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Das höchste Gut

Das Glück der Gesundheit Das höchste Gut

Was ist Gesundheit? Mehr als nur nicht krank sein? Auf jeden Fall halten die Deutschen nichts so hoch wie Gesundheit. Zugleich gilt sie als Normalzustand. Erst wenn sie uns verlässt, merken wir, wie kostbar sie ist: als Fundament für Glück und Freiheit.

Kann nur, wer gesund ist, auch ein glückliches Leben führen? Warum wir die endliche Ressource Gesundheit trotz Fitnesskult und Achtsamkeitsboom erst so spät zu schätzen wissen.

Quelle: iStockphoto

Hannover. „Gesundheit!“ Wir sagen dieses Wort reflexhaft, wenn jemand in unserer Nähe niest. Wir sagen es täglich mehrfach, womöglich dutzendfach, wenn gerade mal wieder eine Erkältungswelle durchs Land rollt. Wir sagen “Gesundheit!“ und denken uns nicht viel dabei – außer womöglich: “Steck’ mich bloß nicht an!“ Oder: “Jetzt niest der schon wieder. Noch einmal wünsche ich ihm aber nicht Gesundheit!“

“Hauptsache, gesund!“ Vor allem ältere Menschen haben diesen Halbsatz zum Lebensmotto erkoren. Er mag ein wenig floskelhaft klingen, doch schwingt zugleich eine wissende Bestimmtheit mit, wenn er auf einer goldenen Hochzeit, bei einem 80. Geburtstag oder beim Seniorenkaffee im Gemeindehaus fällt. Zumeist kreist ein Gespräch, das in die Feststellung “Hauptsache, gesund!“ mündet, um Menschen aus dem Familien- und Freundeskreis, denen “die Gesundheit zu schaffen macht“ (müsste es nicht heißen: denen die Krankheit zu schaffen macht?).

Die Beiläufigkeit, mit der wir dem Niesenden “Gesundheit!“ wünschen und demgegenüber die fast apodiktische Nachdrücklichkeit, die in der – von jungen Menschen mutmaßlich nie zu hörenden – Aussage “Hauptsache gesund!“ mitschwingt, machen etwas deutlich: Erst wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht, wenn ein Bewusstsein von körperlichen Grenzen, von Hinfälligkeit, von Endlichkeit erwacht, wird Gesundheit zu einem Thema, das uns wirklich umtreibt.

Sorge um die endliche Ressource

Es liegt in der Natur des Alterns, dass die Kräfte nachlassen, dass sich Zipperlein einstellen, dass Krankheiten nicht “einfach so“ verschwinden, dass sich die Todesnachrichten aus dem Freundeskreis mehren. Es ist natürlich, dass Gesundheit mit den Jahren immer kostbarer wird, weil sie zunehmend als endliche Ressource erfahren wird.

Laut einer Statistik der Europäischen Union empfinden weit mehr als 90 Prozent der unter 25-Jährigen ihren Gesundheitszustand als “sehr gut“ oder “gut“. Zu dieser Einschätzung kommen sie, weil ihr Körper zumeist derart reibungslos und diskret arbeitet, dass sie von seiner Vergänglichkeit allenfalls eine abstrakte Vorstellung haben. Aus dieser Warte erscheint Gesundheit gleichsam als naturgegebener Zustand, als so normal, dass sie nicht weiter auffällt. Es sei denn, man gehört etwa zu den mehr als 30 000 Kindern und Jugendlichen unter 19 Jahren, die in Deutschland an Diabetes Typ I leiden, zu jenen 600 Kindern, die jährlich an Leukämie erkranken, oder zu jenen, die schon mit einem schweren Handicap geboren werden.

Der Medizinethiker Martin W. Schnell stellt fest, dass Gesundheit “nicht eigenständig, nicht klar umrissen und nicht isolierbar“ sei, wohingegen “Krankheit von der Gesamtperson des Patienten ablösbar ist und an Normwerten gemessen werden kann“. Wohl deshalb kann, wie der Soziologe Niklas Luhmann schrieb, “ein Arzt mit Gesundheit nichts und nur mit Krankheit etwas anfangen“.

Fundament für ein glückliches Leben

Obgleich kaum zu fassen, gibt es etliche Versuche, Gesundheit zu definieren. So sagt die WHO, Gesundheit sei “ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“. Der mit Gesundheit offenbar reich gesegnete Philosoph Hans-Georg Gadamer – er wurde 102 Jahre alt – begreift diesen Zustand gar als Quelle der Lebensfreude: “Gesundheit ist (…) Da-Sein, In-der-Welt-Sein, Mit-den-Menschen-Sein, von den eigenen Aufgaben des Lebens tätig und freudig erfüllt zu sein.“

Freilich kann man es auch anders sehen: Gesundheit ist wie ein behagliches Nest, sie stellt unsere Selbstannahme, unseren Lebensentwurf nicht infrage. Sie zwingt uns nicht zur Auseinandersetzung mit unseren Ängsten und Hoffnungen. Sie verlangt uns nicht ab, über uns hinauszuwachsen: “Krankheit ist der Ort, wo man lernt“, erkannte denn auch der französische Philosoph Blaise Pascal Mitte des 17. Jahrhunderts.

Ein glückliches Leben hängt nicht zwingend und nicht ausschließlich von der Gesundheit ab. Aber sie ist ein Fundament, auf dem wir uns – je stabiler, desto freier – entfalten können. Entsprechend fürchten wir den Tag, an dem sie uns verlässt.

Kritik an der “Gesundheitsdiktatur“

Diese Furcht lässt uns erbittert um sie kämpfen: Wir stellen uns auf die Körperanalysewaage, legen die Fitnessuhr an, hasten durch den Park, toben uns in der Muckibude aus, verkneifen uns Kohlenhydrate und flößen uns püriertes Unkraut ein. Alles für die Gesundheit, die laut Werteindex von Trendbüro und TNS Infratest das mit Abstand höchste Gut der Deutschen ist.

Nicht, dass unser Streben nach Gesundheit nur Flucht vor Hinfälligkeit und Leiden wäre. Im Gegenteil: Es ist vernünftig, auf sich zu achten – allein schon, um möglichst lange möglichst selbstbestimmt leben zu können. Schwierig wird es allerdings, wenn Gesundheit nicht mehr nur als Voraussetzung für ein mündiges und erfülltes Leben angesehen wird, sondern als ein Wert an sich, womöglich als der kostbarste überhaupt. In unserer von Selbstoptimierungsstreben und rastloser Produktivität geprägten Zeit sind viele davon nicht allzu weit entfernt.

Wenn aber Gesundheit zum wichtigsten Ziel wird: Wie viel Wert hat, wie viel Wertschätzung genießt dann noch ein kranker, ein hilfsbedürftiger Mensch? Ein Mensch, der im täglichen Wettbewerb um Fitness, Leistungsvermögen und Erfolg nicht zu bestehen vermag? Unter Ethikern und kritischen Medizinern macht schon das Wort von der “Gesundheitsdiktatur“ die Runde, von einer Gesellschaft, in der Gesundheit immer mehr zum Imperativ wird, zur Eintrittskarte in den Club vollwertiger Menschen.

Der Traum von der Unsterblichkeit

Denken wir die Konsequenzen unseres unablässigen Kampfes gegen Krankheit und Siechtum – und letztlich den Tod – einmal zu Ende: Irgendwann sind wir womöglich wirklich in der Lage, alle erblich bedingten Erkrankungen durch Gendiagnostik schon vor ihrem Ausbruch zu eliminieren. Irgendwann gelingt es uns vielleicht tatsächlich, menschliche Organe in beliebiger Menge zu züchten, um verbrauchte Körper rundum zu erneuern. Irgendwann erfüllt er sich gar, der uralte Menschheitstraum von der Unsterblichkeit.

Und dann? Unser Leben wäre wahrscheinlich nicht reicher und erfüllter – sondern leer und perspektivlos, ohne Richtung und Ziel. “In der Begrenztheit liegt das Glück“, lautet ein Sprichwort. Leben ist kostbar, weil es endlich ist. Gesundheit ist ein Geschenk, aber keine Selbstverständlichkeit, kein natürliches Anrecht.

Genießen wir also die Jahre, in denen wir vor Gesundheit strotzen – und machen wir das Beste aus jenen, in denen wir statt großer Sprünge nur mehr kleine Schritte machen können.

Von Daniel Behrendt

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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