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Die Poesie der Straße

Street-Art-Museum in Berlin Die Poesie der Straße

In Berlin hat ein Museum für Street-Art eröffnet: das “Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art“. Die erste Ausstellung macht einen überraschend braven Eindruck.

Vergängliche Kunst konserviert: Das Urban Art Museum in Berlin zeigt Werke aus verschiedensten Street-Art-Strömungen.

Quelle: Urban Nation/Ron English

Berlin. Die einen betrachten Graffitikunst als ultimative Poesie des Großstadtdschungels. Die anderen würden gerne darauf verzichten, insbesondere wenn die eigene Hausfassade als Leinwand herhalten muss.

Seit den Mauerzeiten ist Berlin eine Hochburg der internationalen Urban Art, unter anderem mit der East Side Gallery. Das Who’s who der Szene hat in der Stadt seine Werke hinterlassen. “Urban Nation“, eine Art alternativer Kunstverein für die international vernetzte Street-Art-Szene, vermittelt Sprayern seit 2013 legale Flächen zur Selbstverwirklichung. Nun hat die Einrichtung ein Museum für die vergängliche Kunst der Straßen eröffnet: das “Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art“ in Berlin-Schöneberg.

Zur Eröffnung erschien Monika Grütters. Die Kulturstaatsministerin lobte, dass mit dem Urban Art Museum eine weltweit einzigartige “Hall of Fame“ der urbanen Kunst eröffnet habe. Tatsächlich hat sich die Urban-Art-Szene zunehmend professionalisiert. Viele Vertreter der Kunstrichtung verfügen über akademische Abschlüsse in Kunst oder Design.

 Wandtexte sortieren im Urban Art Museum die subversive Alternativkultur in vertraute Kunstgenres wie Porträt oder Landschaft

Wandtexte sortieren im Urban Art Museum die subversive Alternativkultur in vertraute Kunstgenres wie Porträt oder Landschaft.

Quelle: Sabine Dobre

Das Museumsgebäude, ein Gründerzeithaus, liegt in einer zugigen Ecke im Nollendorf-Kiez gegenüber einer Hochtrasse der U-Bahn. 4,5 Millionen Euro betrugen die Umbaukosten. Das Land Berlin fördert das Projekt mit 1,4 Millionen Euro aus Lotto-Mitteln. Das Gebäudeinnere trägt die Handschrift des prominenten Architekturbüros Graft. Mit Durchbrüchen hat dieses die Baustruktur geöffnet.

Die Eröffnungsausstellung macht indes einen überraschend braven Eindruck. Wandtexte sortieren die oft widerborstige und subversive Alternativkultur in vertraute Kunstgenres wie Porträt oder Landschaft und Stile wie Pop-Art, Konzeptkunst oder Realismus ein. Mit Nachdruck zieht das neue Museum Analogien zwischen Street-Art und gegenwärtiger aktivistischer Kunst (“Art Activism“). Tatsächlich findet ein Austausch zwischen den Szenen statt.

Die Sprayer haben sich im neuen Museum, anders als auf der siebten Berlin Biennale vor fünf Jahren, an Formatvorgaben gehalten. Auf der Biennale 2012 hatte ein Sprayer bei einem Graffiti-Workshop in einer Kirche über vorgesehene Flächen hinausgesprüht. Die Situation eskalierte, als ihn der Biennale-Leiter zurechtwies und der Rüge mit einem Eimer Wasser Nachdruck verlieh.

Säuberlich gerahmte Werke

Im Urban Art Museum geht es hingegen gesittet zu. Die Werke sind alle fein säuberlich gerahmt, mit Ausnahme des Beitrags des 1987 geborenen Portugiesen Alexandre Farto (bekannt als Vhils). Dieser hat einen Riesenkopf direkt in die Museumswand gemeißelt. Vhils erlangte internationale Bekanntheit, als seine geschnitzten Porträts in London an der Seite von Werken der Urban-Art-Legende Banksy gezeigt wurden.

Blickfang im Erdgeschoss des von der deutsch-amerikanischen Galeristin Yasha Young geleiteten Museums ist ein knallbuntes Großformat von Ron English: Felix the Cat hält sich vor Lachen den Bauch und entblößt dabei ein Raubtiergebiss. Der 1959 geborene Amerikaner prägte den Begriff “POPaganda“. Er manipuliert Werbebotschaften oder Heroen der Massenkultur in einer Weise, die Aussagen auf den Kopf stellt. Zu seinen bekanntesten Bildern zählt die Porträt-Fusion “Abraham Obama“, eine Verbindung der Züge des 16. und des 44. Präsidenten anlässlich des US-Wahlkampfes 2008.

 Die derzeitige Ausstellung, unter anderem mit Werken von Hush, wird noch bis zum Sommer zu sehen sein

Die derzeitige Ausstellung, unter anderem mit Werken von Hush, wird noch bis zum Sommer zu sehen sein.

Quelle: Urban Nation

Ein leiser und feinsinniger Star der Szene ist hingegen der in Berlin lebende Sprayer Evol. Von dem 1972 geborenen Künstler hängt eine melancholische Arbeit im Trompe-l’œil-Stil im Museum. Auf einem braunen Pappkarton mit den Aufklebern “Vorsicht Glas!“ und “Leere Kiste bitte entsorgen“ hat er fein säuberlich einen Balkon und winzige Fenster mit geschlossenen Jalousien dargestellt. Wer in Berlin oder Dresden an Stromkästen vorbeiläuft, die wie DDR-Plattenbauten im Miniaturformat aussehen, hat es wahrscheinlich mit Schablonen-Malerei von Evol zu tun.

Insgesamt versammelt das Museum derzeit Bilder und Plastiken von 150 Künstlern und ermöglicht es aufmerksamen Besuchern, individuelle Handschriften draußen im Stadtraum wiederzuerkennen. Dreiäugige Kaninchen deuten zum Beispiel auf Ron English hin und Comic-Figuren in Gestalt roter Bohnen (“human beans“) auf Dave the Chimp. Bis zum Sommer läuft die jetzige Ausstellung, dann wird umgehängt. Mit dem Urban Art Museum hat die vergängliche Kunstform Street Art in Berlin eine permanente Bleibe gefunden.

Bülowstraße 7. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist vorerst frei. www.urban-nation.com

Von Johanna Di Blasi

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