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Die WM-Affäre: Was wir wissen - und was nicht?

Frankfurt/Main Die WM-Affäre: Was wir wissen - und was nicht?

Am Freitag stellt die Kanzlei Freshfields ihren Untersuchungsbericht zur WM-Affäre vor.

Frankfurt/Main. Am Freitag stellt die Kanzlei Freshfields ihren Untersuchungsbericht zur WM-Affäre vor. Die Fragen, an wen genau die dubiosen Gelder geflossen sind oder welcher Spitzenfunktionäre wann wovon wusste, halten den deutschen Fußball schon seit mehr als vier Monaten in Atem.

Ein Überblick darüber, was in diesem Skandal bereits bekannt ist - und was nicht:

WAS IST DER KERN DER AFFÄRE?

Die ominösen 6,7 Millionen Euro stehen im Zentrum der gesamten Affäre. Es gibt mittlerweile kaum noch Zweifel daran, dass der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dieses Geld für die deutschen WM-Macher an die Finanzkommission des Weltverbands FIFA überwies - vermutlich 2002. Franz Beckenbauer unterschrieb seinerzeit als Chef des Organisationskomitees (OK) einen Schuldschein. Louis-Dreyfus forderte und bekam sein Geld 2005 über ein FIFA-Konto wieder zurück. Allerdings verschleierte das OK diese Zahlung und deklarierte sie als Beitrag zu einer WM-Gala, die nie stattfand.

WARUM IST DIESE ZAHLUNG SO DUBIOS?

Noch immer ist unklar, warum die Deutschen 6,7 Millionen an die FIFA zahlten. Und vor allem: Was danach mit dem Geld geschah. Die Darstellung von Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach und Co. ist: Das WM-OK brauchte einen Organisationszuschuss von 170 Millionen Euro von der FIFA, um die WM zu finanzieren. Die 6,7 Millionen waren eine Art Absicherung, eine Provision. Aus Gesprächsprotokollen des langjährigen stellvertretenden DFB-Generalsekretärs Stefan Hans ging zuletzt hervor, dass die Deutschen bereits 100 Millionen sicher hatten und 6,7 Millionen zahlen sollten, um weitere 70 zu bekommen.

Selbst wenn das stimmen sollte, bleibt die große Frage: Was haben die FIFA-Finanzkommission und ihr damaliger Chef Mohamed bin Hammam mit den 6,7 Millionen gemacht? Der lebenslang gesperrte Funktionär aus Katar war seinerzeit noch ein Unterstützer des FIFA-Präsidenten Joseph Blatter. Eine These ist folglich, dass das deutsche Geld in den Blatter-Wahlkampf des Jahres 2002 floss. Eine weitere Theorie ist immer noch: Mit dem Geld wurden nachträglich Wahlmänner der FIFA bezahlt, die im Sommer 2000 über die Vergabe der WM abstimmten. Das würde bedeuten: Die Weltmeisterschaft 2006 war gekauft.

WELCHE ROLLE SPIELT DER FRÜHE FIFA-VIZE JACK WARNER?

Am 9. November tauchte im DFB-Archiv ein Vertragsentwurf zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem notorisch korrupten früheren FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner auf - unterschrieben von Franz Beckenbauer. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach trat an jenem Tag zurück. Seine Interimsnachfolger Rainer Koch und Reinhard Rauball werten diesen auf einen Tag kurz vor der WM-Vergabe datierten Vertrag zumindest als Bestechungsversuch. Die Abmachung sollte Warner unter anderem 1000 WM-Tickets der teuersten Kategorie einbringen, die einen Weiterverkaufswert von mehreren hunderttausend Dollar hatten.

WELCHEN ZWECK HATTE DER VERTRAG?

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser Vertrag nie in Kraft getreten. Der Beckenbauer-Vertraute Fedor Radmann bezeichnete das Papier als „eine Art Beruhigungsvertrag“, mit dem der Funktionär aus Trinidad &Tobago davon abgehalten werden sollte, andere Wahlmänner negativ zu beeinflussen. Verschiedene Recherchen lassen aber auch noch andere Schlüsse zu. Sprang der langjährige Chef des Nordamerika-, Mittelamerika- und Karibik-Verbandes ein, weil den Deutschen eine Stimme aus Asien fehlte? Oder musste Warner später mit den 6,7 Millionen ruhiggestellt werden, weil der ursprüngliche Vertrag mit dem DFB nicht in Kraft trat? All das ist nicht geklärt.

WAS IST BEREITS PASSIERT?

Die WM-Affäre kostete bislang zwei ranghohe Funktionäre den Job. Wolfgang Niersbach trat als DFB-Präsident zurück, nachdem er sich mehrfach bei der Frage widersprach, was genau er wann wusste. Sein Krisenmanagement missriet völlig. Ebenfalls gehen musste ein enger Niersbach-Vertrauter: Stefan Hans, der mittlerweile auf Wiedereinstellung beim DFB klagt. Gegen Niersbach und die früheren OK-Mitglieder Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt wird zudem wegen des Verdachts der „Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall“ ermittelt. Sie haben jene Steuererklärung zu verantworten, in der die Rückzahlung der 6,7 Millionen falsch deklariert wurde.

WAS KÖNNTE NOCH PASSIEREN?

Niersbach sitzt immer noch in den Exekutivkomitees der FIFA und der UEFA. Er könnte auch diese Posten verlieren. Da die Schweizer Bundesanwaltschaft und das FBI parallel die großen FIFA-Skandale aufarbeiten, könnten auch sie noch Niersbach oder Beckenbauer verhören wollen. Dazu drohen den Protagonisten der WM-Affäre auch Schadensersatzforderungen durch den DFB. Diese Möglichkeit hat sich der Verband absichern lassen. Sollte der DFB im Zuge der Steuerermittlungen seine Gemeinnützigkeit für 2006 verlieren, könnten sich eine Strafzahlung und Steuernachzahlungen inklusive Zinsen und Zinseszinsen am Ende zu einem Schaden von 25 Millionen Euro addieren.

WAS IST AUCH NOCH WICHTIG?

Ein zentraler Punkt der Freshfields-Ermittlungen ist: Wer wusste wann wovon? In seiner ersten Pressekonferenz zur WM-Affäre erklärte Niersbach unter anderem, dass er diese Geschichte „erst seit kurzem kenne, auch immer noch nicht vollständig“. Die Aussagen anderer Funktionäre widersprechen dem jedoch eindeutig, danach wusste Niersbach deutlich früher Bescheid und hat bis zur Enthüllung des Skandals im Oktober 2015 niemanden im DFB-Präsidium informiert.

Zumindest verdächtig sind auch noch weitere dubiose Deals rund um die WM-Vergabe. Der Libanese Elias Zaccour etwa galt als „gewiefter Stimmenbeschaffer für WM-Aspiranten“ („Der Spiegel“). Vom Kirch-Konzern, der die Übertragungsrechte an der WM besaß, kassierte er ein Berater-Honorar von insgesamt 500 000 Dollar.

Zudem vereinbarte der Beckenbauer-Club Bayern München kurz vor der WM-Vergabe drei Testspiele in Malta, Tunesien und Thailand - allesamt Länder also, aus denen Wahlmänner der FIFA stammten. Brisant sind nicht die Spiele an sich, sondern dass eine Vermarktungsfirma aus dem Kirch-Imperium hohe Summen für die TV-Rechte zahlte. „250 000 Dollar sind vom Himmel in unsere Buchhaltung gefallen“, sagte später der Finanzchef des maltesischen Verbandes der Zeitung „Mail on Sunday“.

dpa

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