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Sport im Norden „Das Wort Doping ist positiv besetzt“
Sportbuzzer Sport im Norden „Das Wort Doping ist positiv besetzt“
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22:16 31.08.2013
Findet die Anti-Doping-Maßnahmen in Deutschland bisher mangelhaft: Prof. Dr. Wolfgang Jelkmann. Quelle: Foto: Lutz Roeßler

Epo, Testosteron, Anabolika. Auch in der Bundesrepublik wurde systematisch gedopt, geduldet und teilweise gefördert von staatlichen Stellen. Das belegt die Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ der Humboldt-Universität Berlin, die, vor knapp einem Monat landesweit für Aufruhr gesorgt hat. Der Sportausschuss des Bundestages beschäftigt sich morgen mit der von der Regierung mit 550 000 Euro finanzierten Studie.

Bündnis 90/Die Grünen haben per „kleiner Anfrage“ sogar 28 Fragen formuliert, unter anderem die nach Kadersportlern, zur Rolle des mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Freiburger Sportmediziners Dr. Joseph Keul — der sogar Anabolika an Minderjährigen getestet haben soll — warum der dritte Teil der Studie (1990 bis 2007) nicht weitergeführt wurde und, ob wichtige Akten von staatlichen Stellen vernichtet worden sind.

Prof. Wolfgang Jelkmann ist auf dem Gebiet der Epo-Forschung eine internationale Kapazität. Der Direktor des Instituts für Physiologie der Lübecker Universität findet es erfreulich, dass der Bericht solch eine große Resonanz gefunden hat, „auch wenn mehr als 80 Prozent des Inhalts bekannt war. Denn so wird Druck auf die Politik ausgeübt, denn die Anti-Doping-Maßnahmen in Deutschland sind bisher mangelhaft. Doping-Sünder werden strafrechtlich nicht verfolgt, Betreuer, Funktionäre und Ärzte bleiben straflos. Das muss sich ändern.“

Jelkmann sieht die Rolle des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) dabei sehr kritisch: „Der Wissenschaftsrat hat schon in seinem Gutachten vom 18. Juli 2006 dazu kritisch vermerkt, dass dies ein enger Club sei, verkrustet, der sich selbst Fördermittel zuschiebe, mangelhafte Transparenz des Förderverfahrens aufweise, Forschungsaufträge ohne Ausschreibung vergebe und ausländische Gutachter nicht einbeziehe.“ Jelkmann listet zudem weitere, vom BISp finanzierte, fragwürdige Forschungen auf. So wurde von Keul eine Androgen-Studie zur Leistungssteigerung an 14 Skilangläufern durchgeführt, unter anderem B-Kadern. „Schlafmittel wurden auch an Sportlern getestet. Eine Studie an 30 Spitzensportlern, vor allem Tennisspielern der Davis-Cup-Mannschaft, Skiläufern der Winterspiele von 1988 und Leichtathleten ergab, dass Temazepam zur Linderung des Jetlag-Syndroms allgemein empfohlen werden kann.“ Zudem gab es Tests mit Beta-Blockern an Bobfahrern. „Die fühlten sich leistungsfähiger, zeigten ein besseres Fahrverhalten.“

Jelkmann hinterfragt auch kritisch neue Dopingstudien. So untersuchten Freiburger Sportmediziner und Mitglieder eines Schweizer Labors die Wirksamkeit von Testosteronderivaten bei Ausdauersportlern, erschienen 2006. „Die Ergebnisse derartiger Arbeiten haben keine therapeutische Relevanz. Ich habe mich immer gegen diese Art der Forschung gewehrt, wenn ich sie zu begutachten hatte, da sie nicht der medizinischen Versorgung von Kranken dienlich ist. Andererseits kann sie ausgenutzt werden, um Sportler zu dopen.“ Jelkmann belegt, dass diese Art der Forschung nach wie vor durchgeführt wird.

„Das zeigt ein Abstrakt einer Arbeit von 2010, die die Wirkung von Wachstumshormonen und Testosteron an Freizeitsportlern in Australien untersucht hat. Die Studie wurde sogar von der Wada und der Australischen Regierung gefördert.“

Über die Nationale Anti-Doping Agentur Nada fällt Jelkmann ein vernichtendes Urteil: „Die Nada ist schwach. Sie ist das Feigenblatt der sportpolitischen Allianz von Sponsoren, Sportverbänden und Politikern.“ Für ihn mehr als ein Ärgernis: Eine renommierte Berliner Pharmafirma warb damit, dass sie zu Olympia in London das deutsche Team mit innovativen Schmerzmitteln versorgt habe. Ins Bild passen auch Sprüche, wie „Gottschalk Live — Doping für den ARD-Vorabend?“, „Scharfes Doping für den neuen A4“, „Doping für die Haare“ oder „Frühlingsgefühle - Doping für gute Laune“. Jelkmann: „Das Wort Doping ist in Deutschland positiv besetzt.“ Er fordert ein „Klima der gesellschaftlichen Ablehnung von Doping — nur dann ändert sich etwas.“

Zur Person
Wolfgang Jelkmann, 64; geboren in Bremen; Professor Dr. med. für Physiologie; Leiter des Instituts für Physiologie der Universität zu Lübeck; seit 31 Jahren weltweit einer der anerkanntesten Epo-Experten; Beginn der Epo-Forschungen 1978 an der Tulane Universität in New Orleans, konnte als einer der ersten Epo aus der Niere extrahieren; 150 Veröffentlichungen und drei Bücher zu Epo; begutachtet Forschungsanträge für die Welt- Antidopingagentur Wada.

Jens Kürbis

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