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10:00 09.03.2019
Funktioniert irgendwas in oder an uns nicht, werfen wir eine Pille ein oder rennen zwecks zügiger Reparatur zum Doktor. Wir behandeln unseren Körper wie eine Maschine. Quelle: Gina Patan
Hannover

Der junge Mann, um die 20, kam mit dem Rettungswagen. Und mit seiner Mutter. Er hatte Husten – ein wenig. Und leicht erhöhte Temperatur. Christian C. hörte sich die Beschwerden des jungen Mannes an und sagte ihm dann, wie er das einschätzte: eine Lappalie. Er sagte ihm, er solle nach Hause gehen und sich eine Weile ins Bett legen. Da mischte sich die Mutter ein. Sie drohte Christian C., sie werde ihn verklagen, wenn er ihren Sohn nicht sofort behandele.

Christian C., Leiter der Notaufnahme einer Klinik irgendwo in Deutschland, hat unzählige solcher Szenen erlebt. Zu ihm, der für Unfälle und Herzinfarkte zuständig ist, kommen Leute mit Halskratzen. 40 Prozent der Menschen, die heute die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchten, sagt Christian C., gehörten da nicht hin.

Was diese Menschen haben, sind kleine Störungen. Was sie nicht haben: „Sie haben keine Beziehung zu ihrem Körper.“ Er selbst, erzählt der Arzt, 57 Jahre alt, habe von seiner Mutter gelernt, dass man sich im Fall einer Erkältung mit Wadenwickeln ins Bett packt, und dann ist es irgendwann gut. „Heute wissen die Leute das nicht mehr.“

Wir behandeln unseren Körper wie eine Maschine

Es sieht tatsächlich so aus, als würde unser Umgang mit unserem Körper langsam aus dem Ruder laufen. Die überfüllten Notaufnahmen sind nur eines der Symptome. Ein anderes sind die zunehmenden Kaiserschnitte. Medizinisch notwendig sind solche Eingriffe bei 10 bis 15 Prozent aller Geburten. Bundesweit werden sie aber bei mehr als 30 Prozent vorgenommen. Der Grund: Angst vor Schmerzen und Komplikationen. Deswegen entscheiden sich viele Frauen gegen einen Vorgang, der der natürlichste der Welt ist.

Das passt allerdings zu unserem sonstigen Alltag. Wir essen zu viel, und schlafen zu wenig und bewegen uns noch weniger. Funktioniert irgendwas in oder an uns nicht, werfen wir eine Pille ein oder rennen zwecks zügiger Reparatur zum Doktor. Wir behandeln unseren Körper wie eine Maschine.

Eine der Ursachen dafür stammt aus dem 17. Jahrhundert und heißt René Descartes. Der französische Philosoph gilt als der Begründer des Rationalismus – der Verstand steht über allem – und des sogenannten Dualismus. Descartes war überzeugt, dass das menschliche Dasein in zwei Erscheinungsformen zerfällt, eine körperliche und eine seelisch-geistige.

„Sie haben keine Beziehung zu ihrem Körper“: Wartebereich in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Quelle: VM/Getty Images/iStock

Descartes’ Sicht auf die Welt hat sich zumindest in ihrem abendländisch geprägten Teil durchgesetzt. Wir halten uns für Verstandesmenschen. Wenn man es sehr zuspitzt, dann ist in diesem Denkmodell der Körper eigentlich nur dazu da, uns durch die Gegend zu tragen und ab und zu ein bisschen Spaß zu bereiten, und ansonsten hat er seinen Job zu machen.

Die Folge: Im Laufe vor allem der letzten beiden Jahrhunderte, in denen die Medizin extreme Fortschritte gemacht hat und in der wir, bezogen auf die Gesamtgesellschaft, immer weniger körperlich arbeiten mussten, in denen wir also die Verantwortung für unseren Körper immer mehr delegiert haben, ist er uns fremd geworden.

Ja, wir treiben Sport. Aber hergestellt wurden unsere Muskeln nicht dafür, dass wir in Hightech-Klamotten an Hightech-Geräten unter Neon schwitzen. Es führt auch eine direkte Linie von Descartes zur Apparatemedizin. Wohlgemerkt: Die Schulmedizin hat das Wissen um die Funktionen im Körper unendlich bereichert und die Behandlungsmethoden vervollkommnet. Aber eben oft nur die Methoden, die sich auf die Arbeit unseres Körpers konzentrieren.

Unser Handeln wird vom Unterbewussten bestimmt

Es ist nicht so, dass der Verstand alles bestimmt und der Körper nur das ausführende Organ ist, während die Seele irgendwo am Rand geduldig darauf wartet, in Krisenzeiten oder in der Kirche auch mal Laut geben zu dürfen. Wie wenig der Verstand regiert, kann man schon daran ablesen, dass Menschen rauchen, zu schnell Auto fahren und das Ökosystem Erde ruinieren.

Wären wir tatsächlich das, was wir immer „vernünftig“ nennen, würden wir mit all dem (und mit noch viel mehr) sofort aufhören. Tun wir aber nicht. Warum? Weil wir zwar (auch) denken, weil aber unser Handeln zu einem viel höheren Prozentsatz – Neurowissenschaftler und Psychologen sprechen von mehr als 90 Prozent – vom Unterbewusstsein bestimmt wird. Und das besteht aus einem Geflecht aus Emotionen und körperlichen Empfindungen.

Ein Beispiel. Nehmen wir an, unser Vater hat vor vielen Jahren gesagt, aus uns werde nie was Anständiges werden. Diese Herabwürdigung ist, zusammen mit dem damaligen Gefühl, dass sich uns der Magen umdreht, im Unterbewussten gespeichert (wie alles, was wir je erleben und empfinden). Wenn uns jetzt der Chef abkanzelt, dreht sich uns wieder der Magen um. Und dann wollen wir demonstrieren, dass wir ganz tolle Angestellte sind.

Wir haben über Generationen gelernt, dass wir funktionieren müssen

So kommt es, dass wir viel zu viel arbeiten und auch noch überzeugt sind, wir täten das für unsere Karriere und unsere Familie. Dabei wollen wir eigentlich nur unserem Vater beweisen, dass wir doch was taugen. Das Magenumdrehen (und die Erinnerung an damals) wäre der Schlüssel gewesen. Über solche Signale, über das Wohlfühlen und das Nichtwohlfühlen, kommunizieren Körper und Seele mit unserem Kopf.

Leider verstehen wir das nicht mehr so gut. Wir haben über Generationen gelernt, dass wir vorrangig funktionieren müssen, bei der Arbeit, als Eltern, als Partner. Und vor allem Unwohlsein und Schmerz hindern uns daran zu funktionieren. Also ignorieren wir sie, und wenn das nicht geht, bekämpfen wir sie.

Seit Descartes wird uns ja erzählt, dass der Körper nur Mittel zum Zweck ist. Diese Haltung hat sich, je besser die Medizin wurde, immer mehr zugespitzt. Und heute lassen wir uns wegen Wehwehchen vom Rettungswagen in die Notaufnahme fahren. Aber der Schmerz ist nicht unser Feind. Er ist notwendig. Nicht bloß, wenn wir die Hand auf eine heiße Herdplatte legen.

Unwohlsein und Schmerz hindern uns daran zu funktionieren. Also ignorieren wir sie, und wenn das nicht geht, bekämpfen wir sie. Quelle: Sina Schuldt/dpa

Der Körper weist uns darauf hin, wenn irgendetwas unsere Aufmerksamkeit braucht. Wenn unsere Nackenmuskulatur verkrampft ist, dann stimmt etwas nicht mit der Balance aus Anspannung und Entspannung in unserem Leben. Wenn wir nicht schlafen können, gibt es irgendwas, das uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Wer jetzt Schlaftabletten schluckt, übertüncht bloß die Symptome.

Stattdessen wäre es gut herauszufinden, was die Ursache hinter den Symptomen ist. Denn wenn wir nicht auf unseren Körper hören, dann greift er irgendwann notgedrungen zu drastischeren Mitteln, sprich: zu ernsten Erkrankungen.

Die Trennung von Körper, Geist und Seele ist eine Illusion. Alle drei Teile gehören, mindestens bis zum Tod, untrennbar zusammen. Naturverbundene Heilverfahren wie die traditionelle chinesische Medizin oder auch die indische Ayurveda-Heilkunst berücksichtigen das seit Urzeiten. Da wird man nicht nur wegen Magenschleimhautentzündung behandelt, sondern auch wegen zu viel Stress.

Unsere Intuition sagt uns, was wir brauchen

Glücklicherweise nimmt bei uns die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die den Menschen als Ganzes betrachten und nicht mehr (nur) darauf setzen, einzelne Organe bei Fehlverhalten mit einer Ladung Chemie zur Räson zu bringen, deutlich zu.

Das wichtigste Instrument zur Gesunderhaltung aber sind immer noch wir selbst. Unsere Intuition sagt uns, was wir brauchen. Wie? Einfach in sich reinhorchen. Man muss das vielleicht erst mal etwas trainieren, und man muss manchmal auch zweimal hinhören, was der Körper genau meint – ob er jetzt wirklich gerade „Sofa“ gesagt hat, oder ob er sich erst nach einer halben Stunde Joggen hinlegen will.

Aber im Prinzip können wir immer noch spüren, was uns gut tut. René Descartes hat uns vielleicht den Verstand vernebelt. Seele und Körper aber konnte er nichts anhaben.

* Der volle Name von Christian C. ist der Redaktion bekannt. Der Arzt wollte mit Rücksicht auf seine Patienten und seinen Arbeitgeber keine genauen Angaben zu seiner Person machen.

Von Bert Strebe

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