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Wissen Resistente Erreger in norddeutschen Gewässern entdeckt
Nachrichten Wissen Resistente Erreger in norddeutschen Gewässern entdeckt
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20:29 06.02.2018
Die Bakterien können besonders für Ältere und Neugeborene gefährlich werden.  Quelle: dpa
Hamburg/Hannover

Bei stichprobenartigen Untersuchungen von Gewässern sind antibiotika-resistente Keime gefunden worden. Gesundheitsexperten sind besorgt über die Ergebnisse. „Das ist wirklich alarmierend“, sagte Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut dem NDR. Reporter des Senders hatten an insgesamt zwölf Stellen in Niedersachsen Proben genommen - unter anderem an Badeseen, Flüssen und Bächen. Sie füllten unter anderem Wasser in sterile Flaschen ab und ließen es in Labors testen.

„Die Tatsache der Belastung an sich war bekannt“, sagte Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gestern den LN. „Was überraschend ist, ist das Ausmaß.“ Die Proben, die in zwölf Gewässern wie Bächen und Seen in Niedersachsen gezogen wurden, waren durchweg positiv. „Das ist das Alarmierende“, stellt Susanne Glasmacher fest. Vermutlich werde man an den Badestränden ebenso fündig. „Sie finden solche Keime überall. Das ist Teil des Problems.“

An der Infektion mit den sogenannten „Krankenhaus-Keimen“ war im vorigen Frühjahr ein vor dem Ertrinken geretteter Badender gestorben. Das war Anlass für die NDR-Recherche. Zwar müsse man nun keine Angst vorm Baden haben, sagen Experten. Doch deutschlandweit sterben laut RKI jährlich bis zu 15 000 Menschen im Zusammenhang mit Krankenhaus-Keiminfektionen.

Fragen und Antworten zum Thema: Antibiotika-resistente Keime in Gewässern - Was bedeutet das?

Flächendeckende Untersuchungen zum Vorkommen der Keime in Gewässern gibt es nicht. In Schleswig-Holstein läuft derzeit eine Untersuchung von Kläranlagen durch das Universitätsklinikum Eppendorf. „Erste Hinweise werden Ende Februar erwartet“, erklärt Ministeriumssprecherin Jana Ohlhoff. Oberflächengewässer würden nicht auf resistente Keime geprüft.

Aus Kliniken und der Landwirtschaft gelangen die Keime über das Abwasser in die Umwelt. Das Umweltbundesamt fordert daher laut NDR nun, größere Klärwerke nachzurüsten, um die Ausbreitung der Keime zu stoppen.

Reste in den Müll?

Antibiotika-Reste können Patienten über den Hausmüll entsorgen, wenn dieser in der Gemeinde verbrannt wird. Das kann man auf der Internetseite www.arzneimittelentsorgung.de nachschauen. In Lübeck nehmen Apotheken und Wertstoffhöfe Medikamente an. Keinesfalls sollte man Arzneimittel in der Toilette herunterspülen oder in den Ausguss kippen. 

Bislang sind die Klärwerke dazu nicht in der Lage. „Es gibt keine wissenschaftliche, technische oder gesetzliche Basis, auf der wir handeln könnten“, verdeutlicht Nicole Buschermöhle vom Zweckverband Ostholstein (ZVO). „Die Kostenübernahme müsste geklärt sein.“ Auch Röntgenkontrastmittel oder Mikroplastik würden in die Gewässer gelangen, so der ZVO. „Hinten an der Kette, bei den Kläranlagen anzufangen, greift zu kurz.“ Hersteller und Verursacher müssten in die Pflicht genommen werden.

Kieler Politiker reagierten gestern entsetzt. „Wir brauchen eine umfängliche Antibiotika-Reduktionsstrategie“, fordert Umweltminister Robert Habeck (Grüne). Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) spricht sich für eine Minimierung des Antibiotikaeinsatzes aus.

Hans Hinrich Neve von der CDU-Fraktion mahnt, alle Gewässer müssten untersucht werden. „Damit man weiß, was los ist und nicht im Nebel stochert.“ Die SPD-Opposition fordert Garg auf, einen „Masterplan Hygiene“ vorzulegen, der den Umgang mit Antibiotika in Landwirtschaft und Umwelt umfassend regele.

Habeck: Multiresistente Keime sind problematisch

Kiel. Ende des Monats werden erste Untersuchungsergebnisse über mögliche antibiotika-resistente Keime in Kläranlagen in Schleswig-Holstein erwartet. „Multiresistente Keime können auch in Schleswig-Holstein ein Problem darstellen“, sagte Umweltminister Robert Habeck (Grüne) am Dienstag. Im vergangenen Jahr sei ein Forschungsprojekt gestartet worden. Dabei wurden an acht Kläranlagen Proben genommen. „Es ist entscheidend, dass wir wissen, welche Keime auf welchen Eintragswegen in die Umwelt gelangen, um dann zielgenau und umfassend handeln zu können.“

In Niedersachsen waren bei stichprobenartigen Untersuchungen von Gewässern antibiotika-resistente Keime gefunden worden. Reporter des NDR hatten an insgesamt zwölf Stellen in dem Bundesland Proben genommen - unter anderem an Badeseen, Flüssen und Bächen. Sie füllten Wasser in sterile Flaschen ab und ließen es in Labors testen. Ergebnis: An allen untersuchten Orten - darunter auch zwei Badestellen - waren den Angaben zufolge sogenannte multiresistente Erregernachweisbar. Solchen Keimen können einige Antibiotika nichts mehr anhaben, die daran Erkrankten sind besonders schwer zu behandeln.

In Schleswig-Holstein werden aktuell keine Flüsse und Seen auf multiresistente Keime geprüft. Nur im Sommer lässt das Gesundheitsministerium die Wasserqualität an den Badestellen überprüfen. Während der Saison würden die Gewässer mittels sogenannter Indikatorkeime beprobt, wie ein Ministeriumssprecher sagte. Sie dienten der Erkennung von Verschmutzung fäkalen Ursprungs durch Abwasser. Diese Verschmutzungen können auch multiresistente Keime beinhalten. Werden Grenzwerte überschritten, wird für die entsprechende Badestelle ein Badeverbot ausgesprochen.

Von Marcus Stöcklin

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