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Heftige Kritik an IOC - Verbände unter Zeitdruck

Berlin Heftige Kritik an IOC - Verbände unter Zeitdruck

Anti-Doping-Agenturen, Medien und Doping-Fahnder haben die Entscheidung des IOC, die russische Mannschaft trotz Staatsdopings in Rio starten zu lassen, heftig kritisiert. Fachverbände wollen nun unter Zeitdruck die Zulassung der Russen für Rio überprüfen.

Berlin. Das Internationale Olympische Komitee und sein Präsident Thomas Bach stehen nach der Starterlaubnis für die russische Mannschaft bei den Spielen in Rio de Janeiro schwer unter Druck.

„Ein Kniefall vor der Sportmacht“, titelt der Wiener „Kurier“ angesichts der Doping-Skandale in Russland. Und die spanische Sportzeitung „Marca“ formuliert: „Das IOC hisst die Fahne Russlands. Alle Forderungen nach einer drastischen Position wurden überhört.“

Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zeigte sich schwer enttäuscht von der Entscheidung des IOC. „Der McLaren-Report hat zweifellos ein staatlich organisiertes Doping-Programm in Russland bloß gelegt, das ernsthaft die Prinzipien eines sauberen Sports im Rahmen der internationalen Anti-Doping-Regeln untergräbt“, erklärte Präsident Craig Reedie, nach dem er dem IOC den Ausschluss Russlands wegen der Verwicklung staatlicher Stellen in den Sportbetrug nahegelegt hatte. Sei Vorgänger Dick Pound sprach davon, das IOC habe eine Riesen-Chance vergeudet, ein klares Statement abzugeben.

Indes hat Basketball-Superstar Dirk Nowitzki die Start-Möglichkeit für saubere Athleten begrüßt. „Du kannst einem russischen Athleten, der immer alles sauber gemacht hat, der seit vier Jahren oder sein ganzes Leben auf diesen Moment hinarbeitet, nicht einfach seinen Traum zerstören“, sagte Nowitzki am Rande eines Auftritts in Zeulenroda.

Unterdessen konnte Matthias Kamber, der oberste Schweizer Doping-Fahnder, seine Enttäuschung nicht verhehlen. „Der Entscheid des IOC ist ein großer Rückschritt für saubere Athletinnen und Athleten wie auch für Whistleblower“, sagte er Nachrichtenagentur sda. Diese müssten sich nun betrogen vorkommen.

„Mit der Entscheidung wäscht das IOC seine Hände in einer Sache in Unschuld, bei der es um viel mehr als um Sport geht“, kritisierte die rechtsliberale spanische Zeitung „El Mundo“. „Die olympische Bewegung ist dazu verpflichtet, jeden noch so kleinen Verdacht an der Wurzel zu bekämpfen.“ Und noch heftiger wird die italienische „Tuttosport“: „Es gewinnt Putin. Was für ein Rückschritt!“ Die „Gazzetta dello Sport“ konstatiert indes eher sachlich: „Staatsdoping: Das IOC gibt das Problem an die Verbände weiter.“

Das IOC hatte nach dem Ausschluss russischer Leichtathleten strikte Auflagen für eine Teilnahme von Sportlern anderer Disziplinen beschlossen. Bei einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur, erklärten mehrere Vertreter aus Fachverbänden, dass sie nun unter enormem Zeitdruck stünden. „Die Situation ist misslich. Wir müssen innerhalb kürzester Zeit darüber befinden, ob die drei für Rio qualifizierten russischen Tischtennis-Spieler sauber sind. Das ist auch für die Sportler eine schwierige Situation. Sie sitzen auf heißen Kohlen“, sagte der deutsche Präsident des Weltverbandes ITTF, Thomas Weikert.

Gelassener reagierten andere Verbände. Alle sieben russischen Nominierten seien „Teil eines rigorosen Anti-Doping-Programms außerhalb ihres Landes“, teilte der Tennis-Weltverband ITF mit und will allen Athleten in Rio den Start ermöglichen. Superstar Maria Scharapowa war zuvor wegen Meldonium-Missbrauchs gesperrt worden und ist in Rio nicht dabei. Der Turn-Weltverband wird entsprechend der IOC-Auflagen die russischen Athleten überprüfen und kündigte eine Entscheidung in den nächsten Tagen an.

Einen anderen Aspekt hob der deutsche Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop hervor. Er hält die IOC-Entscheidung, ehemalige russische Doping-Sünder generell nicht bei den Rio-Spielen starten zu lassen, für rechtswidrig. „Frühere Doper aus Russland nicht an den Sommerspielen teilnehmen zu lassen, ist eine Verletzung der Rechtssprechung des CAS und des Gleichheitsprinzips“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur unter Bezug auf das sogenannte Osaka-Urteil.

Der Internationale Sport-Gerichtshof CAS hatte vor fünf Jahren die 2008 vom IOC eingeführte Osaka-Regel, der zufolge Athleten nach einer mehr als sechsmonatigen Doping-Sperre nicht an den darauffolgenden Olympischen Spielen teilnehmen dürfen, für ungültig erklärt. „Im Falle der russischen Doping-Sünder wäre es eine zusätzliche und nachträgliche Bestrafung“, erklärte Prokop. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hatte anderen Verbänden bereits seine Mithilfe beim Auswahlverfahren für russische Athleten angeboten.

dpa

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