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Odyssee zu Olympia

Syrische Schwimmerin Odyssee zu Olympia

Auf ihrer Flucht aus Syrien wäre Schwimmerin Yusra Mardini beinahe ertrunken. Jetzt startet die 18-Jährige bei den Spielen in Rio - im Flüchtlingsteam.

Yusra Mardini bei einer Pressekonferenz.

Quelle: Ker Robertson/Getty Images

Rio de Janeiro. Ohne ihren Sport, da ist sich Yusra Mardini sicher, wäre sie tot. „Ich musste um mein Leben schwimmen. Ohne das Schwimmen würde ich nicht mehr leben“, sagt sie. Mardini kommt aus Syrien. Im vergangenen Spätsommer floh sie mit ihrer älteren Schwester Sara über Beirut, Istanbul, Izmir und die Ägäis. Mit 18 anderen Flüchtlingen trieben sie in einem Schlauchboot durch das Mittelmeer, in einem Schlauchboot, das nicht einmal für halb so viele Insassen zugelassen war. Der Motor fiel aus, Wasser schwappte an Bord, das Boot drohte zu sinken. Doch Mardini hatte ja ihren Sport. Sie konnte ja schwimmen.

Mit ihrer Schwester und zwei jungen Männern nahm sie das Boot ins Schlepptau und zog es an Land, bis nach Lesbos. So erzählt Mardini ihre Geschichte, und so wird sie in diesen Tagen erzählt von den Medien der Welt. Denn die 18 Jahre junge Schwimmerin geht bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro an den Start, sie tritt über 100 Meter Schmetterling und 100 Meter Freistil an.

Zum ersten Mal ist bei diesen Spielen ein Team aus Flüchtlingen dabei. Es besteht aus zehn Sportlern aus aller Welt, die nicht für ihr Heimatland starten können. Sie kommen aus Südsudan, Äthiopien, dem Kongo oder eben aus Syrien wie Yusra Mardini, die so etwas wie das Gesicht des Teams ist wegen ihrer außergewöhnlichen Geschichte. Als die Mannschaft neulich in Rio vor der Weltpresse saß, waren die meisten Fragen an sie gerichtet.

Aus ingesamt 43 Kandidaten hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) das Team ausgewählt. IOC-Präsident Thomas Bach stellte das Projekt im vergangenen Herbst persönlich vor, garniert mit der Botschaft, die vom Start dieser Mannschaft bei den Spielen ausgehen soll: „Das Team ist ein Signal an die internationale Gemeinschaft, dass Flüchtlinge ein Teil unserer Gesellschaft sind“, sagte Bach.

Die Athleten starten unter der weißen Fahne mit den fünf olympischen Ringen. Yusra Mardini, deren Flucht in Berlin endete und die seit dem Herbst bei den Wasserfreunden Spandau trainiert, hat dazu in Rio einen Satz gesagt, der Bach gefallen dürfte. „Wir sprechen unterschiedliche Sprachen, aber wir sind unter der olympischen Flagge vereint“, sagte die Athletin.

Das klingt ein bisschen aufgesetzt, ein bisschen wie aus einem Werbefilm für die olympische Idee. Und tatsächlich wird man den Eindruck nicht los, dass es sich bei dem Flüchtlingsteam um eine PR-Maßnahme des IOC handelt. Um eine Maßnahme, mit der die Herrscher der Spiele schöne Geschichten produzieren und ihren Ruf aufbessern wollen in Zeiten, in denen die Agenda beherrscht wird von Themen wie Doping, Korruption und Sicherheit bei den Spielen in Rio.

Die Aussagen der Sportler passen dazu. Sie klingen teilweise wie auswendig gelernt. „Viele Menschen setzen große Hoffnung in uns. Wir wollen sie nicht enttäuschen“, sagt Mardini. Viele Menschen, damit meint sie die Flüchtlinge der Welt. Die Athleten des olympischen Flüchtlingsteams sehen sich als Repräsentanten der mehr als 60 Millionen Menschen rund um den Erdball, die vor Krieg, Hunger, Armut und Verfolgung fliehen.

Für die zehn Sportler ist die Teilnahme an den Spielen eine große Sache, die Erfüllung eines Lebenstraums. Man erkennt das an den kleinen Geschichten, die sie erzählen. Der syrische Schwimmer Ramis Anis zum Beispiel begegnete vor sieben Jahren seinem Idol Michael Phelps, er wollte ein Foto mit Phelps machen, doch das gelang nicht. Anis muss lachen, als er in Rio darauf angesprochen wurde. „Ich hoffe, diesmal klappt es mit einem Foto“, sagt er. Sportlich werden die Athleten des Flüchtlingsteams kaum Chancen haben, alle ihre Bestleistungen liegen über der Olympia-Norm. Aber um Sport geht es bei ihrer Teilnahme ja auch nur am Rande.

Bei der Eröffnungsfeier im Maracanã-Stadion sollten die Flüchtlinge als zweitletztes Team einlaufen, nach ihnen nur noch Gastgeber Brasilien. Ein besonderer Moment, für die Athleten und wohl auch für die Geschichte der Olympischen Spiele. Doch die Sportler des Flüchtlingsteams hoffen, dass ihre Mannschaft bald nicht mehr nötig sein wird, dass sie bald nicht mehr unter der olympischen Flagge, sondern unter den Flaggen ihrer Heimatländer starten.

Mardini wünscht sich so sehr eine Medaille: „Wir müssen eine Medaille gewinnen. Wir müssen“, sagte die 18 Jahre alte Schwimmerin und dankte dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) für dessen Unterstützung der Mannschaft: „Syrien und Deutschland sind meine Zuhause. Jetzt ist auch das IOC mein Zuhause“, erklärte Mardini.

Das IOC hatte für zehn Athleten aus verschiedenen Ländern eine Mannschaft gegründet. Mardini war bei ihrem ersten Wettkampf über die 100 Meter Schmetterling im Vorlauf ausgeschieden. Am Mittwoch tritt sie über 100 Meter Freistil an.

Von Hendrik Buchheister

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