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Fangen spielen mit Han Solo

Boom der Online-Games Fangen spielen mit Han Solo

Moderne Blockbuster werden online gespielt – ein Gemeinschaftserlebnis in einem virtuellen Sportverein. Die Storys von „Star Wars Battlefront II“ und „Destiny 2“ sind dürftig. Das ist schade.

Gemeinsam sind sie stark: Vier “Hüter“ aus “Destiny 2“. Die Spieler agieren online als Team.

Quelle: Activision

Hannover. Videospiele sind teuer. Neue Titel kosten bis zu 70 Euro. Ob das viel Geld ist, hängt vom Blick der Käufer ab. Ist “Star Wars Battlefront II“ ein Unterhaltungsprodukt, oder ist es für die Menschen, die sich Wochen und Monate damit beschäftigen, irgendwann mehr? Die Spieler verabreden sich mit Freunden und sitzen gemeinsam in virtuellen Lobbys, bevor die nächste Runde losgeht. Und dann spielen sie in dem opulenten Egoshooter Fangen – so fühlen sich die kurzen Mehrspielerduelle zumindest an, wenn man sie lang genug spielt.

Die Gewalt kann niemand ernst nehmen, der vom Kumpel abgeschossen wird und Sekunden später wieder auf dem Schlachtfeld steht, um es ihm heimzuzahlen. Rennt Han Solo durchs Bild, dann fühlen sich die Spieler irgendwann nicht mehr in den Krieg der Sterne versetzt, sie fragen stattdessen, wie es der Kollege geschafft hat, den Charakter so schnell freizuschalten. Durch die Dauerbeschäftigung verwandeln sich Onlineshooter in einen Treffpunkt, einen Sitzsportverein.

Andere Spiele treiben den Vereinsgedanken weiter. Im Science-Fiction-Werk “Destiny 2“ wird sogar Fußball gespielt. Der große Ball liegt am Rande eines friedlichen Versammlungspunktes. Hier kassieren Spieler zwischen Missionen Belohnungen, kaufen neue Outfits und Tanzschritte, albern herum. Sobald jemand auf den unscheinbaren Acker rennt und den Ball in eines der Tore semmelt, stürmen andere Menschen auf den Platz und spielen mit.

Der Reiz ist das Gemeinschaftserlebnis

Eigentlich reisen die Spieler im Egoshooter “Destiny 2“ kreuz und quer durch das Sonnensystem und schießen auf ein Panoptikum feindseliger Aliens. Aber der vermeintliche Kern der Sache ist ein bisschen wie der Sport im Verein – er reicht allein nicht aus. Ein wesentlicher Reiz ist das Gemeinschaftserlebnis. “Destiny 2“ lässt sich über weite Strecken auch allein spielen, aber dann wird es schneller langweilig.

Große Titel, die heute neu erscheinen, dürfen in aller Regel auch kein Ende mehr haben. Sie sollen Spieler lange bei der Stange halten – wie eine Fernsehserie. Doch die Geschichten solcher Spiele sind in aller Regel vernachlässigbar. “Destiny 2“ flickt eine Reihe halbherzig erklärter, abgedroschener Science-Fiction-Fantasy-Themen zu einem löchrigen Teppich zusammen und wiederholt unzählige Kämpfe gegen kaum variierte Gegner an immer gleichen Schauplätzen.

Das ist schade für Spieler, die in neue Welten und spannende Erzählungen eintauchen wollen. Es ist schwierig, eine Geschichte in immer neue, leicht variierte Häppchen zu zerhacken, ohne sie zu zerstören. Das häufige Werbeversprechen “epischer“ Geschichten bleibt ein Lippenbekenntnis. Die Helden von “Destiny 2“ sind wie stumme Anziehpuppen, von Spielern dekoriert. Sie sind Hülsen für Spieler, die gedankenverloren miteinander plaudern, während sie Alienzombies und Weltraumschildkröten niedermähen.

 Für viele Menschen ist die Interaktion mit anderen in den prächtigen Onlinewelten moderner Games wichtiger als irgendeine vorgefertigte Story

Für viele Menschen ist die Interaktion mit anderen in den prächtigen Onlinewelten moderner Games wichtiger als irgendeine vorgefertigte Story.

Quelle: Shutterstock

Für viele Menschen ist die Interaktion mit anderen allerdings auch der bessere Inhalt als irgendeine vorgefertigte Story. Und sie hält länger: Mehrere hundert Stunden Spielzeit sind, verteilt auf mehrere Monate, ganz normal. Dagegen sind herkömmliche Abenteuer für Einzelspieler oft schon nach 20 Stunden vorbei, obwohl sie dasselbe kosten.

Immer riskanter wird die Produktion für Spielefirmen, weil die Entwicklungskosten für die immer schöneren, größeren und detaillierteren Spielwelten weiter wachsen. Das bekommen alle zu spüren – Bioware, einst ein Edelstudio und einer der besten Geschichtenerzähler der Branche, entwickelt mit “Anthem“ jetzt auch ein Spiel nach der “Destiny“-Blaupause. Und EA, die Spielefirma hinter “Star Wars Battlefront II“, hat zuletzt die Arbeiten an einem reinen Einzelspieler-Abenteuer im Star-Wars-Universum abgebrochen. Keine Experimente.

Schicke Rüstung für ein paar Euro extra

Dass Onlinespiele so viel mehr Geld verdienen, klingt merkwürdig. Denn hier können die Spieler endlos online zocken, ohne viel zu bezahlen. Aber die Spieler sind empfänglich für viele kleine Angebote – sogenannte “Microtransactions“. Immer wieder werden sie daran erinnert, was sie für ein paar Euro extra haben könnten; eine besonders schicke Rüstung etwa, einen besonders albernen Tanzschritt, oder – immer häufiger – eine Wundertüte mit Gegenständen unterschiedlichen Nutzens.

Nicht ohne Risiko für die Firmen. Wer allzu gierig um Geld bettelt, der erntet den Zorn der Fans. Und “Pay to Win“, also spielentscheidende Vorteile für zahlende Spieler, sind bei den Kunden richtig verhasst.

Von Jan Bojaryn

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