sommer 2018 im Iran zu wütenden Protesten und Unruhen kam, thematisierten Menschen genau diesen Punkt. „Nicht Gaza, nicht Libanon, ich opfere mein Leben nur für den Iran“, war eine der auffälligen Parolen.

In einen anderen Zusammenhang setzt auch Umweltchef Kalantari die Problematik - doch ebenfalls mit Blick auf die Staatsausgaben. „Wenn gesagt wird, dass das Atomprogramm ein Recht des Volkes ist, dann sind saubere Luft und sauberes Wasser definitiv ein weitaus wichtigeres Recht der Menschen“, sagt er.

Milliarden fürs Atomprogramm

Irans Führung verschweigt, wie viel Geld in das umstrittene Atomprogramm geflossen ist. Die Dokumentationsstelle des US-Kongresses schreibt, dass es gut über 100 Milliarden Dollar (rund 86 Mrd. Euro) seien.

Die gewaltigen Investitionen haben nach Meinung von Kritikern im Iran außer langem Ärger mit den Weltmächten und Wirtschaftssanktionen nicht viel gebracht. Das Geld wäre im Umweltschutz besser angelegt, meinen sie. Nach Zahlen des Gesundheitsministeriums starben zwischen März 2016 und März 2017 zum Beispiel mehr als 4800 Menschen im Land an den Folgen von Luftverschmutzung.

Der internationale Atomvertrag von 2015 hat der Führung in Teheran viel finanziellen Freiraum zurückgegeben - etwa wegen der Freigabe von eingefrorenen Vermögen im Ausland sowie sprudelnder Erdöleinnahmen. Im Alleingang kündigte US-Präsident Donald Trump dann im Frühjahr 2018 die Vereinbarung - sie war aus seiner Sicht schlecht verhandelt.

US-Außenminister Mike Pompeo warf in einer Grundsatzrede der Führung in Teheran vor, sie habe die Mehreinnahmen nach dem Atomdeal lieber für Stellvertreterkriege im Nahen Osten ausgegeben. Sie habe die Taschen der Revolutionsgarden im Iran, der Hisbollah im Libanon, der Hamas im Gazastreifen und der Huthis im Jemen gefüllt.

Letzte Konsequenz: Auswandern

Die Menschen in Urmia versuchen, aus der Misere das Beste zu machen - zumindest vorerst. Dawud Sattari, Chef des ehemaligen Hotels „Fanus“, erinnert sich an die Zeit, als das Ökosystem des Sees noch intakt war. „Die Wellen kamen damals bis zur Hoteltreppe (...) Jetzt muss man von derselben Stelle ungefähr zwei Kilometer laufen, um überhaupt ans Wasser zu kommen.“

Als Folge muss Sattari sein ehemaliges Strandhotel umbauen: statt Strand und Touristen nun Hallen für Hochzeitsfeiern von Einheimischen. „Ich habe hier Millionen investiert und kann jetzt nicht aufgeben“, sagt er.

Natürlich ist der austrocknende See das Stadtgespräch in Urmia. Gibt es noch Hoffnung auf Rettung? Soll man bleiben? Oder in eine andere Stadt umziehen? Viele der wohlhabenderen Einwohner denken ans Auswandern. Die Grenze zur Türkei ist nur eine Stunde von der Stadt entfernt. 

Von Farshid Motahari, Oliver Beckhoff und Hans Dahne, dpa