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Vom Glück des Kochens

Okka Rohd über ihre Liebe zum Kochen Vom Glück des Kochens

Essen hält Leib und Seele zusammen, heißt es. Unsere Autorin hat etwas gebraucht, bis sie das verstanden hatte. Mittlerweile aber ist das Kochen ihre große Liebe. Alles begann mit einem Curry.

Selbst zubereitetes Essen macht satt, glücklich – und kann nicht zuletzt eine Zeitmaschine in die Kindheit sein.

Quelle: Unsplash/Jorge Zapata

Hannover. Es gibt ein Davor und Danach. Davor knackte ich am Samstagabend feierlich ein Glas Süß-sauer-Soße auf, um sie mit Reis und ein paar Hühnerbruststreifen aufzuwärmen. An den restlichen Tagen gab es Ravioli, Pizza oder Reibekuchen mit Apfelmus – in der Tiefkühltruhe des Supermarktes kann man ja durchaus fündig werden. Ich kam einfach nie auf die Idee, dass Kochen eine Bereicherung für mein Leben sein könnte.

In meiner Teenagerzeit gab es vieles, was wichtig war, das Geigespielen, die Leichtathletik, das Unglücklichverliebtsein. Gekocht habe ich nie. Auch in meiner Studienzeit gab es Wichtigeres. Manchmal kochten wir etwas in meiner WG, manchmal machte ich mir irgendetwas aus dem Studentenkochbuch, das meine Mutter mir zum Auszug geschenkt hatte. Schuld daran, dass ich kochen lernen wollte, war am Ende ein Mann.

Gutes Essen hatte nie mit mir zu tun

Ich war Ende 20 und hatte mich gerade frisch verliebt. Er liebte mich zurück und kochte mir ein Thai-Curry. Meine winzige Küche sah aus wie ein Schlachtfeld, überall standen Töpfe und Schüsseln und noch mehr Schüsseln herum. Er zerdrückte Zitronengras und rieb Palmzucker, von dem er mir ein klitzekleines Stückchen auf die Zunge legte, er wusch Kräuter, suchte nach Salz und fand es. Er summte vor sich hin, was er offenbar gar nicht mitbekam, weil das, was er da summte, nicht den geringsten Sinn ergab, dada, dadadadaaa, dadadadadaaa. Und er tat das alles mit einer großen Selbstverständlichkeit (und ebenso großem Selbstvertrauen). Dann deckte er den Tisch, zündete Kerzen an und sagte: “Probier das mal.“

Ich probierte. Wäre ich nicht schon in diesen Mann verliebt gewesen, ich hätte mich sofort in ihn verknallt. Stattdessen verliebte ich mich in sein Essen. In die Aromen, von denen ich nicht wusste, wie sie entstanden waren, bloß, dass sie tanzten. Und ins Kochen. In die Vorstellung, dass man etwas so Gutes selbst zubereiten konnte.

Natürlich war das albern. Ich hatte ja schon vorher gut gegessen. Zu Hause. In Restaurants. Und ich mochte gutes Essen. Es hatte nur nie mit mir zu tun. Persönlich nahm ich es erst, als es mir – zusammen mit ihm, durch ihn – nahe kam. Andere Paare haben ihren Song, wir haben “unser Curry”. Ich wollte wissen, wie das geht. Ich wollte kochen.

Leidenschaftlich ahnungslos

Es begann mit Jamie-Oliver-Kochbüchern, ein paar ausprobierten Rezepten, die ich schnell auswendig lernte und ein wenig abänderte (nicht, dass sie dadurch besser wurden, auch wenn ich das behauptete, aber es war mir wichtig, meinen eigenen Senf dazuzugeben). Mit mehr ausprobierten Rezepten, auch von anderen Köchen. Wenn wir essen gingen und ich ein Gericht sehr mochte, probierte ich, es zu Hause nachzukochen (was selten gelang, aber einen Riesenspaß machte).

Aus einem Kochbuchstapel in der Küche wurde erst ein Kochbuchbrett und dann ein Kochbuchregal. Ich begann, an seinem Essen herumzumäkeln und pingelig bei der Restaurantauswahl zu werden (selbstverständlich war ich noch immer völlig ahnungslos, was das Kochen anging, nun aber immerhin sehr leidenschaftlich ahnungslos). Das Essen, das ich zubereitete, begann mir zu schmecken. Also lud ich Freunde zu mir nach Hause ein. Und kochte ein Geburtstagsmenü für meine Mutter.

Mittlerweile ist das Kochen genauso wichtig wie das Essen geworden. Das Gefühl, zwei Schalen Cherrytomaten mit nach Hause zu nehmen und sie im Ofen so lange zu trocknen, bis sie wie Süßigkeiten schmecken. Und diese roten Göttlichkeiten dann zusammen mit ein paar klein geschnittenen Avocados, frischen Tomaten, einer dünn geschnittenen roten Zwiebel, ein bisschen Koriander, Salz, Olivenöl und Limettensaft zu einem Salat zu verrühren, über den jeder, der ihn probiert, verlässlich lächelt.

Aus einfachen Zutaten Dinge zaubern, die andere Menschen zum Lächeln bringen

Aus einfachen Zutaten Dinge zaubern, die andere Menschen zum Lächeln bringen: Kochen macht nicht nur satt, sondern auch glücklich.

Quelle: Hawlisch/Verlag

Oder das Glück, ein paar Löffel Zucker mit ein paar Löffeln Wasser in Karamell zu verwandeln. Zu sehen, wie der Zucker langsam schmilzt und Blasen wirft, erst hell, dann bernsteinfarben, schließlich karamellbraun. Und diesen Karamell mit Butter zu einer Soße zu verrühren, mit fein geschnittenen sauren Äpfeln und Blätterteig zu belegen und das Ganze im Ofen zu backen, bis der Duft fast unerträglich gut wird. Und die Tarte Tatin, wenn ich sie endlich rausholen darf, weil der Blätterteig perfekt knusprig ist, noch stehen zu lassen, damit sie abkühlen und gestürzt werden kann, um sie endlich, endlich mit dicker französischer Crème fraîche zu essen. Oder der Trick, ein paar Möhren in Scheiben zu schneiden, sie erst zu kochen und dann zu braten, bis sie wie der Komparativ einer Möhre schmecken. All das ist so überhaupt nicht sinnlos.

Kochen macht mich glücklich. Nicht nur satt und zufrieden, was beides schon ausreichend gute Gründe wären, um es gerne zu tun, sondern tatsächlich glücklich. Das Leben kommt mir reicher und leichter vor, sobald ich anfange, in meiner Küche vor mich hinzuwerkeln. Ich bin näher bei mir und gleichzeitig näher bei den Dingen, weil ein Ich sich ja aufzulösen beginnt, wenn es sich in eine Tätigkeit vertieft.

Auch deshalb ist das Kochen mir so wichtig geworden: Es hilft mir dabei, ein wenig mehr der Mensch zu sein, der ich gerne wäre: eins mit dem, was er tut, nicht unruhig, nicht gehetzt, durchlässiger und empfindsamer. Endlich komme ich auch wieder mit der Magie der Natur in Kontakt, die ich als durchschnittlich lebender Stadtmensch mit dem Ende meiner Kindheit hinter mir gelassen habe. So, wie ich lebe, fühle ich mich oft ortlos, die Kommunikation findet immer häufiger bloß noch digital statt, die Geräte haben alle eine perfekt glatte Haut.

Eine der letzten Inseln der Handarbeit

In der Küche aber, wenn ich Paprikagehäuse von ihren Samen befreie oder eine Zwiebel schneide, merke ich endlich wieder, dass ich auf einem potenten Planeten lebe. Dazu kommt, dass das Kochen in meinem Leben zu den letzten Inseln der Handarbeit gehört. Ich sitze ja sonst immer nur am Schreibtisch und tippe Texte, keine Tätigkeit, die die Sinnlichkeit fordert und fördert, alles passiert in meinem Kopf. Beim Kochen dagegen ist ständig mein ganzer Körper beschäftigt. Ich knete Teige, mit all der Kraft, die ich in mir habe. Ich verbrenne mir die Finger. Ich probiere. Es duftet. Es zischt.

Und: die Zeitmaschine, die Essen sein kann! Ein Bissen von einer Kohlroulade, und ich sitze wieder mit meinen Eltern und drei Geschwistern an einem Tisch. Ein Löffel Thai-Curry, und ich bin wieder in dieser winzigen Wohnung in der Hamburger Neustadt und frage mich, wie ich diesen Mann je wieder aus meinem Kopf kriegen soll (gar nicht, glücklicherweise). Überhaupt: der Wahnsinn und die Erfüllung, die Frustration und die Glücksgefühle, das Einfache und das Komplexe des Kochens.

Vor ein paar Tagen habe ich dem mexikanischen Koch Enrique Olvera in der Dokumentation “Chef’s Table“ dabei zugesehen, wie er Mole macht. In seiner Mole madre werden rund 100 Zutaten verarbeitet. Er braucht für die Zubereitung 895 Tage, also 21 480 Stunden. Wenn ich solche Geschichten höre, dann bekomme ich Gänsehaut und denke daran, was ich noch alles kochen und essen, lernen und ausprobieren, schmecken und beseufzen kann. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich zum ersten Mal den Himmel gesehen.

Okka Rohd

Okka Rohd

Quelle: Verlag

Über die Autorin: Okka Rohd ist Journalistin und Buchautorin. Auf ihrem Blog Slomo ( okkarohd.blogspot.de), schreibt sie über die Dinge, die ihr wichtig sind: die Kinder, das Leben, Literatur, Filme und das Kochen. Von Letzterem handelt auch ihr neues Buch “Herdwärme“ (Kailash, 20 Euro). Man kann es wie eine Anleitung lesen: Okka Rohd hat Experten getroffen und Rezepte gesammelt, etwa für den besten Käsekuchen, das perfekte Wiener Schnitzel oder sehr außergewöhnliche Rote-Bete-Mohn-Marmelade. Eigentlich aber ist “Herdwärme“ eine Geschichte des Glücks.

Von Okka Rohd

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