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Die Ruhe und der Sturm

Mythos Herbst Die Ruhe und der Sturm

Der Herbst hat kein gutes Image. Er gilt als nasskalt, düster und trüb, als nichts Halbes und nichts Ganzes. Allenfalls als Übergangszeit. Dabei brauchen wir den Herbst – als Zeit, in der wir zur Ruhe kommen, loslassen und Kraft sammeln. Ein buntes Blatt zum Mythos Herbst.

Im Herbst begibt sich die Natur langsam zur Ruhe – auch wenn inzwischen nicht immer nur die Blätter, sondern oft gleich ganze Bäume fallen. Doch das Negativimage der Herbstmonate ist unverdient.

Quelle: unsplash

Hannover. Rilke. Natürlich. Der Sommer war sehr groß. Letzte Süße. Wer jetzt kein Haus hat. Das Gedicht “Herbststag“ führt in jedem Büchlein mit Jahreszeitenlyrik das Kapitel mit den bunten Blättern an. Unvermeidlich. Kitsch as Kitsch can. Oder?

Es ist nicht zu übersehen: Wir haben Herbst. Kalendarisch schon seit der Tagundnachtgleiche am 22. September, aber der Sommer war dann doch noch ein bisschen größer. Inzwischen jedoch fallen nicht nur die Blätter, sondern ganze Bäume. Das sind die Herbststürme, aber es ist, in dieser Heftigkeit, auch der Klimawandel, der sich nicht sonderlich darum schert, ob man an ihn glaubt oder nicht.

Es gibt Menschen, die betrachten den Herbst als reine Zwischenzeit. Als sei die Natur noch ein bisschen unentschieden, was sie jetzt genau wolle, Sonne oder Schnee, Bikini oder Bärenfell, und bis wieder alles klar ist, ist eben Übergang. In der Übergangszeit trägt man als Übergangslösung Übergangskleidung.

Langsames Herunterfahren des Tempos

Das mit der Kleidung ist ja okay. Aber die Übergangsbetrachtung ist als alleinige Sichtweise auf den Herbst ein großer Fehler. Der Herbst ist viel mehr als die Jahreszeit zwischen Sommer und Winter. Er ist für das Jahr das, was der Abend für den Tag ist: unverzichtbar. Ein langsames, bedächtiges Herunterfahren des Tempos. Zur Ruhe kommen. Wir fallen ja auch nicht aus dem Büro direkt in die Koje – und wenn wir es täten, wäre es extrem ungesund: Der Mensch ist ein langsames Wesen.

Im Südwesten Deutschlands kennt man noch das schöne alte Wort “herbsten“. Es steht für die Weinlese, also für die Ernte. Und tatsächlich bezeichnet der Name der Jahreszeit eigentlich das, was man in der Landwirtschaft in dieser Jahreszeit tut: Aus der indogermanischen Silbe “karp“ für ernten haben sich über die Jahrhunderte das germanische Wort “harbista“ und unser heutiges Wort “Herbst“ entwickelt. Aber die Ernte gilt nicht nur für die Bauern. Der Holunder wird reif, die Birnen schmecken, die Pflaumen fallen, ebenso die Kastanien. Und die Blätter werden bunt und segeln zu Boden.

Und warum tun das die Blätter? Weil sich auch die Bäume langsam zur Ruhe begeben. Die kühleren Temperaturen signalisieren dem Baum, dass er nach und nach das Wasser und die Säfte in seinem Innern in den Wurzelbereich zurückzieht, dass er aufhört, Keime zu treiben und Früchte zu produzieren – der Frost würde alles sprengen, sogar den Baum selbst. Das Chlorophyll, das für das Grün der Blätter zuständig ist, wird also quasi zurückbeordert, ebenso wie das Wasser in den Blättern. Dann kommen vorübergehend ein paar andere Farbstoffe zum Einsatz, etwa das Karotinoid. Die Blätter werden gelb oder orangefarben oder rot, eine Orgie an Farben. Gleichzeitig bildet sich eine dünne Korkschicht zwischen dem Ast und dem Blattansatz, die die Nährstoffzufuhr unterbricht. Dann fällt das Blatt ab.

Nasskalt-negatives Image

Die Herbstmonate September, Oktober und November haben – bis auf den goldenen Oktober, wenn er denn eintritt – heute ein eher nasskalt-negatives Image. Was nicht ganz gerecht ist. Ohne Ernte ist man im Winter verhungert. Der September wurde auch “Holzmond“ genannt (das Holzhacken wurde langsam dringend), der November respektvoll “Windmond“ – und der Oktober war im Mittelalter ein heiliger Monat, in dem die Könige heirateten.

Wenn die Sonne zum Herbstbeginn noch kräftig scheint, spricht man bis heute vom Altweibersommer. Was nur zur einen Hälfte mit alten Weibern, zur anderen mit Etymologie zu tun hat: “Weiben“ ist ein früheres Wort für weben, und das tun die Spinnen im Herbst besonders intensiv. Wenn sich dann noch im frühmorgendlichen Licht silbrig schimmernder Tau an den Fäden absetzt, sieht das aus wie leuchtend graues Haar.

Für die Germanen übrigens stammten diese Fäden von den Nornen, den Schicksalsgöttinnen, die einen Lebensfaden knüpfen oder auch abschneiden konnten, und wenn so ein Faden im Wald an der Jacke hängen blieb, brachte das Glück. Manche Katholiken wiederum meinten, es handele sich um Fäden vom Mantel der Jungfrau Maria – und nannten sie Marienfäden.

Eingefräst in die biologische Uhr

Nichtsdestotrotz gilt der Herbst vielfach als trübe Jahreszeit, als die Spanne mit Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag, als Tummelplatz für Depressive und Selbstmörder. Was schlicht falsch ist: Die Suizidrate ist im Frühjahr, wenn alles aufbricht und zum Licht strebt und sich freut (was für traurige Seelen schmerzlich ist, wenn sie das selbst nicht können), nachweisbar viel höher als im Herbst.

Und was soll sonst trübe am Herbst sein? Der Nebel? Nebel ist ein genauso wunderbares Naturschauspiel wie die bunten Blätter: Im Herbst kann die Sonne die Luft morgens noch relativ rasch erwärmen, die Erde aber kühlt nachts bereits stark aus, weswegen die Luft direkt über dem Boden kälter ist als die mit Wasser gesättigte Luft darüber. Die kalte Luft kann Wasser nicht so gut aufnehmen, es kondensiert, es bildet Tropfen – Nebel entsteht. Das nervt uns, weil wir mit dem Auto nicht so rasch durchkommen. Wenn wir mit Zeit draufgucken, im Nebel umhergehen, ihn genießen würden, empfänden wir ihn als genauso schön wie unsere Kinder das Herumstampfen im raschelnden Laub.

Tatsache ist: Wir – jedenfalls wir Mitteleuropäer – brauchen den Herbst in unserem Leben genauso wie die anderen Jahreszeiten. Es ist uns in unsere biologischen Uhren geradezu eingefräst, dass es Zeiten des Aufbruchs ebenso gibt wie Zeiten der Fülle, Zeiten des Abklingens und Zeiten der Ruhe: Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Die Tiere machen es uns vor: Eichhörnchen sammeln und verstecken im Herbst Nahrung für den Winter, die Zugvögel brechen nach Süden auf, die Igel fressen sich ein Speckpolster an, die Fische suchen sich ein frostfreies Eckchen im Teich und fahren ihre Temperatur runter.

Wie die Minuten vor dem Einschlafen

Der Herbst ist die Jahreszeit für das Langsamerwerden, für heißen Tee und ein gutes Buch auf dem Sofa (man darf aber auch einen Rotwein und eine Fernsehserie nehmen). In der frühen Dunkelheit ist mehr Konzentration möglich, man kann nachdenken über das, was war und was kommen soll. Am besten geht das, wenn der Regen ans Fenster prasselt und man selbst es schön warm hat. Herbst ist wie die Minuten vor dem Einschlafen nach einem langen, anstrengenden Tag: Der Körper entspannt sich, der Geist schaltet zwei Gänge runter, die Augen gehen zu. Man darf loslassen.

Und Rilke? Ach was, Rilke ist kein Kitsch. Nie gewesen. Rilke ist wie Venedig: Noch so viele Touristen können die Stadt nicht totfotografieren. Und noch so viel “Herbsttag“-Posts im Internet, garniert mit Screenshots von der DVD mit dem künstlichen Kaminfeuer, und noch so viele Klimbim-Kalender können dieses Gedicht nicht kaputt machen.

Rainer Maria Rilke ist nicht umsonst einer der besten Lyriker der Deutschen, er wusste genau, welches Wort an welche Stelle gehört und wie er Bedeutung herstellt, ohne Übertreibung zu riskieren. Der Sommer war nicht heiß und nicht gewaltig, er war “groß“. Wer allein ist, bleibt es, weil es dem biologischen Hergang entspricht. Aber er liest und schreibt lange Briefe. Und die werden bestimmt gelesen. Und irgendwann beantwortet. Und nach dem Herbst und dem Winter wacht man eines Morgens mit neuer Kraft auf – und es ist Frühling.

Von Bert Strebe

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