Startseite LN
Volltextsuche über das Angebot:

Mehr Kragen wagen

Comeback des Rollkragenpullovers Mehr Kragen wagen

Der Rollkragenpullover firmiert nun auch in Deutschland unter dem Namen “Turtleneck“. In dieser Saison erscheint der Klassiker lässig und in bunten Farbtönen. Warum kommt das wandlungsfähige Kleidungsstück eigentlich nie aus der Mode?

Elegant: Eine Besucherin der Londoner Fashion Week im September im orangefarbenen, eng anliegenden Rolli.

Quelle: GETTY

Berlin. Was verbindet Herbert von Karajan mit Marilyn Monroe? Genau das gleiche wie die Beatles mit Jean-Paul Sartre oder Sophia Loren mit Jackie Kennedy. Sie trugen gern schwarze oder weiße Rollkragenpullover. Vorzugsweise wohl, um unnahbar und unangreifbar zu erscheinen. Jeder auf seine Weise. Denn es gehört zu den erstaunlichen Eigenheiten dieses Kleidungsstücks, dass es sich wie kaum ein zweites seinem Träger anpasst und damit auch immer wieder seine Wirkung verändert.

Mal ist der Rolli männlich markant, mal steht er für Erhabenheit und Nachdenklichkeit, dann wiederum kommt er smart und sexy rüber. Nur eines ist er nie: Bieder und langweilig – weshalb er seit Jahrzehnten immer wieder als Basic die Herbst- und Wintermode bereichert. So auch in dieser Saison, in der sich ein neuer Name für den nunmehr schon mehr als hundert Jahre alten Klassiker endgültig durchgesetzt hat.

Der Rolli heißt jetzt allgemein “Turtleneck“. Der Name kommt aus den USA. Dabei stammt der Pullover aus Großbritannien, wo ihn Ende des 19. Jahrhunderts erst die Golf- und Hockeyspieler und schließlich die Matrosen als “Roll-Neck-Sweater“ populär machten. Wie genau die Bezeichnung “Schildkrötenhals“ zustande kam und warum dieser Vergleich mit dem gemächlichen Panzertier jetzt ausgerechnet in der wie besessen aufs Tempo drückenden Modeszene so angesagt ist, ist nur eines von vielen Geheimnissen, die diesen hochgeschlossenen Pullover umgeben.

 Elegant, androgyn, schmeichelnd

Elegant, androgyn, schmeichelnd: Designerin Victoria Beckham in einem beerenfarbenen Turtleneck-Pullover.

Quelle: GC Images

Warum, etwa, wirkt er eng anliegend von einer Frau getragen, aufreizender als manch freizügiges Dekolleté? Zumal der Rollkragenpulli die Grenze zwischen den Geschlechtern verwischt und immer auch einen Hauch von Androgynität verströmt. Wie kann es außerdem sein, dass jemand bis zum Hals in heller oder dunkler Wolle steckt und trotzdem mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als in manch kunterbuntem Fummel mit Ausschnitt? Die strenge Schlichtheit des Rollkragens, vor allem, wenn er schwarz ist, lässt unsere Gesichtszüge umso mehr zur Geltung kommen und betont unsere Silhouette.

Nicht zufällig trug Stilikone Lady Di einen schwarzen Rollkragenpullover, als sie 1991 für das Cover der amerikanischen Vogue posierte. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Details aus ihrer desolaten Ehe ausgeplaudert. Doch in diesem Pullover wirkte sie fast so, als würde sie damit drohen, es bald zu tun – ohne dabei selbst schutzlos zu wirken. Mit einem Rollkragen hält man sich eben nicht nur Angina vom Hals. Auf dem Einband ihrer wenig später mit ihrem Wissen erschienenen Biografie “Diana: Ihre wahre Geschichte“ posiert sie ebenfalls im dunklen Rolli.

Widerstand gegen den ewigen Wechsel der Mode

Frei nach dem Soziologen und Modetheoretiker Georg Simmel gehört der schwarze Rollkragenpullover zu jenen Klassikern, die im stillen Widerstand gegen den ewigen Wechsel der Mode stehen. Gerade das faszinierte den jungen Yves Saint Laurent. 1960 lancierte er den sogenannten Beat Look, mit dem Rollkragenpullover als Basic in Kombination mit schwarzen Lederblousons. Das Haus Dior, dessen Chefdesigner er war, zeigte sich entsetzt und kündigte ihm.

Saint Laurent, der sich danach selbstständig machte, hat dem Rollkragenpullover seitdem stets gehuldigt. Für diese Saison entwarf Anthony Vaccarello für die Luxusmarke ein standesgemäßes Modell in elfenbeinfarbenem Mohair. Überhaupt ist Schwarz zwar zeitlos, doch in diesem Herbst und Winter dominieren eher helle und knallige Farben auch beim Rollkragenpullover. Im Schnitt ist er eher lässig als figurbetont.

So wurden Demna Gvasalias leuchtend blaue und rote Entwürfe im Oversized-Look und dickem Rippstrick von Modeexperten als Highlights der diesjährigen Balenciaga-Kollektion für Herbst und Winter gefeiert. Während sich mit diesen Modellen fast das halbe Gesicht verbergen lässt, gibt es bei Escada wahlweise freie Sicht auf den Hals: Die Schurwolle- und Kaschmir-Pulllover in Orange, Pink oder Gelb sind mit einem abnehmbaren Rollkragen versehen.

 Figurbetont und sexy

Figurbetont und sexy: Werbung für Strickmode in den Fünfzigern.

Quelle: akg

Wem das nicht konsequent genug ist, der kann sich auch doppelt einrollen: Beim sogenannten Sweater-Layering zieht man einen feinmaschigen Pullover unter groben Strick und lässt den dünnen Rolli unter dem dicken hervorblitzen – idealerweise in der gleichen Farbnuance.

Für die echten “Sweater Girls“ im Hollywood der Vierziger- und Fünfzigerjahre wäre dieser doch eher unförmige Lagenlook wohl ein Albtraum gewesen: Lana Turner, Jane Russel oder auch Patti Page bevorzugten hautenge, hochgeschlossene Pullover aus Kaschmir und Angora über dem konischen “Bullet Bra“, um ihre Kurven zu betonen. Etliche junge Mädchen kopierten den Look. Ein moralischer Aufschrei war die Folge.

Sensation, Rebellion, Provokation – das alles steckt im Rollkragenpullover. Daher hat er die schnöde Bezeichnung “Basicteil“ eigentlich nicht verdient.

Von Kerstin Hergt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mode & Stil