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Wissen Warum sollten wir uns aufs Alter freuen, Eckart von Hirschhausen?
Nachrichten Wissen Warum sollten wir uns aufs Alter freuen, Eckart von Hirschhausen?
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19:00 08.03.2019
Arzt, Animateur, Autor: Dr. Eckart von Hirschhausen etablierte medizinisches Kabarett als neues Genre. Quelle: dpa-Zentralbild

In Ihrem aktuellen Buch behaupten Sie, dass die zweite Hälfte des Lebens die bessere ist. Wie kommen Sie darauf?

Das Buch, das ich zusammen mit dem Neurowissenschaftler Tobias Esch geschrieben habe, beruht auf wissenschaftlichen Daten aus sehr großen Langzeitstudien verschiedener Gruppen mit über einer Million Teilnehmern weltweit. Eine der Entdeckungen von Tobias Esch ist, dass die meisten Menschen in der Tat mit 67 zufriedener sind als mit 17 oder 37.

Welche Gründe gibt es dafür?

Nach dem „Tal der Tränen“ in der Lebensmitte, wo einen Arbeit, Familie und Gesundheit gleichzeitig stressen, kommt die Zeit, wo man trotz einiger Macken tatsächlich gelassener wird und positive Dinge stärker wahrnimmt. Das dreht die gängige Sicht des Älterwerdens als „Abbau“ komplett um und hat für eine große Welle gesorgt. Man kann nicht immer 17 sein, muss man auch nicht.

Sie selbst sind jetzt 51. Was ist bei Ihnen persönlich besser geworden?

Ich habe an meinem fünfzigsten Geburtstag verstanden, dass ich niemandem mehr etwas beweisen muss, das ist ein großes Glück und eine große Freiheit. Jetzt geht es in die bessere Hälfte. Ich habe mehr erreicht, als ich je zu träumen gewagt habe. Jetzt ist mein Ziel, die Freiheiten, die ich mir geschaffen habe, bewusster zu genießen. Warum soll ich versuchen, zu werden wie andere? Andere gibt es doch schon genug.

Aber die meisten bemerken schon ab Anfang 40, dass es körperlich bergab geht. Rückenschmerzen und Gleitsichtbrillen sind beherrschende Themen. Wie soll man sich darauf freuen?

Wir müssen dringend aufhören, Älterwerden als Krankheit oder stetiges Schlimmerwerden zu begreifen. Altern ist kein Abgesang, Altern ist Leben für Fortgeschrittene. Ich habe auch Knieschmerzen, Rücken und seit Neuestem eine Gleitsichtbrille. Entspannungsbrille, wie der Verkäufer immer so freundlich war zu betonen (lacht). Natürlich blenden wir nicht aus, dass das Leben grausam und ungerecht sein kann. Erstaunlicherweise bedeutet Krankheit aber nicht automatisch Unglücklichsein. Die Forschung zeigt, dass es Älteren oft gelingt, ihre Zufriedenheit von körperlichen Gebrechen loszukoppeln. Das nennt man „Wohlfühlparadoxon“. Man setzt die Erwartungen nicht mehr so hoch, kann loslassen, wird gelassener und glücklicher.

Das mag ja für Mittfünfziger gelten. Aber im höheren Alter nehmen ernsthafte Erkrankungen zu, die Unabhängigkeit nimmt ab. Es gibt nicht genug Pflegekräfte, und die Altersvorsorge reicht nicht für ein Einzelzimmer im Heim. Deshalb haben viele Menschen Angst vor dem Alter.

Natürlich gibt es Menschen, die leiden und krank sind. Und die Kürzungen und Zustände in der Pflege sind desaströs. Die unmittelbare Zeit vor dem Tod ist für viele Menschen nicht schön. Das weiß ich. Aber aus Angst vor dieser letzten Phase die ganze Zeit in Sorge zu verbringen ist echte Zeitverschwendung. Ich will vor allem rüberbringen: Seid nicht die ganze Zeit gegen das Leben. Ich bin Anti-Anti-Aging!

Als Anti-Aging werden ja Maßnahmen und Produkte bezeichnet, die zum Ziel haben, das biologische Altern des Menschen hinauszuzögern. Was haben Sie dagegen?

Wir sind biologisch mit zwei Programmen ausgestattet: Vermehr dich, und verzieh dich. Bringe etwas Neues in die Welt – seien es Kinder oder Ideen – und dann steh dem Neuen nicht ewig im Weg. In einem meiner Lieblingscartoons, den ich jeden Abend auf der Bühne zitiere, sagt Charly Brown: „Eines Tages werden wir alle sterben“, darauf antwortet ihm Snoopy: „Ja, aber an allen anderen Tagen nicht.“

Eckart von Hirschhausen moderiert unter anderem „Frag doch mal die Maus“. Quelle: WDR/Max Kohr

In Ihrem Buch geht es auch um einen guten Lebensstil als Voraussetzung dafür, zufrieden zu altern. Was ist entscheidend?

Lassen Sie alles weg, was das Leben verkürzt. 15 Jahre unseres Lebens hängen am Lebensstil. Es gibt keine Tablette, keine Operation und erst recht keine Creme, die uns besser schützen als fünf ganz einfache Dinge des Alltags: nicht rauchen, bewegen, Gemüse – erwachsen werden und Kind bleiben.

Sie meinen neugierig bleiben, ausprobieren, so etwas.

Genau. Wir dürfen nie aufhören, Fragen zu stellen und Dinge infrage zu stellen. Kinder machen das ganz intuitiv, und in diesem Punkt sollten wir wirklich Kind bleiben.

Wer sind Ihre älteren Vorbilder?

Es gibt so viele, die wir bewundern können für ihre Leistungen im hohen Alter. In unserem Buch sprechen wir mit unseren Müttern, mit Nobelpreisträgern bis hin zu Querschnittsgelähmten, was deren Überlebenstipps sind. Es sind Dinge wie Neugier, Dankbarkeit und Sinn – nichts, was sich kaufen lässt, und dennoch mit das Wichtigste im Leben. Einer der neugierigsten und beeindruckendsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte, ist Eric Kandel, der den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam. Und als er gefragt wurde, worauf er sein Talent zurückführt, erzählte er von seinem jüdischen Elternhaus in Wien. Die anderen Kinder wurden nach der Schule immer gefragt: „Was hast du heute gelernt?“ Von ihm hingegen wollten seine Eltern wissen: „Was hast du heute für eine Frage gestellt?“

Worüber haben Sie zuletzt gestaunt?

Ich staune jeden Abend, wenn ich auf der Bühne stehe. In meinem Bühnenprogramm „Endlich!“ gibt es eine Aktion mit dem Publikum, in der die Zuschauer aufschreiben, was auf ihrer persönlichen Lebenslust-Liste steht, also Dinge, die sie noch unbedingt erleben wollen, wovon sie träumen. Was da kommt, kann sich kein Mensch ausdenken, und es versetzt mich wirklich oft in Staunen. Neulich wollte jemand ohne Plastik leben, oder ein anderer ein barrierefreies Fitnessstudio eröffnen. Deswegen ist auch jeder Abend so einzigartig.

Sie sprechen jetzt viel über die guten Seiten des Altwerdens. Aber es gibt ja zum Beispiel auch den Begriff Altersstarrsinn.

Ja, das gibt es auch, siehe Brexit und Donald Trump. Ich hoffe, ich werde mal altersmilde.

Und wie werde ich nicht zum nörgelnden Alten?

Pflegen Sie ein gutes soziales Netz – und damit meine ich nicht Facebook. Umgeben Sie sich mit Älteren, lernen Sie von ihnen und erkennen Sie, wo sie Vorbilder sein können. Glaube oder Spiritualität helfen ebenfalls – der Gedanke, Teil eines größeren Ganzen zu sein, Teil eines Kreislaufs oder der Natur. Und auch, wenn es wie ein Klischee klingt – Gartenarbeit hilft! Gartenarbeit ist ein schönes Bild für die Freude im Alter. Man ist aktiv, bewegt sich an der frischen Luft, sieht etwas wachsen, ist weder über- noch unterfordert und das Wichtigste: Man ist eigentlich nie damit fertig.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass die Grundlagen für Zufriedenheit im Alter schon früh gelegt werden.

Das stimmt, und leider wird in meinen Augen immer noch viel zu wenig getan, um die menschliche Entwicklung in einem großen Bogen zu sehen. Die geht los im Mutterleib, wo Tausende Kinder schon durch Alkohol geschädigt werden. Komplett vermeidbar. Und dann die Schule: Was habe ich alles für unnötiges Zeug gelernt, über Punische Kriege etwa. Danach hat mich die letzten 35 Jahre niemand mehr gefragt. Über den Umgang mit Panikattacken aber, die zu den häufigsten psychischen Erkrankungen gehören, habe ich keine einzige Schulstunde gehabt. Auch nichts über Depression, Suizidprophylaxe oder Achtsamkeit. Das bekommen wir alles erst beigebracht, wenn wir psychosomatisch krank geworden sind. Für Prävention fehlt das Geschäftsmodell. Wenn jemand nicht krank wird, verdient keiner was. Und so altert man, wie man gelebt hat.

Im Audimax der Universität zu Lübeck hat Bestseller-Autor Dr. Eckart von Hirschhausen eine Vorlesung für fast 600 Studierende gehalten. Sein Vortrag für mehr Humanität in der Humanmedizin kam gut an. Quelle: Lutz Roeßler

Der Blick auf das Älterwerden soll Ihrer Meinung nach auch die Entstehung von Krankheiten beeinflussen.

Es gibt eine faszinierende Studie der Psychologin Becca Levy, dass man sein Risiko, an Demenz zu erkranken, verringern kann, wenn man positiv auf das Alter schaut. Bei gleicher Genetik entscheiden die Altersbilder im Kopf darüber, wie wir uns entwickeln. Konkret weiß man, dass bei der Entstehung einer Demenz Entzündungsprozesse eine wichtige Rolle spielen. Und die werden durch Stress angefacht, auch den, den man sich selbst macht. Eine positive Vorstellung vom Alter reduziert den Stress und bedeutet damit ein geringeres Demenzrisiko. Eine positive Sicht auf das Alter hat also einen wichtigen Effekt – nicht den alleinigen, aber einen wichtigen.

Was leistet die moderne Medizin dabei?

Die Medizin täte gut daran, ein bisschen bescheidener zu werden, auch in dem heroischen Anspruch, den sie nach außen hin signalisiert: „Wir können alles Leiden dieser Welt heilen.“ Das wird weder den Patienten noch den Ärzten gerecht. Ärzte sollten sich mehr als Begleiter verstehen, die viel dafür tun können, damit Menschen in den Leitplanken eines guten Lebens bleiben.

Wie wichtig sind Vorsorgeuntersuchungen?

Es gibt viele sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen, deswegen mache ich mich persönlich für die Darmspiegelung stark. Für meine ARD-Sendung „Hirschhausens Quiz des Menschen“ habe ich mich spiegeln lassen, um bestehende Vorurteile abzubauen: Es bringt etwas, es tut nicht weh, und es muss auch niemandem peinlich sein. Bei mir wurde ein Polyp gefunden. Wäre der nicht entfernt worden, hätte in den nächsten Jahren Krebs entstehen können.

In Ihrem Buch geht es auch um Sexualität im Alter. Was spielt die für eine Rolle?

Fragen Sie mich in 25 Jahren noch mal. Was ich heute schon weiß: So wie sich Glück über die Lebensspanne verändert, ist auch der Wunsch nach Nähe, Zärtlichkeit und Sexualität etwas, das sich unterschiedlich entwickelt. Eine Freundin, Mitte 50, hat mir gerade verraten, dass sie den besten Sex mit einem über 80-Jährigen hat. Das gibt doch Hoffnung! Die Definition von „gut im Bett“ verändert sich. Für manche Männer heißt das auch: schnarcht nicht und klaut einem mitten in der Nacht nicht die Decke.

Sie schreiben auch, dass Ihre Frau darauf aufpasst, dass Sie nicht zu viel arbeiten. Leben Menschen in festen Beziehungen länger, gesünder, glücklicher?

Tatsächlich tun Liebe und positive Beziehungen dem Menschen gut. Glück kommt selten allein. Dazu muss man aber nicht verheiratet sein. Gute Freundschaften halten meistens länger als Ehen. Also Vorsicht bei dem, was man sich wünscht! Dazu passt ein Witz: Einem Paar erscheint eine Fee. Die beiden hatten mit 25 geheiratet, mit 50 zur Silberhochzeit dürfen sie sich jetzt etwas wünschen. Die Frau wünscht sich eine Weltreise mit dem Schiff – zack – hat sie die Tickets in der Hand. Der Mann schaut die Frau an, schaut die Fee an und fragt: „Darf ich mir wirklich alles wünschen?“ „Ja.“ „Dann wünsche ich mir eine Frau, die dreißig Jahre jünger ist als ich!“ – zack – ist er 80!

Der ist echt lustig. Aber noch mal im Ernst: Wie alt wollen Sie denn selbst werden?

Die Frage nach einer Zahl kann ich Ihnen nicht beantworten, aber die nach dem „Wie“. Ich möchte selbstbestimmt in meiner Wohnung alt werden, umgeben von lieben Menschen, eingebettet in ein soziales Netzwerk von Engagement, Füreinander-da--Sein und mit Sinn und Lebensfreude. Ich wünsche mir, dann noch gebraucht zu werden, so wie wahrscheinlich die meisten Menschen.

Zur Person: Eckart von Hirschhausen

In Frankfurt am Main geboren, studierte Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg. Gleichzeitig trat er in Fußgängerzonen und Varietés als Komiker und Zauberer auf.

Sein Durchbruch gelang, als er bei seinen Auftritten das Zaubern wegließ und aus dem Krankenhaus erzählte. Da stand auf einmal nicht mehr nur der Komiker auf der Bühne, sondern auch ein promovierter Mediziner. Der „Doktor der Nation“ (Eigenwerbung), dem die Menschen vertrauen. „Firlefanz und Relevanz“ sei die Formel, sagt Hirschhausen.

Seit über 20 Jahren ist er so als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf den großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Mit Büchern wie „Arzt-Deutsch“, „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ oder „Wunder wirken Wunder“ zählt er zu den erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Sein neues Buch „Die Bessere Hälfte. Worauf wir uns mitten im Leben freuen können“ (gemeinsam mit Tobias Esch) erschien im September 2018.

Seit Dezember 2017 ist er mit seinem neuen Bühnenprogramm „ENDLICH“ auf Tour durch ganz Deutschland. In der ARD moderiert Eckart von Hirschhausen die Wissensshows „Frag doch mal die Maus“ und „Hirschhausens Quiz des Menschen“ sowie die Doku-Reihe „Hirschhausens Check-up“.

Hinter den Kulissen engagiert sich Eckart von Hirschhausen mit seiner Stiftung Humor hilft Heilen für mehr gesundes Lachen im Krankenhaus, für Forschungs- und Schulprojekte. Als Botschafter und Beirat ist er für die „Deutsche Krebshilfe“, die „Deutsche Bahn Stiftung“, die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“, die Mehrgenerationenhäuser und „Phineo“ tätig. Zudem agiert er als Schirmherr von „Klasse 2000“, dem Programm gegen Tabakabhängigkeit „Be smart Don´t start“.

Von Sonja Fröhlich

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