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Die unterschätzte Gefahr

Lübeck Die unterschätzte Gefahr

Nach Boxern und Footballern sind Spätfolgen von Gehirnerschütterungen auch bei Eishockey-Spielern ein Thema geworden — Ärzte raten zu längeren Pausen.

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Beim Eishockey geht‘s oft rustikal zur Sache: Ex-Nationalspieler Stefan Ustorf erlitt in seiner Karriere mehr als 20 Kopfverletzungen, unter deren Spätfolgen der 42-Jährige stark leidet.

Quelle: AP

Lübeck. Der Einschlag kam aus dem Nichts. „Ich hatte den Gegenspieler nicht gesehen. Und als er mich erwischte, war ich sofort weg“, schildert Kenneth Schnabel den hartem Check von Jan Hemmes. Vor zwei Wochen war der Timmendorfer in der Eishockey-Oberliga nach dem „Brett“ in die Bande gekracht, intuitiv hatte er sich noch die Hände vor den Kopf gehalten. Mit Verdacht auf eine Wirbelverletzung kam der 23-Jährige in die Klinik. Zum Glück war es „nur“ ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma.

Während viele Sportler nach einer Gehirnerschütterung schnell wieder spielen, war für Mannschaftsarzt Dr. med Georg H. Ludwig (Ostsee-Klinik Bad Schwartau) schnell klar: „When in doubt... Take them out.“ Im Zweifel nimmt man den Spieler lieber ‘raus. „Denn“, so ergänzt Professor Andreas Böhle, „der nächste Hit, die nächste Hirnverletzung, ist viel gefährlicher. In den USA gibt es bei den Top-Vereinen extra Concussion-Ärzte, die sich nur darum kümmern.“

Denn die Spätfolgen können gravierend sein. Der frühere Eishockey-Profi Stefan Ustorf hat jeden Tag damit zu kämpfen: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und extreme Temperamentsschwankungen. Der 42-Jährige musste seine Laufbahn 2013 wegen zwei kurz aufeinanderfolgenden Gehirnerschütterungen beenden. Seine Ärzte schätzen, dass er in seiner Karriere 20 bis 25 Kopfverletzungen erlitten hat.

„Diagnostiziert wurden sechs oder sieben davon“, sagte der heutige Sportdirektor des DEL Rekordmeisters Eisbären Berlin.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei Ustorf die Gehirnerkrankung CTE entwickelt, schätzen seine Ärzte als „sehr, sehr groß“ ein, sagte Ustorf. Chronisch-traumatische Enzephalopathie entsteht durch wiederholte Stöße gegen den Kopf. Besonders verbreitet ist die Krankheit unter ehemaligen Spielern der amerikanischen Football-Profiliga NFL.

„Erschütternde Wahrheit“ (Originaltitel: Concussion) ist der Titel eines aktuellen auf Tatsachen beruhenden Kinodramas, in dem es um die Folgen von Gehirnerschütterungen bei ehemaligen Football-Spielern geht. Bei Untersuchungen von Gehirnen verstorbener Stars wurden Degenerationen wie bei dementen Boxern oder bei 80-jährigen Alzheimer-Patienten festgestellt. Im Jahr 2013 zahlte die NFL insgesamt 765 Millionen Dollar an mehr als 4500 ehemalige Spieler. Diese hatten die Liga verklagt, weil sie die Verbindung zwischen Football und Hirnschäden lange verschwiegen habe.

Bei den Footballern der Lübeck Cougars ist man bei diesem Thema längst sensibilisiert. Zuletzt wurden bei Kyle Lator (2013) und Ryan Bass (2012) Gehirnerschütterungen diagnostiziert. Bass musste seine Laufbahn nach dem fünften Spieltag in der GFL beenden und in die USA zurückkehren — er hatte sich bereits zu Highschool und College-Zeiten mehrere Gehirnerschütterungen zugezogen. Danach zog sein Doc die Notbremse.

An solche Konsequenzen war in den 1980er Jahren nicht zu denken. Bei Lübecks erstem Football-Verein, den Outlaws, gab es sogar einen Todesfall. „Ein Spieler ist beim Tackle-Training, bei dem zwei Jungs mit den Köpfen zusammenstießen, ins Koma gefallen“, berichtet Volker Geist, der damals dabei war: „Zwei Tage später haben wir dann gehört, dass die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt worden waren. Bei der Obduktion hatte sich dann herausgestellt, dass der Spieler durchs Boxen Vorschädigungen im Gehirn hatte.“ An Spätfolgen habe man damals bei den Outlaws nicht gedacht. „Wir waren schon ziemlich crazy. Als wir neue Helme bekommen hatten, sind einige gegen Bäume gelaufen, um sie zu testen“, erinnert sich Geist.

Dr. Ludwig kann bei solchen Geschichten nur den Kopf schütteln, bei leichten Gehirnerschütterungen verordnet er drei bis vier Wochen Pause. Schnabel fühlt sich nach dem Check inzwischen „körperlich wieder okay“ und will seinem personell zurzeit arg dezimierten Team natürlich so schnell als möglich helfen, am liebsten schon heute gegen die Hamburg Crocodiles. Doch auch er unterschätzt die Gefahr von Spätfolgen nicht. Erst wenn er nach einer erneuten Untersuchung in den nächsten Tagen das endgültige Go bekommt, geht er wieder aufs Eis.

Hintergrund

Laut des Kuratoriums ZNS erleiden in Deutschland jährlich etwa 300000 Menschen Hirnverletzungen bei Auto- oder Arbeitsunfällen, im Haushalt oder beim Sport. 10 Prozent aller Athleten im Kontaktsportbereich ziehen sich während ihrer Karriere eine Gehirnerschütterung zu. 19 Prozent

davon werden weder diagnostiziert noch therapiert.

Hirnverletzungen können zu einer chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE) führen. In den USA wurden 128 Gehirne von verstorbenen ehemaligen Footballspielern untersucht. 101 von ihnen hatten CTE, die der Parkinson-Krankheit ähnelt. Hoch sind Risiken in Kollisionssportarten wie Boxen, American Football, Wrestling, Rugby und Eishockey.

Christoph Staffen

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