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Kronzeugin Julia Stepanowa erhält EM-Startrecht

Berlin Kronzeugin Julia Stepanowa erhält EM-Startrecht

Julia Stepanowa darf bei der Leichtathletik-EM in Amsterdam laufen - unter neutraler Flagge. Der Weltverband IAAF erteilte die Starterlaubnis für die Russin, die den Doping-Skandal in ihrem Land aufdeckte. Nun ist das IOC am Zug: Darf sie auch in Rio starten?

Berlin. Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa wird für ihren großen Mut belohnt und darf bei der Leichtathletik-EM in Amsterdam an den Start gehen.

„Es ist ein wichtiges Zeichen des internationalen Sports, dass sie für ihr Risiko, Missstände in ihrem Sportsystem aufgedeckt zu haben, nicht abgestraft, sondern honoriert wird“, begrüßte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, die Entscheidung des Weltverbandes IAAF. Dieser hatte Stepanowa am 1. Juli die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen als neutrale Athletin genehmigt.

In Moskau erregte ihre Starterlaubnis erwartungsgemäß Kritik. „Das ist keine gerechte Entscheidung, weil Julia Stepanowa selbst verbotene Präparate verwendet hat“, sagte der Vorsitzende des Sportausschusses der Staatsduma, Dmitri Swischtschjow, der Agentur Interfax. Das Gesetz solle für alle gleich sein, forderte er.

Dagegen hat DOSB-Präsident Alfons Hörmann die EM-Teilnahme von Stepanowa als „Signal in die richtige Richtung“ gewertet. „Whistleblower müssen gestärkt werden, denn sie werden zur Glaubwürdigkeit und Optimierung des Anti-Doping-Kampfes dringend gebraucht“, sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Plakativer twitterte Diskus-Olympiasieger Robert Harting seine Freude über die IAAF-Entscheidung zu Stepanowa. Für ihn ist es ein Schlag in das Gesicht des betrügerischen russischen Verbandes („In your Russian-Federation-Cheater-Face!“). Außerdem hofft er: „Und Issinbajewa bleibt hoffentlich zu Hause :))).“

Die Nationale Anti-Doping-Agentur begrüßt die IAAF-Entscheidung und hofft, das Julia Stepanowa ein Vorbild für andere Athleten sein kann, über Doping-Betrug zu berichten. „Whistleblower sind essenziell für die Anti-Doping-Arbeit“, sagte die NADA-Vorsitzende Andrea Gotzmann.

Nach dem IAAF-Beschluss ist nun das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Zugzwang. Es muss klären, ob ein Start der russischen 800-Meter-Läuferin bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro mit der Olympischen Charta vereinbar ist. „Die IAAF hat vorgemacht, wie man kurzfristig Regeln einführen kann, die es ermöglichen“, sagte Prokop.

Nach den IOC-Regeln darf nur ein Nationales Olympisches Komitee Athleten für die Spiele nominieren. Russlands Leichtathletik-Verband WFLA ist nach den Enthüllungen von Stepanowa über ein flächendeckendes Doping in dieser Sportart in ihrem Land auch für die Rio-Spiele suspendiert worden - das NOK des Sportreichs nicht.

Das IOC kündigte in einer Reaktion auf die Erteilung des EM-Startrechts für die Whistleblowerin an, ihren möglichen Start in Rio „sorgfältig prüfen“. Alle Daten zum Fall seien bereits bei der IAAF angefordert. „Das kann man nicht mit einem Federstrich erledigen, weil wesentliche Regeln der Olympischen Charta infrage stehen“, hatte IOC-Präsident Thomas Bach die bisherige Zurückhaltung der Ringe-Organisation begründet.

Abwarten will das IOC auch, wie die IAAF über die bis Freitag eingetroffenen weiteren mehr als 80 Ausnahmeanträge von russischen Leichtathleten - darunter Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa - entscheiden wird. Voraussetzung ist, dass sie die IAAF-Regel 22.1A (b) erfüllen: Sie müssen eine angemessene Zeit außerhalb des Landes gelebt haben und sich einem unabhängigen Anti-Doping-System unterworfen haben. Nur wenige Athleten werden die Bedingungen erfüllen können. Eine Ablehnung würde aber auch den Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) ermöglichen.

Der Antrag von Julia Stepanowa wurde für ihren „wahrhaft außergewöhnlichen Beitrag zum Schutz und zur Förderung sauberer Athleten“ angenommen, hieß es in der IAAF-Mitteilung. Die 29-jährige Mittelstreckenläuferin wird bei der EM unter der Flagge des europäischen Verbandes EAA starten und im Olympiastadion von Amsterdam schon am Eröffnungstag im Blickpunkt stehen.

Um 18.25 Uhr beginnen am nächsten Mittwoch die 800-Meter-Vorläufe der Frauen. Dabei feiert sie drei Tage nach ihrem 30. Geburtstag ihr Comeback. Was sportlich von Stepanowa nach so langer Pause zu erwarten sein wird, ist offen.

Nach ihrer Flucht aus Russland, wo sie seit ihren Enthüllungen in der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht“ am 3. Dezember 2014 als Verräterin gilt, machte sie mit ihrer Familie kurz Zwischenstation in Deutschland, inzwischen lebt sie in den USA. Sie nutzte im Februar 2015 die Gelegenheit für einen Start bei den norddeutschen Hallen-Meisterschaften in Berlin, blieb dabei über 1500 Meter aber 20 Sekunden über ihrer Bestzeit.

Allerdings musste die couragierte Läuferin zuvor selbst eine zweijährige Doping-Sperre absitzen. Im März 2011 war sie wegen Auffälligkeiten in ihrem biologischen Pass und später eingestandenem Blutdoping gesperrt worden. Ihre Bestzeit über 800 Meter von 1:58,99 Minuten liegt sieben Jahre zurück, der dritte Platz bei der Hallen-EM 2011 ist wegen Dopings annulliert worden.

dpa

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