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Zahlen Sie auch brav Ihre Steuern?

Robert Pattinson im Interview Zahlen Sie auch brav Ihre Steuern?

Vielleicht wird er die Rolle als Vampir Edward Cullen aus dem Film “Twilight“ nie wieder los. Aber mittlerweile spielt Robert Pattinson eher in kleinen Filmen als in Blockbustern. Mit Stefan Stosch spricht der Brite über vergessene PIN-Nummern, Honig im Kaffee – und US-Gefängnisse von innen.

Von den „Nibelungen“ über „Twilight“ bis zum Dreh mit Werner Herzog: Robert Pattinson hat sich vom Teenieschwarm zum vielseitigen Indie-Schauspieler gemausert – und singen kann er auch.

Quelle: imago

Berlin.  

Herr Pattinson, Sie spielen in Ihrem neuen Film “Good Time“ einen Bankräuber in Geldnot. Wissen Sie, wie viel Geld Sie gerade jetzt in der Hosentasche haben?

Wer benutzt denn noch Bargeld? Als ich kürzlich in London war, hatte ich nicht einmal mitbekommen, dass eine neue Pfund-Münze herausgekommen ist. Ich habe erst mal ganz blöd gefragt: Was ist das? Die ganze Welt ändert sich, und keiner sagt mir was.

Könnte das daran liegen, dass immer andere für Sie bezahlen?

So ist es nun auch wieder nicht. Ich kann aber schon deshalb kein Bargeld aus dem Automaten ziehen, weil ich dauernd meine PIN-Nummern vergesse. In den USA bezahlt man bestenfalls noch ein Parkticket in bar. Aber keine Angst: Ich weiß schon noch, was ein Brot kostet. Ich lebe nicht in einer Blase, wenn Sie das meinen. Für mich ist wichtig, dass ich am Ende des Jahres mehr Geld verdient als ausgegeben habe.

Müssen Sie nach “Twilight“ denn noch auf Ihren Kontostand achten?

Na ja, wenn Sie nichts verdienen, wird das Geld immer weniger. Kein gutes Gefühl.

Immer wieder hinterziehen Superreiche Steuern, gerade steht der Fußballer Cristiano Ronaldo unter Verdacht: Warum tun diese Leute das? Auf ein paar Millionen kommt es für sie doch gar nicht an.

Ronaldo muss so viel auf dem Fußballplatz stehen, dass er an sein Geld kaum einen Gedanken verschwenden dürfte. Andere managen sein Vermögen. Er ist von zig Leuten umgeben, die sein Leben organisieren. Wer weiß, wer da noch seine Hände im Spiel hat.

Sie meinen tatsächlich, dass Ronaldo keine Kontrolle über sein eigenes Geld hat?

Vielleicht hat da irgendjemand in seinem Umfeld eine finanzielle Abkürzung genommen. Aber schwer zu verstehen ist es trotzdem: Ronaldo kann sowieso nicht sein ganzes Geld ausgeben, und er ist auf jeden Fall verantwortlich dafür. Aber wer versteht schon etwas von Buchhaltung.

Erst recht ohne PIN-Nummer.

Genau so ist es!

In Ihrem Bankräuber-Thriller bewegen Sie sich in den düstersten Ecken Amerikas, auch in Gefängnissen. Haben Sie sich vor Ort umgeschaut?

Vor diesem Film kannte ich kein Gefängnis von innen. Jetzt schon.

Wie sollten Sie sich auch in Gefängnissen auskennen: Sie bezahlen ja Ihre Steuern, oder?

Ich hoffe jedenfalls, dass das jemand für mich tut.

Wie haben Sie den Besuch hinter Gittern erlebt?

Es war schockierend, wie jung viele Gefangene waren. Da sind Teenager, die den Rest ihres Lebens in der Zelle verbringen werden. Ich bin 31 Jahre alt, also noch ziemlich jung, diese Jungs aber waren noch viel jünger: unvorstellbar! Wir waren in einer Abteilung, in der besonders gewalttätige Gefangene landen. Jeder steckt in einem Käfig, und wenn er sich im Gefängnis bewegt, muss er so seltsame Fäustlinge tragen. Er kann seine Hände darin nicht bewegen. Und wenn er Besuch bekommt, muss er hinter einer bestimmten Linie verharren.

Hört sich nicht nach einer gelingenden Resozialisierung an.

Diese Leute, ob Mörder oder nicht, kommen meist nie wieder raus. Im Film wird die Gefängnisinsel Rikers Island im East River von New York erwähnt. Diese Anstalt soll jetzt endlich geschlossen werden. Die Gewalttätigkeit dort ist erschreckend: Man kann nach einer Festnahme sterben, noch bevor man wegen eines Verbrechens angeklagt worden ist. Oder man wird noch zusätzlich angeklagt, weil man in einen Kampf gerät.

Wie haben Sie den “Twilight“-Hype in Erinnerung: Haben Sie den Wahnsinn um Ihre Person auch als eine Art Gefängnis empfunden?

Es gab Momente, in denen ich mich in einem regelrechten Schockzustand befunden habe. Ich habe gar nicht mehr recht mitbekommen, was alles um mich herum vorging. Das war seltsam: Eben war ich noch 22, plötzlich war ich zwei, drei Jahre älter. Ich habe die ganze Zeit gearbeitet, viel gedreht in dieser Zeit. Das war Wahnsinn. Meine erste richtige Pause hatte ich nach dem letzten “Twilight“-Film.

Wie haben Sie sich befreit?

Ich habe ganz vorsichtige Schritte in die Wirklichkeit unternommen. Dabei habe ich stets versucht, strikt zu unterscheiden: Dort war meine Filmfigur, und hier war mein wirkliches Leben, ganz und gar unabhängig davon, was mit dem Vampir Edward Cullen geschieht.

Und heute?

Jetzt mache ich persönlichere Filme, die mehr mit mir zu tun haben und über die ich eine größere Kontrolle habe. Auf gigantisch teuren Filmen lastet enormer Druck. Die alles entscheidende Frage lautet: Wie viele Millionen spielen diese Filme ein? Das ist lächerlich. Heute drehe ich mit Autorenfilmern wie David Cronenberg, Anton Corbijn oder wie jetzt in “Good Time“ mit den Brüdern Ben Safdie und Joshua Safdie. Das Gute ist: Wenn die Leute mögen, was du tust, vertrauen sie dir beim nächsten Film wieder ein bisschen mehr. Und das gibt dir künstlerische Freiheit.

Sind Sie den Vampir Edward Cullen endgültig losgeworden?

Ich befürchte: nein. Auch nach diesem Film dürften kaum Leute auf der Straße auf mich zukommen und “Hey, Bankräuber Connie“ rufen. Ich will den Vampir aber auch gar nicht mit aller Macht loswerden. Das würde ja heißen, dass ich bedauere, was ich gemacht habe.

Wie viel investieren Sie in eine Rolle?

So viel wie nur möglich. Zwischen den Filmen habe ich viel Zeit, um mit Leuten herumzuhängen. Aber wenn ich arbeite, mag ich niemanden um mich herum. Dann ziehe ich eine Einzelgänger-Existenz vor. Ich tauche Wochen oder sogar Monate vorher am Drehort auf, um mich schon mal – na ja – zu assimilieren. Anderenfalls empfinde ich so einen Film als puren Stress. Das ist natürlich Luxus. Jemand mit Familie kann sich das nicht leisten. Ich will an nichts anderes mehr denken als an den Film.

Ist der Hollywoodstar Robert Pattinson schon jemals so sehr in einer Rolle abgetaucht wie in die des Bankräubers Connie?

Das war schon etwas Besonderes. Wir haben im Guerillastil auf New Yorks Straßen gedreht, ohne Genehmigung. Es geht ja auch nicht um ein normales Leben. In dem Film geht niemand zur Arbeit oder trifft sich zum Abendessen. Connie wird gejagt von der Polizei, und ich habe versucht, wie ein Geist in der Menge zu verschwinden.

Hat es geklappt?

Es kam jedenfalls zu kuriosen Situationen: Als wir in Queens unterwegs waren, versuchten Passanten, die Polizisten aufzuhalten und sie zum Stolpern zu bringen. Die Leute wussten ja nicht, dass wir einen Film drehen. Das Verrückte ist nur: Echte Polizisten haben die Film-Polizisten gespielt. Die Realität doppelte sich.

Wir haben uns mal in Berlin getroffen, da hatten Sie eine komische Marotte: Sie haben Honig in Ihren Kaffee gerührt. Machen Sie das noch?

Das ist ja schräg. An diese Angewohnheit kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Klingt ja ekelhaft. Inzwischen trinke ich sowieso kaum noch Kaffee.

Wieso nicht?

Ich bin dann ganz schnell unausgeglichen, vielleicht werde ich einfach älter. Ich trinke auch kaum noch Alkohol. Und wenn ich eine Pizza esse, lege ich gleich 30 Pfund zu – oder jedenfalls mehr, als das Essen selbst wiegt.

Zur Person: Robert Pattinson

Wenn er in der Öffentlichkeit auftauchte, war Schreialarm garantiert: Als blasshäutiger Vampir Edward Cullen in der “Twilight“-Saga avancierte Robert Pattinson 2007 zum Teenie-Idol. Ein Vampir, der nicht mehr zubeißen will, weil er sich in eine menschliche Mitschülerin namens Bella (Kristen Stewart) verliebt: Da konnten vor allem weibliche Fans nicht widerstehen – zumal sich Pattinson musikalisch auch noch mit zwei Songs am Soundtrack beteiligte. Singen konnte er also auch noch!

Für die Hauptrolle in der Grusel-Romanze nach den Bestsellern von US-Jugendbuchautorin Stephenie Meyer hatte sich Pattinson tüchtig ins Zeug gelegt: Gegen 3000 Bewerber musste sich der Brite durchsetzen, bevor er sich auf der Leinwand anschmachten lassen durfte. In insgesamt vier Filmen verteidigte Vampir Edward Cullen seine Bella gegen den weitaus bissfreudigeren Werwolf-Clan. Einer größeren Kinogemeinde war der am 13. Mai 1986 in London geborene Schauspieler – sein Vater arbeitete als Gebrauchtwagenhändler, seine Mutter in einer Modelagentur – schon früher aufgefallen: In “Harry Potter und der Feuerkelch“ (2005, Regie: Mike Newell), dem vierten Film um den Zauberschüler, besiegte er als Cedric Diggory Gegenspieler Harry erst im Quidditch-Turnier und starb dann einen wahrlich anrührenden Kinotod.

Pattinsons Anfänge liegen im Theater: Als Teenager arbeitete er hinter den Kulissen der Barnes Theatre Company in London. Als er für einen erkrankten Darsteller einsprang, nutzte er seine Chance. Wenig später wurde er als Ensemblemitglied aufgenommen. Für Film und Fernsehen entdeckte ihn der deutsche Regisseur Uli Edel: Er besetzte das Talent im TV-Zweiteiler “Die Nibelungen” (2004) als Königsohn Giselher.

Nach dem “Twilight“-Rummel hatte der Jungstar genug vom Blockbuster-Kino. Er sucht sich gezielt Rollen in kleineren Filmen, von denen der eine oder andere nur deshalb zustande kam, weil er mit seinem berühmten Namen darin auftauchte. Nicht immer waren die Befreiungsversuche von der Vampirrolle von Erfolg gekrönt. Die Filme wurden sehr unterschiedlich aufgenommen. “Remember Me – Lebe den Augenblick“ (2010) war eine Liebesgeschichte über Verlust und Neuanfang, in “Wasser für die Elefanten“ (2011) verschlug es ihn an der Seite von Reese Witherspoon in den Zirkus, in “Bel Ami“ (2012, nach Guy de Maupassants erfolgreichstem Roman) gab er einen Frauenhelden.

Besonders kurios: sein Kurzauftritt in Werner Herzogs Abenteuertrip in “Königin der Wüste“ (2015, mit Nicole Kidman) als Lawrence von Arabien unterm Turban. Gleich zweimal stand Pattinson für den Kanadier David Cronenberg vor der Kamera (“Cosmopolis“, “Maps to the Stars“) und befreite sich endgültig aus der Zwangsjacke des romantischen Helden.

Jüngst begab sich Pattinson in “Die versunkene Stadt Z“ als Schatzsucher ins Amazonas-Gebiet, und nun hat er einen furiosen Part im Krimi “Good Time“, in dem sein Bankräuber Connie mit allen Mitteln versucht, seinen geistig zurückgebliebenen Bruder aus dem Gefängnis herauszuholen. Schon beim Festival in Cannes wurde der rasante Film von Ben und Joshua Safdie viel gelobt, inzwischen ist er in den deutschen Kinos gestartet. Auf Pattinsons Drehplan steht demnächst ein Besuch in Deutschland, wo er mit Regisseurin Claire Denis den Science-Fiction-Film “High Life“ inszenieren will.

Mag allerdings sein, dass manche Pattinsons filmische Karriere weniger genau verfolgt haben als seine amouröse Entwicklung: Mit seiner “Twilight“-Kollegin Kristen Stewart führte er bis 2014 eine von viel Hin und Her geprägte Beziehung. Inzwischen ist er mit der britischen Sängerin FKA twigs zusammen.

Von Stefan Stosch

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