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Wissen Wenn ein Fußballkreis zum K.-o.-Kriterium wird
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20:00 20.01.2018
Im Fußball vereint: Mirco von Juterczenka mit seinem Sohn Jason. Quelle: Sabrina Nagel, privat
Hannover

Wie kam es zu der Suche nach dem Lieblingsverein?

Zum Geburtstag schenke ich meinem Vater immer einen Stadionbesuch. Irgendwann wollte Jason mit. Anfangs waren wir skeptisch. Im Stadion ist es eng und laut – zwei Dinge, die er im Alltag nicht mag. Weil er nicht lockerließ, besuchten wir zu dritt ein Champions- League-Spiel von Bayer Leverkusen. Jason war begeistert – weniger vom Spiel als von den Anzeigetafeln und Fangesängen. Auf der Rückfahrt fragte er mich, von welchem Verein er eigentlich Fan sei. Die Antwort darauf suchen wir bis heute.

Konnten Sie Jason nicht für Ihren Lieblingsverein Fortuna Düsseldorf begeistern?

Alle Versuche scheiterten, vor allem wegen schlechter Spiele. Bei einer Auswärtsniederlage gegen Hoffenheim war mein Sohn so sauer über die schlechte Leistung, dass er 75 Minuten nur gegen eine Mauer schaute. So entsteht keine Liebe. Immerhin begleitet er mich gerne zu Fortuna-Spielen. Bei Niederlagen kann er schließlich super den Papa ärgern.

Autisten brauchen viel Routine im Alltag. Hatten Sie je Bedenken, Ihren Sohn mit zu vielen neuen Eindrücken zu überfordern?

Nur am Anfang. Aber Jason schätzt die Atmosphäre im Stadion. Das war für mich genauso wie für seine Therapeutin eine Überraschung. Die laute und enge Südkurve in Dortmund steckt er besser weg als eine große Familienfeier. Das liegt vielleicht auch daran, dass ein Stadionbesuch vielen Routinen folgt. Es gibt überall Einlasskontrollen, feste Sitzplätze. Auch die Anstoßzeiten sind klar geregelt. Und wir haben unsere eigenen Rituale. Wir kaufen in jedem Stadion einen Fanartikel, reisen immer mit dem Zug an und essen in der Halbzeit eine Kleinigkeit.

Mittendrin: Anders als im Alltag, sind für Jason die Enge und Lautstärke im Stadion gut auszuhalten. Quelle: Sabrina Nagel, privat

Ihren Blog und das Buch haben Sie „Wochenendrebellen“ getauft. Werden am Spieltag auch Routinen über Bord geworfen?

Am Wochenende gelten andere Regeln. Viele Menschen und Nähe machen Jason weniger aus. Manche Dinge sieht er auch entspannter. Zum Beispiel durften sich lange die Bestandteile seines Essens nicht berühren. Einen Stadionbesuch mussten wir auf der Hinreise abbrechen, weil die Tomatensoße zu den Nudeln nicht wie bestellt separat serviert wurde. Inzwischen kann er damit gut leben – selbst zu Hause.

Wie werden die Stadionbesuche ausgewählt?

Jason sucht die Ziele aus. So möchte er in Deutschland ein Heimspiel von allen Vereinen der ersten drei Ligen besuchen. Im Ausland sucht er eher nach interessanten Spielstätten. Zum Beispiel entdeckte er in der Slowakei ein Stadion, in dem zwischen Spielfeld und Tribüne eine befahrene Eisenbahnstrecke liegt – eins unserer nächsten Ziele.

Woran merkt Jason, dass er einen Verein mag oder nicht?

Er hat ganze eigene Kriterien. Zum Beispiel fallen Mannschaften durch, die vor dem Anpfiff einen Spielerkreis bilden. Das liegt an seiner Abneigung gegen körperliche Nähe. Er wurde mal gefragt, was sein Lieblingsverein mitbringen sollte. Die Antwort: Der Verein müsste das Umweltengagement von Mainz 05, das Stadion vom FC Saarbrücken, die Stimmung von Dynamo Dresden und das soziale Engagement vom FC St. Pauli haben. Gar nicht so leicht zu finden.

Hatte Ihr Sohn schon einmal heiße Kandidaten für den Lieblingsverein?

Noch nicht. FSV Mainz 05 bemühte sich nach der Aussage über seine Anforderungen an den Lieblingsverein redlich um Jasons Gunst. Wir bekamen eine Stadionführung und eine genaue Erklärung zum Umweltengagement. Mein Sohn war begeistert. Die Zuneigung endete allerdings noch vor dem Anpfiff. Die Spieler bildeten einen Kreis und umarmten sich alle.

Wie viele Spiele haben Sie inzwischen gesehen?

Wir haben offiziell 75 Spiele in ganz Europa besucht. Allerdings zählt mein Sohn keine Spiele, die 0:0 ausgehen. Und einmal waren wir fünf Minuten nach Anpfiff im Stadion. Zählt man diese „Ausfälle“ mit, waren es wohl rund 90 Partien.

Der Blick ins Stadion: Immer wieder ein Erlebnis für Vater und Sohn. Quelle: Sabrina Nagel, privat

Welche Erlebnisse sind besonders im Gedächtnis geblieben?

Unser erster Besuch auf Schalke. Wir standen in der Nordkurve. Da war es eng und die Fans sangen laut. Jason fühlte sich trotzdem wohl. In diesem Moment wusste ich, dass unsere Stadiontour ein Langzeitprojekt wird. Eine weitere Anekdote von diesem Spiel: Die Fans sangen: „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“. Jason hat die Aufforderung wörtlich genommen und sich sofort hingesetzt. Schließlich ist er kein Schalke-Fan.

Wird die Suche irgendwann enden?

Darüber haben wir auch schon gesprochen. Als Autist will Jason immer genau wissen, wie es weitergeht. Ein jähes Ende wäre für ihn schwer zu ertragen. Sollten wir einen Lieblingsverein finden, begleiten wir diesen – vielleicht eine gesamte Saison oder sogar ins Trainingslager.

Im vergangenen Jahr erschien die ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte auch als Buch mit dem Titel „Wir Wochenendrebellen“ im Benevento-Verlag. Preis: 20 Euro. ISBN: 978-3710900174. Quelle: Verlag

Mehr von den Wochenendrebellen

Blog: Auf wochenendrebell.de schreiben Vater und Sohn über die Suche nach dem Lieblingsverein. Der Blog wurde mit dem Grimme Online Award 2017 ausgezeichnet.

Podcast: Als Radiorebellen sprechen die beiden auch über andere Themen als Fußball. Zum Beispiel über die Sterne oder die Bundestagswahl.

Von Birk Grüling/RND

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