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20:02 05.09.2018
Christian Hemschemeier ist Paartherapeut und schildert an dieser Stelle regelmäßig Fälle aus seiner Praxis. Quelle: gpt
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Hamburg

Die gute alte exklusive, verbindliche Zweierbeziehung hat noch lange nicht ausgedient. Sie ist immer noch ein hervorragender Ort, in einem relativ sicheren Rahmen echte Intimität zu leben und sich gegenseitig weiterzuentwickeln. Dem widerspricht auch nicht, dass es viele, viele Trennungen gibt – die meisten Beziehungen scheitern übrigens nach sechs bis acht Monaten an mangelnder Kompatibilität.

Wir entwickeln uns heute immer rascher weiter und wir werden immer älter. Auch haben wir recht hohe Ansprüche an Beziehungen, die der Partner nicht immer erfüllen kann und will. Deshalb kann man sagen, die Länge einer Beziehung sagt nicht automatisch etwas über die Qualität aus.

Weil es aber praktisch keine wirtschaftlichen Gründe mehr für traditionelle Beziehungen gibt, wird auch viel Neues ausprobiert. Ein Überblick:

Freundschaft plus

Dieses Konzept erfreut sich einer gewissen Beliebtheit, weil es erst mal so bequem wirkt. Wobei viele gar nicht schauen, ob es neben dem Plus die Freundschaft eigentlich gibt. Freundschaft ist ein hohes Gut, das mit entsprechender Rücksichtnahme einhergehen sollte. Man kann zu Freundschaft plus sagen: Wenn keiner von beiden verliebt ist und/oder eine klassische Beziehung will, funktioniert es. Auch wenn es ein Startübergang in eine Beziehung ist.

Ansonsten (und das ist oft der Fall) zahlt einer drauf. Man sollte nicht hoffen, dass sich aus einer längeren Phase von Freundschaft plus mehr entwickelt. Nie (nie!) sollte man dieses Konzept akzeptieren, wenn man vorher in einer festen Beziehung mit dem „Freund“ war. Das wird nur wehtun.

Offene Beziehung

Für mich ist die offene Beziehung der Yeti unter den Beziehungen. Angeblich will man ihn oft irgendwo gesehen haben, aber in echt trifft man ihn eigentlich nie an – was die offene Beziehung anbelangt, allenfalls in jüngeren Generationen. Ich habe in fast 20 Jahren Paarberatung nicht ein Paar erlebt, wo beide eine offene Beziehung führen wollten. Dabei ist das durchaus ein balanciertes Konzept, mit dem man offen umgehen kann.

Ich glaube, dass die offene Beziehung nicht funktioniert, wenn es viele Ego-Aspekte (besitzen wollen und so weiter) gibt – was bei den meisten von uns der Fall ist. Das führt zu Eifersucht und Schmerz. Wenn man diese Gefühle wirklich in der Tiefe abgebaut bekommt, kann die offene Beziehung funktionieren.

Wenn man dieses Konstrukt ausprobieren will, sollte man sich zunächst fragen: Willst ich das wirklich, oder mache ich es nur meinem Partner zuliebe? Ist mein Partner vielleicht nicht überzeugt genug von mir? Gibt es trotz allem weiterhin ein klares Ja zu diesem Beziehungstyp, sollten auch hier Regeln vereinbart werden. Viele offene Beziehungen sind nämlich nicht so offen, dass es keine Grenzen gibt. Diese liegen nur woanders. Also ist eine Grenze etwa, wenn man mit jemandem anderen schläft? Was ist, wenn sich einer anderweitig verliebt (die Wahrscheinlichkeit wird häufig sehr unterschätzt).

Polyamorie

Bei der Polyamorie geht es darum, dass mehr als zwei Menschen sich in irgendeiner Weise lieben und versuchen, dies verbindlich zu leben. So könnte beispielsweise (es gibt natürlich endlose Möglichkeiten) eine asexuelle Frau, die aber gern in Beziehung sein möchte, eine Dreierbeziehung führen mit einem Mann und einer weiteren Frau.

Es gibt hier eine sehr aktive Szene und es spricht auch im Prinzip nichts gegen solche Konzepte. Voraussetzung ist, dass jeder genau weiß, was läuft, und eben nichts heimlich ist.

Leider wird der Begriff auch von Menschen benutzt, die sich wegen ihres vermeidenden Bindungsstils gar nicht binden wollen und dann solche Begriffe (die eher in die Irre führen) verwenden. Nicht erwarten sollte man, dass solche Mehrfachbeziehungen weniger Probleme aufwerfen als konventionelle Beziehungen. Natürlich gibt es noch viel mehr Varianten. Aber allein anhand dieser drei Konzepte wird klar, dass man der Komplexität des Beziehungslebens keineswegs durch ein (vermeintlich) progressives Bindungsmodell entfliehen kann. In jeder Beziehungsform ist Ehrlichkeit zu sich selbst und zu dem/den anderen entscheidend.

Der Autor ist zu erreichen unter
www.liebeschip.de.

Von Christian Hemschemeier

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