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Wohnzimmer nach Wahl

Wo Wähler zu Hause sind Wohnzimmer nach Wahl

Ganz Deutschland redet über Jamaika: Selten war die Regierungsbildung nach einer Bundestagswahl so kompliziert. Wer sind die Menschen, die für Schwarz, Gelb und Grün gestimmt haben? Und wer hat sein Kreuz bei einer anderen Partei gesetzt? Ein Besuch bei deutschen Wählern.

Kann man an der Wohnung eines Menschen erkennen, welche Partei er wählt? Nicht unbedingt – und trotzdem lassen sich über Milieus Menschen zusammenfassen, die ähnlich denken, wohnen, konsumieren – und wählen.

Quelle: Jacqueline Schulz

Berlin. Steffen Ritter liebt Wettbewerb. Für Katharina Oerder darf’s ruhig ein bisschen weniger sein. Henriette Kluge vermisst ein ökologisches Bewusstsein, für Marvin Schmiedler ist das nicht weiter relevant. Er fordert mehr Sicherheit, während es für Mikk Schunke gar nicht genug Freiheit geben kann. So weit, so unspektakulär.

Und doch so interessant. Denn mit ihren Einstellungen stehen die fünf stellvertretend für ihre sozialen Milieus. Solche Milieus fassen Menschen zusammen, die ähnlich denken, wohnen, konsumieren – und wählen. Das Sinus-Milieu der bürgerlichen Mitte beispielsweise ist – verglichen mit den Konservativ-Etablierten – modern, kann aber bei Einkommen und gesellschaftlichem Einfluss nicht mit den Konservativ-Etablierten mithalten. Die Expeditiven wiederum machen zwar einen geringen Anteil an der Bevölkerung aus. Weil sie aber das jüngste und innovativste Milieu repräsentieren, achten Trendforscher und Zukunftsdeuter auf jede noch so winzige ihrer Bewegungen.

Sinus-Milieus in Deutschland 2017

Sinus-Milieus in Deutschland 2017

Quelle: Sinus

So nutzt die Konsumforschung Milieustudien, um Produkte effizienter und zielgerichteter zu vermarkten. Seit 40 Jahren erhebt das Sinus-Institut, wie sich Werte und Milieus in Deutschland verändern. Immer wieder muss die Karte der Milieulandschaft neu gezeichnet werden, weil alte Werte verblassen, neue auftauchen oder gesellschaftliche Umbrüche stattfinden – so geschehen beispielsweise nach dem Fall der Mauer.

In Zusammenarbeit mit dem Sinus-Institut hat diese Zeitung sechs Berliner Personen und Familien ermittelt, interviewt und fotografiert, die stellvertretend für ein Milieu stehen. Sie sind in ihrem Wohnumfeld zu sehen. Ausgewählt wurden die Milieus, aus denen Parteien die meisten Wähler rekrutieren. Wie bei jedem Modell gibt es jedoch auch bei Sinus-Milieus Personen, die sich nicht eindeutig einem Milieu zuordnen lassen, weil die Grenzen zwischen den Sinus-Milieus fließend sind und sich immer wieder ändern.

Der Konservativ-Etablierte

Das klassische Establishment ist gerne unter sich und hat nichts dagegen, den Ton anzugeben. Personen dieses Milieus streben Führungspositionen an und sind sich ihres Standes bewusst. Sie haben ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, engagieren sich gesellschaftlich und messen sich in Erfolgen.

Uwe Lehmann-Brauns

Uwe Lehmann-Brauns

Quelle: Jacqueline Schulz

Uwe Lehmann-Brauns (79), Anwalt und Notar a.D.

Interessen: Bildende Kunst, Literatur, Tennis, Fußball, Sprachen.

Leitmotiv des Milieus: Die feinen Unterschiede.

Umfasst: 10,1 Prozent der Deutschen (7,03 Millionen).

Neigt eher zu: CDU.

Bekommt Uwe Lehmann-Brauns, 79 Jahre alt, eine Frage gestellt, hält er inne, zwei, drei Sekunden vielleicht, während seine Pupillen nachdenklich an die Decke schweifen und seine Hände sich zur Raute zusammenlegen. Dann beginnt er zu reden. “Ich bin in die CDU eingetreten, weil ich etwas verändern wollte“, sagt er. “Nicht, weil ich CDU-Politik machen wollte.“ Unter anderem den Bau eines Tunnels durch Berlin-Zehlendorf hat er verhindert, beim Aufhalten des Abrisses zweier Theater am Kurfürstendamm ist er gescheitert. “Das ist“, er hält inne, “mit Verlaub, eine Barbarei. Da kommt dann wieder eines dieser Einkaufszentren hin, die nach fünf Jahren pleitegehen.“

Lehmann-Brauns ist kein Fortschritts-Verweigerer, das zeigt allein der iMac auf seinem Schreibtisch. Aber er ist einer, der ein Problem damit hat, Veränderungen einfach so durchzulotsen. Zumal, wenn es um Abrisse geht. Besonders, wenn es um Abrisse von Kultureinrichtungen geht. Sein Großvater, Paul Lehmann-Brauns, war Landschaftsmaler. Dessen Bilder und Staffelei zieren das Arbeitszimmer des Rechtsanwalts und umgeben geerbte Möbel aus der Zeit des Biedermeier. Vielleicht würde sich Lehmann-Brauns heute moderner einrichten. „Aber jetzt sitze ich drin. Soll ich das etwa wegwerfen?“

Wenn Lehmann-Brauns redet, umgibt ihn Autorität. Selbst dann, wenn er nicht redet. Lehmann-Brauns weiß, wer er ist. Das hat er sich erarbeitet, über Jahrzehnte. Und er hört nicht auf zu arbeiten, obwohl Menschen in seinem Alter das normalerweise tun. Lehmann-Brauns ist Mitbegründer des Bürgerbüros zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur, Co-Vorsitzender und Gründungsmitglied der Deutsch-Italienischen-Freundschaftsgesellschaft sowie 2. Vorsitzender des Autorenkreises der Bundesrepublik. Fünf Jahre lang war er Vorsitzender des Berliner Abgeordnetenhauses. Er spielt Tennis und zwischendurch Fußball. Nebenher schreibt er Bücher, gerade eines über den Dichter Gottfried Benn, vielleicht bald noch eines über die wilden Achtziger, mal schauen.

Der Performer

Leitmotiv des Milieus: Leistung aus Leidenschaft. Umfasst: 8 Prozent der Deutschen (5,54 Millionen). Neigt eher zu: FDP. Die effizienzorientierte Leistungselite denkt global und ökonomisch. Sie ist gut vernetzt und weiß ihre Kontakte zu nutzen. Performer verfolgen aufmerksam technischen Fortschritt – und gehören zu den wenigen, die sich über Programmupdates freuen. Sie haben kein Problem mit Wettbewerbssituationen, ebenso wenig damit, Geld auszugeben. Äußerlichkeiten sind ihnen ­wichtig.

Steffen Ritter

Steffen Ritter

Quelle: Jacqueline Schulz

Steffen Ritter (50), Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur, Bereich Pflegewirtschaft.

Interessen: Theater, Kochen, klassische Musik, Lesen, Freunde treffen.

Es dauert, ehe Steffen Ritter Zeit für einen Termin hat – der vielen Reisen wegen. Etwa die Hälfte der Woche schläft Ritter in Hotels der Republik, um Vorträge zu halten, Tagungen zu besuchen oder um sich mit Politikern zu treffen. Ritter ist Mitgründer einer Kommunikationsagentur für den Bereich der Pflegewirtschaft. Eine Art Senioren-Start-up.

Als Ritter, erst Fotograf, dann Agenturjournalist, dann PR-Berater, das Unternehmen beim Notar anmeldete, war er bereits Mitte 40. Ungewöhnlich für die Berliner Mitte-20-Gründerszene. Aber Ritter reizt der Nervenkitzel. “Vielleicht mache ich in ein paar Jahren wieder was anderes“ sagt er. “Ich habe weniger Angst vor Veränderung als davor, mich zu langweilen.“ Zumal: “Alles ist Wettbewerb. Jeder führt jeden Tag einen Wettbewerb, die Wahrnehmungsschwelle zu durchbrechen.“ Bei seinen Kunden heißt das: Wie setze ich mich von den anderen Pflegeanbietern ab? Kein Senior wolle wie ein Senior behandelt werden, nur weil er alt ist. “Also mach mal was anderes, das den Entertainment-Faktor erhöht.“

In Ritters Fall bedeutet Entertainment vor allem Theater. In der Spielzeit geht er wöchentlich hin. Ansonsten zählen klassische Musik hören, Freunde treffen und kochen zu seinen Hobbys. “Ich brauche nicht vieles“, sagt Ritter. “Aber wenn ich etwas kaufe, soll es gut sein.“ Espressomaschinen wie seine sind sonst in hochklassigen Cafés zu finden, seine Musikanlage verwandelt das Lese- und Arbeitszimmer in einen Orchestergraben, die Einrichtung ist maßgeschneidert, sein Jackett sitzt perfekt, an der Küchentür hängen zwei weitere.

Aber wenn er, der noch Manschettenknöpfe trägt, fliehen müsste, wenn es also wirklich darauf ankäme, Ritter würde wohl Bücher mitnehmen, die bedeuten ihm am meisten. Der PR-Mann hat sich die Frage oft gestellt, seitdem er sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Viel mehr kann er heute Abend nicht erzählen. Denn Ritter hat später noch einen Termin.

Die Adaptiv-Pragmatischen

Die moderne junge Mitte ist die gesellschaftliche Mitte der Zukunft. Sie ist leistungsbereit, flexibel und weltoffen. Trotzdem hat sie ein Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit. Für sie ist gut, was praktisch ist. Die Adaptiv-Pragmatischen wägen Kosten und Nutzen ab; Spaß, Komfort und Unterhaltung sind ihnen wichtig.

Katharina Oerder und Michael Reschke

Katharina Oerder und Michael Reschke

Quelle: Jacqueline Schulz

Katharina Oerder (33), berät Betriebsräte und Gewerkschaften.

Interessen: Theater, Ausstellungen, Lesen, Reisen.

Michael Reschke (34), Referent im brandenburgischen Arbeitsministerium.

Interessen: Theater, Ausstellungen, Musik, Videospiele, Reisen.

Leitmotiv des Milieus: Alle Optionen offen halten.

Umfasst: 9,7 Prozent der Deutschen (6,76 Millionen).

Neigt eher zu: SPD.

Im Bücherregal reihen sich Fußballmagazine an das “Lexikon des Sozialismus“. Romane an Lehrbücher der Sozialforschung. Davor spielt Henriette, Henni, anderthalb Jahre alt und will ganz andere Bücher vorgelesen bekommen. “Steffi, das Schweinchen“ zum Beispiel. Seit drei Wochen geht Henni in die Kita, seitdem ist der Alltag für Katharina Oerder und Michael Reschke ein wenig entspannter. Die beiden haben das geschafft, woran so viele andere scheitern: Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie schied acht Monate aus dem Beruf aus, er sechs, anschließend gemeinsam vier Monate Teilzeit. “Es war uns wichtig, das ungefähr halbe-halbe aufzuteilen“, sagt Oerder.

Sie und ihr Mann sitzen am wuchtigen, hölzernen Esstisch, darauf eine gefüllte Obstschale aus Bast. Sie berät Betriebsräte, er arbeitet im brandenburgischen Arbeitsministerium. Arbeitnehmerrechte sind ihr Kampfthema. Sprechen sie über Arbeit und Politik, ändert sich ihr Tonfall, wird schneller, emotionaler und getriebener. “Ich kann nicht verstehen, wie der Neoliberalismus Menschen dazu gebracht hat, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln“, sagt beispielsweise Oerder. “Dieses unsolidarische Nach-oben-Buckeln und Nach-unten-Treten“, ergänzt Reschke. “Wir müssen unsere Werte zeitgemäß neu diskutieren und dürfen nicht nur für die Vergangenheit schwärmen. Wir müssen nach sozialer Gerechtigkeit und Freiheit fragen.“

Oerder und Reschke sind durch und durch politisch, schon seit ihrer Jugend. Heute sind sie noch immer in der Partei, aber die Zeit für langfristiges Engagement ist knapp. Selbst ins Theater gehen sie jetzt seltener. Immerhin ist das Lesen geblieben. Und Reschkes Spielkonsolensammlung. 13 Stück sind es mittlerweile. Die mussten aber gemeinsam mit dem Fernseher ins Gästezimmer ziehen. Beziehung ist eben auch Kompromiss. Das Wohnzimmer ist noch so einer. Er liebt funktionales Bauhaus. Sie wollte es gemütlich. Jetzt ist es funktional-gemütlich.

Die Sozialökologische

Dieses engagiert gesellschaftskritische Milieu hat ein ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen. Es hat eine Vorstellung von einem guten und richtigen Leben, die Wachstums- und Konsumgesellschaft ist ihm ein Dorn im Auge. Sozialökologische kämpfen sie für politische Korrektheit, Vielfalt, Nächstenliebe und eine bunte Gesellschaft.

Henriette Kluge

Henriette Kluge

Quelle: Jacqueline Schulz

Henriette Kluge (33), Referentin bei Bündnis 90/Die Grünen Berlin.

Interessen: Politik, Lesen, Reisen in die Natur, Wandern, Schwimmen, Sauna.

Leitmotiv des Milieus:

Nachhaltigkeit und ­Entschleunigung.

Umfasst: 7,2 Prozent der Deutschen (4,98 Millionen).

Neigt eher zu: ­ Die Grünen.

Morgens um vier, mit Kaffee und Stulle, zu DDR-Zeiten noch, stand Henriette Kluges Vater an, um die Bretter des Regals zu bekommen, vor dem Kluge nun sitzt. Sie nahm es mit in ihre neue Wohnung, eine geliebte Kindheitserinnerung, wie so vieles in ihrer Wohnung. Darin, dicht an dicht, reiht sich Schweres an Leichtes. Denn Kluge liest im Wechsel: einmal klassische Literatur (Zweig, Mann, Lenz), einmal Unterhaltung (Beckett, Brussig, Kehlmann). Sie sitzt in einem Sessel vom Trödel und verzieht kaum das Gesicht, während ihre Tochter ihre Haare mit dutzenden Haarspangen in eine Form wandelt, die jeden Stylisten zum Weinen brächte.

“Natürlich kann ich nicht die Welt retten“, sagt Kluge. “Aber ich bin Teil dieser Gesellschaft und kann etwas beitragen, auch wenn es nicht immer leicht ist.“ Sie stören die Vielen, die nicht müde werden, sich zu beschweren, und die Schuld immer bei anderen suchen. Kluge weiß, wovon sie redet. Als sie ihr erstes Kind bekam, war sie alleinerziehend. Nebenher studierte sie. Und begann als Referentin zu arbeiten. “Das würde ich heute nicht wieder machen, denn ich weiß, meine Kräfte sind endlich – aber ich habe nicht klagend auf andere gezeigt.“

Auch jetzt arbeitet Kluge auf einer 80-Prozent-Stelle, zieht zusammen mit ihrem Freund ihre zwei Kinder groß und engagiert sich in der Schule ihres Sohnes. Sie nimmt sich heute mehr Zeit für sich selbst. Sie braucht die Natur zum Runterkommen. Entsprechend gehen auch die Urlaube raus aus der Stadt. Havelland, Ostsee, Mecklenburgische Seenplatte, “weiter weg muss es nicht sein.“ Zumal “weiter weg“ die Umwelt belaste. Auf so etwas achtet Kluge. Ihr Konsumverhalten ist bedacht. Keine Plastiktüten, keine Kaffee-to-go-Becher, keine ineffizienten Geräte. Einkäufe am liebsten bio, gern auch das Brot von gestern. Das Gemüse ist selbstangebaut. Fast immer fährt sie Bahn. Nur, wenn es in den Urlaub geht, mietet sie ein Auto. Das passt zu der Partei, die sie wählt. Da gibt es die visionären, kämpferischen Kräfte, und daneben den realpolitischen Flügel, den es auch braucht. Sie teilt beides.

Prekär und bürgerliche Mitte

Personen des Milieus bürgerliche Mitte streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, verspüren jedoch wachsende Abstiegsängste. Das Milieu der Prekären wünscht sich mehr Konsummöglichkeiten, Prestige und Anerkennung, es dominieren aber Gefühle der Verbitterung.

Marvin Schmiedler

Marvin Schmiedler

Quelle: Jacqueline Schulz

Marvin Schmiedler (26), Praktikant in der preußischen Staatsbibliothek.

Interessen: Reptilien, Geschichte, Videospiele, GoKart, Billard

Leitmotiv des Milieus bürgerliche Mitte: Das Erreichte sichern. Umfasst: 13,1 Prozent der Deutschen (9,09 Millionen).

Leitmotiv des Milieus der Prekären: Anschluss halten und dazugehören.

Umfasst: 9% der Deutschen (6,24 Millionen).

Beide Milieus neigen eher zu: AfD.

Marvin Schmiedler schrieb der AfD zunächst eine Mail, bevor er sie wählte. Mit Fragen, ob sie anders ist als die anderen Parteien. Denn Schmiedler, der sich in der Schnittmenge des prekären Milieus und der bürgerlichen Mitte verortet, fühlt sich vergessen. Er leidet unter Spastiken und Schwerhörigkeit. Sich damit auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten ist schwer.

Eine Jobvermittlung kümmert sich rührig um eine Vermittlung, sagt Schmiedler, aber die ist müßig. Denn bei Arbeiten muss Schmiedler sowohl stehen, laufen als auch sitzen. Gerade hat ihm die Vermittlung ein Praktikum in der preußischen Staatsbibliothek organisiert. Die Arbeit macht ihm Spaß, aber das Ausbildungsgehalt von 233 Euro reicht kaum zum Leben. Die AfD verspricht eingeschränkten Personen wie ihm höhere Sozialleistungen und höhere Strafen bei Nichteinstellung. Als Schmiedler das sagt, sitzt er auf einem großen, beigen Ecksofa. Hier schläft er, spielt Videospiele oder recherchiert. Über Waffen, den Zweiten Weltkrieg und Reptilien, das sind die Themen, die ihn interessieren. In einem selbst eingerichteten Terrarium hält er drei Kornnattern, in den USA sind die weit verbreitet.

Marvin Schmiedler ist ein höflicher Mensch. Er ist herzlich, Manieren 1a, bedacht und hört zu. Sofort bietet er Kaffee und Apfelsaft an. Zusammen mit seiner Mutter lebt er in Berlin-Tempelhof. Vorher lebten sie in Spandau. “Aber da ist es schlimm geworden“, sagt Schmiedler. Was er meint, ist die Zahl der Ausländer. Auch gegenüber ihnen fühlt sich der junge Mann benachteiligt. Er erzählt von Familien, die mit dem Porsche zum Arbeitsamt fahren. Von Jobvermittlungen an Asylanten, die schneller vonstatten gehen als bei ihm, dem Beeinträchtigten, der jeden Cent umdrehen müsse. “Natürlich muss man Flüchtlingen helfen. Aber deswegen darf man die Deutschen doch nicht vergessen.“ Prekäre Arbeit, Pflegenotstand, Verwahrlosung des ländlichen Raumes. Auch wenn vieles davon Schmiedler nicht direkt betrifft, es verstärkt doch das Gefühl, ein Vergessener zu sein.

Die Hedonistin

Die erlebnisorientierte untere Mitte lebt im Hier und Jetzt, agiert spontan und geht an die Probleme unbekümmerter heran als andere Milieus. Gern würde sie ausbrechen aus den Zwängen des Alltags, trotzdem ist sie oft angepasst im Beruf – und verfolgt aufmerksam die Trends der Zeit.

Mikk Schunke

Mikk Schunke

Quelle: Jacqueline Schulz

Mikk Schunke (53), Künstlerin, Musikerin, Gesangslehrerin.

Interessen: Musik, Gesang, Technik, Film, Lesen.

Leitmotiv des Milieus: Fun, Action und Entertainment. Umfasst: 15 Prozent der Deutschen (10,43 Millionen).

Neigt eher zu: Die Linke.

Der Lebenslauf von Mikk Schunke liest sich wie das Berliner Telefonbuch: Er nimmt kein Ende. Die gelernte Werkzeugmacherin und Kauffrau für audiovisuelle Medien machte ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Heute arbeitet sie als Künstlerin, Coach, Musikerin, Gesangslehrerin, psychologische Beraterin und Dozentin für Tontechnik, Musikproduktion und Veranstaltungstechnik.

Überall in ihrer Wohnung finden sich Zeugnisse ihrer Arbeit. Drei Gitarren stehen neben Liedlisten, Büchern, Zigarettenschachteln und Skizzen. “Bei Arbeiten wie im Hamsterrad von neun bis fünf kann ich meine Fähigkeiten nicht ausleben“, sagt Schunke auf ihrem grünen Sofa, auf dem etliche Kissen und Decken liegen. Ein Ort zum Wohlfühlen, trotz des Chaos. Vielleicht sogar wegen des Chaos. Hinter ihr halten Kuscheltiere Wache, über ihr ein selbstgebautes Hängestück aus Holz, Metall und jeder Menge Kleinkram. Früher, in der kurzen Zeit, als Schunke noch als Werkzeugmacherin arbeitete, war sie völlig fertig nach der Arbeit. Jetzt, da sie macht, was sie will, ist das anders. “Ich arbeite hart und viel, aber wann ich will und wie ich will.“ Nur ihre Gesangsschüler kommen regelmäßig, aber nie vor dem Nachmittag, manchmal auch nachts.

Und sie arbeitet an dem, was ihr Spaß macht. Mal schneidet sie Musikvideos, mal macht sie eine Performance wider die AfD vor dem Rathaus Spandau, mal gestaltet sie Bilder. Gerade läuft eine Ausstellung von ihr. “Ich versuche mich so wenig Zwängen zu beugen wie möglich“, sagt Schunke, passend zum Kissen rechts von ihr: knallbunt mit dem Aufdruck “Love. Peace. Joy.“ Zusammen mit ihrem WG-Mitbewohner lebe sie den Geist der 68er. Und fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Linke, zumindest ein Teil von ihr, auch. “Und sie ist pazifistisch, das ist für mich einer der wichtigsten Gründe, eine Partei zu wählen“, sagt Schunke.

Sie stört, dass in der Politik so wenig zusammengearbeitet wird. Dass sich Parteien mit denselben Zielen blockieren. Es könnte alles so viel einfacher sein. Mit mehr Liebe, mehr Friede und mehr Spaß bei der Sache. Love. Peace. Joy. Wie auf dem Kissen.

Von Julius Heinrichs

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