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Das Gespür für Matsch (II)

Winterrealität mit Uwe Janssen Das Gespür für Matsch (II)

Schnee ist grundsätzlich gut. Weiß, leicht, friedlich, still, beruhigend, entzückend, verzierend, entschleunigend. So die idealisierte Theorie. Aber Schnee kann auch anders.

Sieht meist weniger beeindruckend aus, als seine Erbauer denken, aber ist immerhin nicht aus Matsch: Der Schneemann.

Quelle: Fotolia

Hannover. Grundsätzlich jahreszeitlich gebunden hat Schnee Zuständigkeiten in den Aufgabenbereichen “Weiße Weihnacht“, “Winter Wonderland“ und “Stiefelverkauf“. Schnee ist ein Hoffnungsträger, er ist in vielen Familien die einzige Chance, Nichtspaziergänger zu einem gemeinsamen Gang in den Wald zu bekommen.

Schnee ist der einzige Niederschlag, in den man seinen Namen pinkeln kann, und er ist Bausubstanz für viele Schneemänner, die in der Beurteilung viel besser wegkommen, als sie es verdient hätten. All das ist der Schnee.

Winter von der Resterampe

Aber er kann auch anders. Schnee wird von Experten nach seinem Aussehen kategorisiert. Nach Alter, Funktion und Dichte. Oder auch nach seiner Feuchtigkeit. Es gibt Pulverschnee, uninteressant für kleine Baumeister, er eignet sich zum Schneemann bauen etwa so gut wie ein Sack Mehl.

Feuchtschnee ist für die Kugelherstellung besser, man kann bei ausreichend Fläche und Kraft einen Ball von der Größe des Explaneten Pluto rollen. Theoretisch. Nassschnee ist eine Art Triefschnee und fühlt sich so an, wie er klingt, besonders wenn er sich in die undichten Schuhe vorarbeitet.

Faulschnee ist eine nett klingende Umschreibung für Schneematsch. Was “kam immer pünktlich“ für schlechte Stellenbewerber ist. Schneematsch ist die hässliche Fratze des Schnees, der Winter von der Resterampe, für Gegenden um den Gefrierpunkt. Er ist unschön, dreckig, ohne Funktion, nicht reparierbar und vom Umtausch ausgeschlossen.

Schneematsch hat keine Lobby

Schneematsch ist im Straßenverkehr lediglich das kleinere Übel, ansonsten hat er nichts, wofür man ihn lieben könnte. Man baut keine Matschmänner, für Matschballschlachten findet man selten Freiwillige zum Mitmatschen, und keinen Matsch­matschmatschmatschwalzer tanzen wir.

Überhaupt ist Matschmusik unterrepräsentiert. Die Zeilen “Matschbröckchen, Grauröckchen, so eklig und laut, du wohnst in der Gosse, dein Ruf ist versaut“ haben es nie in ein Kinderchorrepertoire geschafft. Selbst Fußballstar Matsch Hummels musste seinen Vornamen kürzen, um groß rauszukommen.

Schneematsch hat keine Lobby. Aber er ist das klimagewandelte Winterwunderland. Zumindest in Gegenden um den Gefrierpunkt.

Von Uwe Janssen

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