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LN Ein Handball-Leben mit Pfiff
Ein Handball-Leben mit Pfiff
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16:54 10.12.2018
„Schnelle Mitte? Diese Regel gefällt mir nicht.“ Horst-Günter Schneider im Gespräch mit LN-Redakteur Jens Kürbis. . Quelle: Agentur 54°
Lübeck

Es ist der Tag vor dem Endspiel, als es an der Hotel-Tür von Horst-Günter Schneider klopft. „Horst auf, du hast das Finale bekommen!“ Schneider schnappt sich einen Schuh, schmeißt ihn an die Tür, schickt ein „Hau ab!“ hinterher. „Ich wollte schlafen, außerdem blühte in den Tagen der Flachs.“ Doch es war kein Scherz. Der Schiedsrichter aus Lübeck, er war der Auserwählte, der das Endspiel der Handball-WM pfeifen sollte.

Das ist jetzt 54 Jahre her. Doch es wird am Sonntag (9. Dezember) wieder Thema sein, wenn Schneider in Travemünde im Cafe „Über den Wolken“ mit Ex- und Noch-Handballern, Freunden und Bekannten seinen 90. Geburtstag feiert. „Zwei Tage zu früh, aber bekommen sie mal alle kurz vor Weihnachten unter einen Hut“, erzählt er schmunzelnd und zeigt auf die Einladung. Die Herren werden gebeten, in „Krawatte (Leibwäsche beliebig)“ zu erscheinen, die Damen „strahlend“. Alte Schule eines Justizamtsrat a.D., und „gelernten Maurers, acht Jahre, ordnungsgemäß, nich’ wahr“, stellt er klar.

Als Handball noch mit Abseitslinien gespielt wurde

Claudiusring in Lübeck. Auf dem Tisch liegen Fotos und Zeitungsartikel. „Die Russen tanzten nach Schneiders Pfeife“, ist auf einem zu lesen. Schneider rückt seine Brille zurecht. Es ist der Start in eine, in seine Zeitreise. Der gebürtige Ostpreuße, der 1946 nach Lübeck kam, erzählt, wie er beim VfB Lübeck kickte. „Doch dann gingen meine Flüchtlingsschuhe kaputt.“ Er versuchte es mit Handball beim LBV Phönix. „Später kam das Pfeifen dazu, gegen meinen Willen.“

Ein Handball-Leben – ausgebreitet auf einem Tisch. Horst-Günter Schneider hat Erinnerungen aufbewahrt. Quelle: Agentur 54°°

Heute undenkbar: Schneider pfiff und spielte in der höchsten Klasse. Es war die Zeit, als Handball neben der Halle noch im Freien gespielt wurde, „mit Abseitslinien, im Fußballstadion auf Fußballtore, 7,32 Meter mal 2,44 Meter“. Und: „Wir haben da auch oft den Kreis vom Schnee freigekratzt, hatten eine Bombenkondition. Wenn ich heute höre, wie schnell die Kameraden erkältet sind . . .“

25 Jahre war Schneider aktiv, bis auf Landesauswahlebene, ab 1955 auch als Spieler-Trainer, unter anderem beim PSV Eutin. Er war Multifunktionär, wurde mit Ehrennadeln überhäuft, 1992 auch mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande. Doch wenn er von seinen 55 (!) Schiri-Jahren erzählt, leuchten seine Augen.

Horst-Günter Schneider in Aktion. Quelle: LN-Archiv

Schneider unter Polizeischutz vom Feld geführt

Da ist 1961, sein erstes Endspiel um die deutsche Feldhandball-Meisterschaft, vor 33 000 (!) Zuschauern in Oberhausen. „Was meinen Sie, wie ich da gelaufen bin.“ Da sind zwei Spiele, wo er unter Polizeischutz vom Feld geführt werden musste. „In Gummersbach war das die Hölle.“ Er hatte Legende Hansi Schmidt nach einer Beleidigung des Feldes verwiesen. Ein Pfiff mit Pfiff. Da ist sein erstes Hallen-Länderspiel 1961 in Aarhus. „Da gab es noch einen Schiri, zwei Tor-, zwei Linienrichter, einen Sekretär und einen Zeitnehmer.“ Und dann ist die Hallen-WM 1964 in der Tschechoslowakei, „meine erste, mit gerade mal fünf Länderspielen“. Fünf Partien durfte er leiten, als Krönung, das Finale zwischen Schweden und Rumänien (22:25) – vor 18 000 Zuschauern in Prag. Eine Erfolgsgeschichte. „Auch Schneider hätte Gold verdient, er war der beste Schiedsrichter der Meisterschaft“, hieß es in einer Erklärung. Sein Credo: „Ein Schiri gestaltet sich? Absoluter Quatsch. Der beste Schiri ist der unauffälligste.“

Rücken – nach 3500 Spielen war Schluss

1967 und 1970 folgten die nächsten Weltmeisterschaften mit dem Spiel um Platz drei als Höhepunkt. Schneider leistete auch da Pionierarbeit. 1967, die Partie Ungarn gegen Rumänien. „Ein Rumäne hatte da kurz vor Schluss den Ball unter die Zuschauerreihen geworfen. Zur Überraschung aller, habe ich die Zeit nachholen lassen.“ Schneider gilt seitdem als Erfinder des Timeout. 1970 wurde erstmals mit zwei Hauptschiris gepfiffen. Schneider hatte die Neuerung zuvor mit seinem Partner Hans Rosmanith vorgestellt. Nur Olympia 1972, die Spiele in München, blieben ihm verwehrt. Der Rücken spielte nicht mehr mit. Nach 900 Spielen, „oberste Klasse“, gut 3500 insgesamt, legte er seine geliebte Pfeife beiseite.

„Schnelle Mitte. Will der Fan diese Rennerei sehen?

Doch dem Handball blieb er erhalten, unter anderem als Regelreferent, als Lehrwart. „Ich habe bei Ihnen Schiedsrichterprüfung gemacht“. Den Satz hört noch heute oft, wenn er die Spiele des VfL Lübeck-Schwartau besucht. Und das, obwohl der Handball nicht mehr sein Handball ist. „Schnelle Mitte, diese Rennerei. Will das der Zuschauer sehen?“ Und dann die Zeitspielregel, die mit den sechs Pässen. „Was soll das?“ Und dann springt Schneider auf, hüpft vor und zurück. Das akkurat gescheitelte Haar fliegt, fast springen die Knöpfe am weißen Hemd auf. Er ist beim Stürmerfoul, seinem Lieblingsthema, und den „schwammig formulierten Regeln für Klammern, Halten und Trikotziehen“. Das regt ihn noch heute auf.

Keine Frage: Handball ist und bleibt sein Leben, hält ihn jung – auch mit 90 Jahren.

Jens Kürbis

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