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Neue Sorgen um olympische Kloake

Kiel Neue Sorgen um olympische Kloake

Immer noch Dreck im Segelrevier, kein Benzin für Müllboote – deutsches Team schützt sich mit Frischwasser und Cola – Perspektivwechsel: Bundestrainer wirbt fürs Profi-Segeln.

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Bei den 49erFX führt nach dem ersten Tag vor Kiel das deutsche Rio-Team Victoria Jurczok/Anika Lorenz (GER 55).

Quelle: segel-bilder.de

Kiel. Die Arme fliegen wie ein Windspiel durch die Luft. Wenn David Howlett über das Segeln erzählt, vergisst er schnell Zeit und Raum. Es ist seine Passion, seine Mission. Im Finn ist er 1976 gegen Schümann & Co. gesegelt, war Olympia-Siebter. Doch seit er sich 1988 aufs coachen verlegte, aus guten Seglern wie Iain Percy und Ben Ainslie Stars machte, auch mit olympischen Meriten, ist der Brite nicht nur auf der Insel eine Legende. Jetzt ist er 65 und hat seit 18 Monaten eine neue Herausforderung: Er soll Deutschlands Asse auf Erfolgskurs bringen. Für Rio, die Spiele unterm Zuckerhut, ist der Verband beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in einer Zielvereinbarung mit 1,5 Medaillen gelistet. Es geht um Fördergelder, die finanzielle Absicherung bis zu den nächsten Spielen 2020. „Für unsere Stellung im Vergleich mit den anderen Sportarten sind ein bis zwei Medaillen enorm wichtig“, erklärte Verbandschef Andreas Lochbrunner beim Seglerfrühstück der schleswig-holsteinischen Sportjournalisten in Kiel.

LN-Bild

Immer noch Dreck im Segelrevier, kein Benzin für Müllboote – deutsches Team schützt sich mit Frischwasser und Cola – Perspektivwechsel: Bundestrainer wirbt fürs Profi-Segeln.

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Howlett sieht sein bis jetzt 14-köpfiges Team dafür gut gerüstet. „Der Erfolg ist nicht weit weg.“ Die Kieler Woche ist für ihn die Generalprobe. In der kommenden Woche geht es nach Rio – für mehr als zwei Wochen zum Training. Ein vorolympischer Schnupper-Kurs. Naserümpfen inklusive. Denn die Bilderbuchbucht von Guanabara ist noch immer eine stinkende Kloake. Howlett hat sich vor kurzem selbst überzeugt. „Es ist weiterhin schlimm.“ Teppiche voller Dreck wabern über dem keimigen Nass, voll mit Stühlen, Müllbeuteln, Ästen, Kisten und toten Tieren. „Unsere Jungs haben eine Strömungsanalyse gemacht, dabei den Dreck mehrere Tage an der gleichen Stelle entdeckt, er fließt nicht ab“, berichtet Howlett.

Die Olympia-Organisatoren versuchen, mit Barrieren, Netzen und 13 Booten den Müll aufzusammeln. „Nur die Boote lagen im Hafen. Die Bootsleute haben Musik gehört. Es gab kein Benzin.“ Ob die 13 Boote reichen, sei ohnehin fraglich. „2008 hatten die Chinesen 1200, um das Seegras aufzusammeln.“ Weitaus schlimmer werde es, wenn es regnet. Dann wird der ganze Dreck aus den Favelas, die Abwässer aus einem Krankenhaus und Nebenflüssen in die Bucht gespült. Paralympics-Sieger Heiko Kröger hatte bei einem Training Ende Februar eine Kamera mitlaufen lassen, erschütternde Bilder mitgebracht: „Hier segelt die Angst mit. Es ist alles voller Bakterien und Keime.“

Howlett hat seine Segler instruiert: „Sind alle vom Wasser runter, müssen sie sofort Hände waschen, desinfizieren, alles mit Frischwasser abspülen und Coca Cola trinken. Keine Ahnung, was da drin ist, aber es beugt Durchfall vor.“ Auf dem Coachboot wird er zudem ein Fass mit Frischwasser und Handdusche installieren, „falls einer ein Bad nimmt“. 49er Segler Erik Heil half es bei der olympischen Testregatta nicht. Er kehrte mit Entzündungen zurück.

Noch ein Problem: Howlett befürchtet, dass die Regatten zum Glücksspiel werden. „Wenn sich ein Müllbeutel im Ruder verfängt, steht man.“ Trotz allem ist der Brite für seine Medaillen-Mission optimistisch: „Die Probleme haben alle. Wichtig ist, positiv zu bleiben, Spaß zu haben, ein harmonisches Umfeld zu schaffen. Druck haben alle genug.“

Er hofft zudem, dass mit olympischen Erfolgen ein Umdenken erfolgt: „Was Deutschland im Vergleich zu Segel-Nationen wie Großbritannien, den USA, Neuseeland oder Australien fehlt, ist das Profi-Segeln.“ Die Briten hätten nach 2000 zwar vom Sport-Projekt, der Förderung aus Lottogeldern, profitiert („Da hatten wir statt 250000 Pfund plötzlich drei Millionen Pfund, nur fürs Segeln.

Vor 2012 waren es sogar neun Millionen“). Doch in Deutschland sieht er ähnlich gute Bedingungen – durch viele Förderprojekte (wie Nixdorff-Verein, Sporthilfe), den Bund („Ich habe acht Sportsoldaten im Team“) und auch die reichen Segelklubs. Howlett: „Was fehlt ist die Perspektive nach Olympia. Bei uns Briten gibt es seit 1988 Profi-Segler, in Deutschland ist das als Karriere nicht anerkannt.

Das ist schade, denn Talente gibt es genug, auch die Nachfrage ist da.“ Philipp Buhl oder Erik Heil, zwei seiner Medaillenhoffnungen, hätten schon jetzt das Zeug zum Profi. Einen seiner Trainer habe er deshalb geraten, sich auch in Profi-Projekten zu engagieren. „Er soll seinen Horizont erweitern, Segeln heißt: Jeden Tag lernen.“

Olympischer Kiel-Auftakt

Die deutschen Rio-Starter segeln zum Auftakt der olympischen Kieler Woche auf der Erfolgswelle. In Front: Paralympics-Sieger Heiko Kröger (2.4mR), Lasse Klötzing/Jens Kroker/Siegmund Mainka im paralympischen Sonar sowie Victoria Jurczok/Anika Lorenz im 49erFX, Ferdinand Gerz/Oliver Szymanski im 470er und Paul Kohlhoff/Carolina Werner im Nacra17.

Bei den 49ern ist der Schönwalder Justus Schmidt mit Vorschoter Max Boehme (Kiel) als Dritter bester Deutscher. Die Olympia-Starter Erik Heil/Thomas Plößel (Kiel) sind nach einem Frühstart 24. Im Laser ließ Philipp Buhl (Kiel) einem Sieg einen vierten Platz folgen und ist damit Zweiter.

Jens Kürbis

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