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Warum sind Ihre Filme so gnadenlos?

Michael Haneke im Interview Warum sind Ihre Filme so gnadenlos?

Ein Edelhotel in Cannes, draußen der Trubel der auf der Croisette. Drinnen plaudert der vielfach ausgezeichnete Regisseur Michael Haneke ganz entspannt über die Dummheit des Fernsehens, jammernde Europäer und den schwierigen Umgang mit Humor. Stefan Stosch hat zugehört.

Zumutung als Ziel: Der Oscar- und Palmen-Regisseur Michael Haneke fordert – und provoziert – sein Publikum.

Quelle: EPA

Cannes.  

Herr Haneke, Sie haben Ihren Film “Happy End“ mit den Worten umschrieben: “Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind“. Beziehen Sie sich da selbst mit ein?

Ja, auch wenn ich nicht versucht habe, meinen Hamster oder meine Mutter zu vergiften, so wie es hier geschieht, ist dies ein Film über Sie und mich.

Wie bürgerlich ist denn Ihre Herkunft?

Meine Mutter stammt aus einer Adeligenfamilie, mein Onkel war ein Großgrundbesitzer, und meine Eltern waren Schauspieler. Das alles sind gewissermaßen Bestandteile von mir, und hier finde ich auch den Stoff für meine Filme. Man kann immer nur beschreiben, was man aus eigener Erfahrung kennt. Ich könnte keinen Film über einen Hafenarbeiter in Le Havre machen, dessen Lebenssituation ist mir fremd. Aus Unwissenheit heraus kann man nur Fernsehfilme drehen: Da ist es wurscht. Hauptsache, man bedient irgendein Klischee. Aber das interessiert mich nicht.

Was müsste passieren, damit die Familie in Ihrem Film die Augen aufmacht und die Welt wahrnimmt – mit ihren Flüchtlingsströmen und sozialen Verwerfungen?

Gute Frage. Ich habe leider keine Ahnung. Die Beschreibung dieser Familie ist für mich auch die Beschreibung der Gesellschaft im heutigen Europa – und zwar vom Großvater bis zum Enkel. Je größer die Familie, umso größer das Spektrum, das sich erfassen lässt.

Glauben Sie noch an Europa?

Lassen Sie es mich so sagen: Mein Optimismus ist überschaubar. In den vergangenen Jahren ist unser aller Verwirrung nur noch gestiegen. Ich würde gern denjenigen kennenlernen, der in unserer Gegenwart zu wissen behauptet, wohin sich die Welt und wohin sich Europa entwickeln wird.

Steckt in Ihrem Film mehr Wut oder mehr Pessimismus?

Pessimismus keinesfalls, der ist mir unsympathisch. Jeder, der mich besser kennt, wird Ihnen bestätigen: Ich bin gewiss kein depressiver Mensch. Pessimisten sind für mich die, die sogenannte Unterhaltungsfilme machen.

Was heißt das denn?

Diese Filmemacher halten die Leute für so blöd, dass sie sich gar nicht erst ernsthaft mit unserer Welt beschäftigen. In dem Moment, in dem man versucht, die Dinge ernsthaft zu benennen, hat das nichts mehr mit Pessimismus zu tun. Dahinter verbirgt sich der Versuch einer Kommunikation. Allerdings ist es momentan schwer, darauf zu hoffen, dass sich die Lage bessern wird. Na gut, das hat Samuel Beckett auch schon vor ein paar Jahrzehnten gewusst, der Mann war nun mal ziemlich hellsichtig. Wenn ich schon irgendeinen “Ismus“ bedienen soll, dann würde ich von Realismus sprechen.

Und was an dieser Realität hat Sie getrieben, diesen Film zu drehen?

Wut steckt tatsächlich drin, genauso aber auch Ratlosigkeit und Ärger über die eigene Feigheit, die uns alle auszeichnet. Wir leben auf dem RückenRRücken Rücken derer, die auf diesem Planeten wirklich leiden – und wir nehmen uns dabei auf unverschämte Weise auch noch viel zu ernst. Wir beugen uns über unseren Bauchnabel und jammern.

Gilt das auch für nachfolgende Generationen?

Weil die Welt immer undurchschaubarer wird, wird sie auch beängstigender. Meines Erachtens nehmen junge Menschen das ganz ähnlich wahr: Ich unterrichte an der Filmakademie in Wien und habe nicht den Eindruck, bei jungen Leuten auf großen Optimismus zu stoßen. Allerdings gibt es genügend Menschen, die das alles nicht wahrhaben wollen und happy in ihrer Blase sind.

Manche Zuschauer lachen in Ihrem aktuellen, doch ziemlich bitteren Film: Können Sie diese Reaktion nachvollziehen?

Ich war sogar glücklich, dass die Leute lachen. “Happy End“ ist eine Farce, kein Drama. Die Luxusgesellschaft, in der wir leben, hat kein Recht mehr auf ein Drama, bestenfalls das Recht auf eine Farce. Ein echtes Drama würde uns zu viel Würde zusprechen.

Das müssen Sie jetzt aber mal erklären.

Die Tragödie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Trauerspiel abgelöst, und vor geraumer Zeit hat wiederum die Farce das Drama ersetzt. Auch in meinen früheren Filmen habe ich stets versucht, ironisch zu sein. Leider ist das vom Publikum nicht immer so verstanden worden. Nehmen Sie beispielsweise “Funny Games“, jenen Film, in dem eine urlaubende Familie aus Jux und Tollerei ermordet wird: Der Film erzählte Schreckliches, war aber auch lustig – so wie das Leben eben ist. Kann aber auch sein, dass meine Form von Humor für manche Zuschauer zu speziell ist. Verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch: Tragödien finden statt – allerdings in der Welt jener Leute, auf deren Schultern wir stehen.

Dann ist der Titel “Happy End“ reine Ironie?

Das Ende ist so happy wie das Game funny war.

Beziehen Sie Ihren vorigen Film “Liebe“ in diese Reihung ein, der so zärtlich vom Sterben erzählt hat?

Stimmt. “Liebe“ war ein anders gelagerter Fall. Egal, wo gestorben wird und wer stirbt: Da wird es nun mal existenziell. In “Liebe“ ging es darum, wie ich mit dem Leiden von jemandem umgehe, den ich liebe. „Liebe“ war kein Film, der politisch Stellung bezieht – oder wenn doch, dann einzig und allein zu der Frage, ob Selbstmord rechtlich zulässig sein soll. Meine Meinung dazu ist eindeutig: Ich finde, dass der Mensch die Möglichkeit haben sollte, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen.

Wen hätte Ihre Kinofamilie eigentlich an die Staatsspitze gewählt: Emmanuel Macron oder Marine Le Pen?

Bei Marine Le Pen hätte wohl keiner von ihnen ein Kreuz gemacht, dafür ist keines der Familienmitglieder doof genug. Bei der jüngsten Präsidentenwahl hätten sie sich genauso für François Fillon oder Macron entscheiden können: alles denkbare Kandidaten.

In “Happy End“ spielen auch die sozialen Medien eine Rolle. Nutzen Sie die selbst?

Natürlich. Na gut, bei Facebook bin ich nicht. Ich habe mich aber schlau gemacht über Snapchat und all diese Dinge. Sonst hätte ich ja nicht von jungen Leuten und deren Umgang mit den sozialen Medien erzählen können. Zwischendurch hatte ich mir aber auch einen Facebook-Account zugelegt, um ein bisschen darin schnuppern zu können. Aber das habe ich inzwischen wieder annulliert.

Warum?

Ich benutze mein Smartphone in erster Linie dazu, um mein schlechtes Gedächtnis aufzufrischen – also um meine Termine einzuhalten oder wenn ich schnell etwas im Internet nachschauen möchte. Für alles darüber hinaus habe ich gar keine Zeit.

Warum sind Sie in Ihren Filmen so gnadenlos im Umgang mit Ihren Figuren, gerade auch mit den Kindern?

Spielen Sie auf den Fall an, dass ein Mädchen seine Mutter vergiftet und das auch noch ins Internet stellt? Das hat es wirklich gegeben, das habe ich gar nicht erfunden. Diese wahre Geschichte diente als eine Ausgangsidee für den gesamten Film. “Happy End“ ist sicher realistischer als mancher meiner früheren Filme – auch wenn meine Filme keinesfalls naturalistisch sind. Meine Beobachtungen über unsere Gesellschaft fließen da sehr komprimiert ein. Das hat schon Henrik Ibsen so gehalten, jeder dramatische Autor tut das.

Zur Person: Michael Haneke

Kino ist Unterhaltung, schon klar. Auch Michael Haneke freut sich über viele Zuschauer. Aber das allein würde dem Oscar-Preisträger niemals reichen. Die Zumutung ist bei ihm Programm: Beeindruckt hätten ihn jene Kunstwerke am meisten, die ihn verunsichert hätten, hat er mal gesagt. Folglich arbeitet er in seinen eigenen Filmen mit unerbittlicher Strenge daran, den Zuschauer aus der Reserve zu locken. Und das gelingt ihm immer wieder mit durchschlagendem Erfolg.

Schon sein Kinodebüt ließ das Publikum beunruhigt zurück: In “Der siebente Kontinent“ (1989) setzt eine Familie alles daran zu verschwinden. Sie will möglichst keine Spuren in der Welt zurücklassen, kündigt Abos, Konten, Telefonverträge, zerhackt die Möbel – der gemeinsame Selbstmord ist die letzte Konsequenz.

In “Bennys Video“ (1992) tötet ein videoverrückter Teenager ein Mädchen mit einem Bolzenschussgerät und lebt weiter, als wäre nichts geschehen. In “71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (1994) wird ein Student zum Amokläufer, erschießt in einer Bankfiliale drei Menschen und dann sich selbst.

Haneke selbst gab dieser Trilogie eine Überschrift: “Vergletscherung der Gefühle“. Einfache Erklärungen für das Verhalten der Figuren gibt es bei ihm nicht. Die monströsesten Verbrechen geschehen mit erschreckender Beiläufigkeit. Der Zuschauer muss schon seine eigenen Schlüsse ziehen. Was aber immer wieder durchscheint, ist die harsche Kritik an unserer Mediengesellschaft.

Gern geht Haneke das Risiko ein, das Publikum gegen sich aufzubringen. Bei keinem Film gelang ihm das besser als bei “Funny Games“ (1997): Ein psychopathisches Teenagerpärchen taucht bei einer urlaubenden Familie am österreichischen See auf und bringt nacheinander alle Mitglieder um, vom Hund bis zur Mutter (Susanne Lothar), die im See ertränkt wird. Zuvor war es der Frau gelungen, einen der Angreifer unschädlich zu machen. Und was tut der andere Eindringling? Er greift grinsend zu einer herumliegenden Fernbedienung, spult den Film zurück und hebt damit das Geschehene wieder auf. So leicht entlässt Haneke niemanden aus seiner Gewalt.

Hollywood war von dem Psychothriller so begeistert, dass es den Regisseur 2007 sein eigenes Remake drehen ließ (mit Tim Roth und Naomi Watts). Endgültig schloss das US-Kino den Österreicher in seine Arme, als es ihm für die ergreifende Sterbegeschichte “Liebe“ (2012) den Oscar verlieh. Nominiert worden war Haneke schon mit seinem Schwarz-Weiß-Film “Das weiße Band“ (2009), angesiedelt am Vorabend des Ersten Weltkrieges in einem norddeutschen Dorf. Gewissermaßen rührte er hier die Ursuppe des deutschen Faschismus an. Wie so oft bei Haneke sind Kinder in das rätselhafte Geschehen verwickelt. Sowohl mit dem “Weißen Band“ als auch mit “Liebe“ gewann er die Goldene Palme in Cannes.

Geboren wurde Haneke 1942 in München als Sohn eines deutschen Theatermanns und einer Wiener Burgschauspielerin. Er wuchs in Wien auf. Dieses Grenzgängertum sorgt immer wieder für schönste Aufregung, wenn sich sowohl die deutsche als auch die österreichische Kinobranche in seinem Ruhm sonnen will. Ursprünglich wollte Haneke Konzertpianist werden, dann studierte er Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaft. Er arbeitete als Dramaturg beim Südwestfunk und machte sich als Regisseur selbstständig.

Gelegentlich inszeniert Haneke auch Opern, aber nun ist er zurück im Kino mit “Happy End“ (Kinostart: 12. Oktober). Darin erzählt er von einer bürgerlichen Familie in Calais (angeführt von Isabelle Huppert), die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, als dass sie die Welt um sich herum wahrnehmen würde.

Von Stefan Stosch

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