Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wissen Studie: Rechtschreibung lernt sich am besten mit der Fibel
Nachrichten Wissen Studie: Rechtschreibung lernt sich am besten mit der Fibel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:30 16.09.2018
Ein Mädchen übt in ihrem Schreibheft die deutsche Rechtschreibung. Quelle: Jens Kalaene
Anzeige
Bonn/Dortmund

Grundschüler lernen Rechtschreibung am besten nach der klassischen sogenannten Fibelmethode. Zu diesem Ergebnis kommt eine Bonner Studie, bei der die Lernerfolge von gut 3000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen analysiert wurden.

Andere Ansätze wie „Lesen durch Schreiben“ und „Rechtschreibwerkstatt“ schnitten weitaus schlechter ab. Die Ergebnisse werden diese Woche bei einer Tagung der Gesellschaft für Psychologie in Frankfurt vorgestellt.

Bei der Fibelmethode werden Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt. Danach lernende Kinder hatten mit Abstand die besten Rechtschreibkenntnisse, wie Una Röhr-Sendlmeier vom Institut für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie berichtet. Das Psychologenteam hatte über mehrere Jahre hinweg die Rechtschreibkenntnisse von Grundschulkindern in NRW verglichen, die nach drei verschiedenen Methoden Lesen und Schreiben lernten.

Viele Eltern seien in Sorge, weil ihre Kinder zum Ende der Grundschule die Rechtschreibregeln kaum beherrschten, so Röhr-Sendlmeier. „Sie fragen, ob dies auch mit der eingesetzten freien Lehrmethode zusammenhängen könnte, nach der die Kinder nur nach ihrem Gehöreindruck schreiben sollen.“

Blick zurück: Das lange gängige Fibel-Lernen war mancherorts vor allem vom „Lesen durch Schreiben“ nahezu verdängt worden, bis sich daran immer mehr Kritik entzündete, wie Bildungsforscherin Nele McElvany von der Universität Dortmund erläutert. „Tatsächlich ist problematisch, dass es praktisch keine empirischen Studien gibt, was die Wirksamkeit dieser Methode angeht.“ Die Idee: Schüler sollen möglichst viel frei schreiben und das Lesen darüber mitlernen. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sind unerwünscht, weil das die Kinder demotiviere.

Dabei könne man Schüler sehr wohl Regeln und Prinzipien einüben lassen und sie zugleich mit positivem Feedback ermutigen, erklärt McElvany. Das Fibel-Lernen sei regelgeleitet, baue strukturiert aufeinander auf und setze auf Übungsphasen. Das Ergebnis der Psychologen mit der Top-Note für den Fibel-Ansatz hält sie für „nicht unplausibel“.

Der beteiligte Bonner Wissenschaftler Tobias Kuhl erläutert zu der Forschungsarbeit: „Wir sind wertfrei rangegangen.“ Das „Lesen durch Schreiben“ und die „Rechtschreibwerkstatt“ führten nachweislich zu vielen Fehlern. Ein fest vorgegebener Ablauf vom Einfachen zum Komplexen habe sich als klar überlegen erwiesen. Die Ergebnisse will er bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie an diesem Montag in Frankfurt vorstellen.

Die mehr als 3000 Kinder wurden Kuhl zufolge zunächst nach ihrer Einschulung auf ihre Vorkenntnisse getestet. Danach seien fünfmal jeweils halbjährlich Diktate ausgewertet worden - immer waren Fibelkinder die leistungsstärksten. Schüler, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, machten am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler, „Werkstatt“-Schüler sogar 105 Prozent mehr als Fibelkinder. Auch Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch war, profitierten vom „Fibel“-Ansatz.

McElany zufolge lässt die Studie allerdings offen, ob es bei der Einschulung schon unterschiedliche Voraussetzungen bei den Kindern gab und inwieweit diese im Schulverlauf erhalten blieben. Angesichts der teils dramatisch schwachen Kompetenzen sei eine Methodendebatte wichtig. Orthografie sei Fleißarbeit und müsse in den ersten Schuljahren geübt werden. „Es ist wie auch das Lesen eine Kernkompetenz, die Grundschüler lernen müssen. Dafür brauchen sie in den Schulen und zuhause den zeitlichen Raum.“

Der Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU von Ende 2017 zufolge kann jeder fünfte Zehnjährige in Deutschland nicht so lesen, dass er den Text auch versteht. Und der bei Viertklässlern erhobene IQB-Bildungstrend 2016 ergab, dass nur 55 Prozent orthografische Regelstandards erreichen oder übertreffen.

Der Bildungsverband VBE zeigte sich hinsichtlich der neuen Ergebnisse skeptisch. Grundsätzlich sei es „nicht zielführend“, die Rechtschreibfähigkeit als einzelnen Aspekt losgelöst von allen anderen Lernprozessen zu untersuchen. Der Vorsitzende Udo Beckmann meint: „Eine einseitig festgelegte Rückkehr zum Unterricht mit der Fibel ist keine Lösung.“

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

140 Kilometer lang, 55 Kilometer breit und kristallblau – der Urmia-See war einst ein Urlaubsparadies. Dass er heute austrocknet, hängt auch mit der Misswirtschaft der iranischen Regierung zusammen. Eine Spurensuche.

16.09.2018

Angesichts des Lehrermangels möchte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Lehrerberuf attraktiver machen und dringt auf eine Arbeitsentlastung der Pädagogen.

15.09.2018

Angesichts des Runs auf die Hochschulen fördert der Bund hunderttausende neue Studienplätze mit Milliardensummen. Wo das Geld genau eingesetzt wird, weiß die Bundesregierung allerdings nicht.

15.09.2018
Anzeige