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“Ich kann das nicht: wegrennen“

Gastbeitrag von Gregor Gysi “Ich kann das nicht: wegrennen“

Im Jahr der Wiedervereinigung erlebte Gregor Gysi offene Anfeindungen. Im exklusiven Vorabdruck aus seinem neuen Buch spricht der Linken-Politiker über Selbstzweifel, Nervenschwäche – und darüber, wie ihn Lothar Bisky vor einem großen Fehler bewahrte.

“Ich kann von meinem Leben nicht behaupten, es verlaufe ruhig“: Gregor Gysi mit dem Dramatiker Heiner Müller.

Quelle: Aufbau Verlag

Berlin. An diesen 31. Dezember 1989, der ein so folgenreiches Jahr abschloss, hatte ich gar keine Erinnerung. (…) Ganz anders der Beginn des neuen Jahres. Nachdem ich zum Parteivorsitzenden gewählt worden war, hatten viele Zeitungen in der alten Bundesrepublik noch geschrieben, ich sei ein Reformer, ich führte die Partei gewiss “vernünftig“, und das hieß im Klartext: Man hoffte auf eine deutliche Abkehr vom bisherigen Weg der SED. Diese Gewogenheit mir gegenüber verschwand schlagartig.

Anfang Januar 1990 erschien “Der Spiegel“ mit einem großen Artikel über mich. Es handelte sich um die sogenannte Titelstory, und sie prägte das Cover der Ausgabe. Da stand in gelber Schrift “Der Drahtzieher“. In der Redaktion, so erfuhr ich später, hatten einige Mitarbeiter die Verwendung der gelben Schrift offen kritisiert, denn diese Farbe war eindeutig antisemitisch besetzt – die Nazis benutzten, bis hin zum berüchtigten Stern, das Gelb zur öffentlichen Kenntlichmachung alles Jüdischen. (…) Die politische Stimmung in der Bundesrepublik hatte sich geändert. Man meinte, die SED-PDS und vor allem mich nicht mehr zu benötigen. Einige wenige kluge Politiker wussten es, wie ich später feststellte, besser. Aber die Medien der BRD und zunehmend auch der DDR waren davon überzeugt, dass man die Partei und mich möglichst schnell loswerden müsse.

(…) Anfang 1990 war ich zu einer Veranstaltung in Glienicke bei Berlin eingeladen. Ein Spalier von Leuten hatte sich gebildet; als ich hindurchging, wurde ich den gesamten Weg über angespuckt. Ein Ausweichen war unmöglich. Mein Begleiter flüsterte mir eindringlich zu, wenigstens schneller zu gehen. Aber ich hielt mein Schritttempo, als sei nichts geschehen. Ich kann das grundsätzlich nicht: wegrennen. Wenn ich beschleunige, verletzt das meinen Stolz. Ich empfand mich während dieses Spießrutenlaufs zwischen spuckenden Menschen, deren Gesichter ich gar nicht richtig wahrnehmen konnte, keinesfalls als besonders mutig, ich reflektierte das nicht einmal, nein, ich war einfach nur meinem natürlichen Reflex ausgeliefert. Lass sie spucken, sagte etwas in mir, irgendwann ist das Spalier zu Ende. Und irgendwann war es auch zu Ende. Taschentuch raus, und fertig. (…)

Der Beifall glich für mich etwas aus

Nach über zwei Stunden verabschiedeten mich diese Leute, die mir ihre Verachtung auf sehr drastische Art gezeigt hatten, mit Beifall. Von meinen politischen Auffassungen überzeugen konnte ich sie gewiss nicht, aber sie hatten meinen Stolz wahrgenommen, meine Bereitschaft zur Auseinandersetzung, meinen Willen, auf Aggressivität nicht aggressiv zu reagieren, ihnen zuzuhören und auch glaubhafte Gegenargumente zu akzeptieren. Der Beifall glich für mich etwas aus.

Die offene Auseinandersetzung, bei der ich sehr wohl um meine Einsamkeit und den dünnen Boden des Friedens wusste, hatte mich ziemlich angestrengt. Ich hatte eine Stimmung kennengelernt, in die hinein ich künftig agieren musste. Der “Drahtzieher“? Nerven aus Drahtseilen, so schien mir, waren fortan wohl weit angebrachter. Die besaß und besitze ich nicht. Erschöpft, dennoch mit einem guten Selbstgefühl verließ ich den unwirtlichen Ort. Aber in diese Zufriedenheit hinein sickerte doch die Frage, wie ich solchen Druck, solchen Anprall auf Dauer aushalten würde. Konnte ich das auflösen, und was tat ich mir da eigentlich an? (…)

In Anbetracht der umfangreichen Post, in der eine Auflösung der Partei gefordert wurde, war ich ziemlich aufgewühlt, setzt mich hin und verfasste im Januar 1990 einen offenen Brief an die Mitglieder. Gedanken zur gesellschaftlichen Situation, zum Zustand der Partei und gegen deren Auflösung. Eine ganze Nacht saß ich an diesem Schreiben, feilte und feilte, und am nächsten Morgen sah ich recht zufrieden auf dieses Papier. Was mir auf der Seele lag, hatte ich mir von der Seele geschrieben, fühlte mich befreit und war überzeugt, verstanden zu werden. In guter, zuversichtlicher Verfassung las ich dem Präsidium des Parteivorstandes meinen Brief vor. Kaum hatte ich das letzte Wort ausgesprochen, schnellte der Arm von Lothar Bisky hoch, er reagierte in einem Tempo, das man für diesen ruhigen, besonnenen Mann geradezu als sensationell bezeichnen muss.

Ausschlafen als Maßregelung

Es glich den Reflexen eines Notarztes in dringlichstem Einsatz. Er erklärte, dass er drei Anträge stelle. Erstens: Der Brief müsse sofort vernichtet werden, kein weiteres Mitglied der Partei dürfe je davon erfahren. Zweitens: Gregor Gysi sei zum Zwecke, sich gründlich auszuschlafen, umgehend nach Hause zu schicken, und ihm werde untersagt, in den nächsten vierundzwanzig Stunden das Gebäude des Parteivorstandes zu betreten Und drittens: Alle anderen Präsidiumsmitglieder erledigen nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die von Gregor Gysi mit. Schweigen. Man sah einander an. Nach kurzer Pause kam – wenn auch ohne meine Stimme – die einmütige Zustimmung für Lothar Biskys Vorgabe.

Ich war entsetzt, aber irgendwie auch begeistert. Entsetzt über das Missverhältnis zwischen meinem eigenen Urteil über diesen Brief und seiner Wirkung. Ich war ganz bei mir und offenkundig doch völlig daneben. Ich erfuhr das, was im Leben oft passiert: Man meint, ganz bei sich zu sein, aber die anderen mahnen: Komm endlich zu dir! Aber wo Selbstzweifel ausbleiben, unterliegt man gewöhnlich einem Irrtum und darf dankbar sein, wenn man vor größerem Schaden bewahrt bleibt.

Begeisterung empfand ich für die Art von Lothar Bisky, diese Situation zu lösen. Jemandem zu befehlen, sich auszuschlafen, ist nicht die schlechteste Art einer “Maßregelung“. Leider ist mein Brandbrief nicht aufbewahrt worden. Gern würde ich ihn noch einmal lesen und prüfen, ob ich ihn noch immer so treffend und überzeugend finde oder auch zu jenem Schreck neige, der Lothar Bisky erfasst hatte. Ich denke, der Brief war zu leidenschaftlich, zu verzweifelt – wahrscheinlich steckte zu viel Seele drin.

Gregor Gysi war von 2005 bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linken

Gregor Gysi war von 2005 bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linken. Bei der Bundestagswahl hat der 69-Jährige seinen Wahlkreis Treptow-Köpenick gerade erneut klar gewonnen. Seine Autobiografie “Ein Leben ist zu wenig“ erscheint am Montag im Aufbau Verlag (583 Seiten, 45 Abbildungen, 24 Euro).

Quelle: Aufbau Verlag

Von Gregor Gysi

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