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Sport im Norden Mysteriöses Ende einer Boxnacht in der Hansehalle
Sportbuzzer Sport im Norden Mysteriöses Ende einer Boxnacht in der Hansehalle
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22:01 28.04.2014
Rolf „Rolle“ Neumann (2. v. r.) mit einigen seiner Kämpfer am Samstag in der Hansehalle. Quelle: Klaus Kretschmann
Lübeck

Die Lübecker Hansehalle hat eine lange Boxtradition, Stars der Branche wie Klitschko, Gomez und Grigorian haben hier großen Sport geboten. Jetzt wurde dort ein Kapitel geschrieben, dass die Szene so noch nicht erlebt hat. Am Sonnabend veranstaltete der Lübecker Promoter Rolf „Rolle“ Neumann dort sein erstes großes Event – und beendet es mit einem Paukenschlag: Abbruch nach acht von zehn Kämpfen.

Ringsprecher Gerhard Müller verkündete: „Ich muss Ihnen die traurige Nachricht machen, dass unser Veranstalter soeben tödlich verunglückt ist. Wir brechen den Abend ab!“

Die Lübecker Nachrichten, die anfangs live am Ring dabei waren, später per Handykontakt zu Neumann bemüht waren, die letzten Ergebnisse zu aktualisieren, erfuhren kurz nach dem Abbruch von den Ereignissen. Sofortige Recherchen bei der Polizei ergaben: einen Verkehrstoten hatte es im Raum Lübeck nicht gegeben – nicht mal einen Unfall. Entsprechend defensiv war der Artikel in der Sonntags-LN gehalten.

Derweil hatte Ringsprecher Müller in der Halle die Kämpfer, deren Trainer und die Offiziellen des ausrichtenden jungen und noch unbekannten Verbandes BDF, der bisher noch nicht einen Meister küren konnte, um sich versammelt. Es ging nicht nur darum, die in der Tat greifbare Betroffenheit auszutauschen, sondern auch um die Gagen. Denn die waren noch nicht ausgezahlt – und, wie Müller, einer der renommiertesten deutschen Boxexperten, den LN bestätigte: „Die Kasse war leer.“

Kein Wunder. Denn statt der optimistisch erhofften zahlreichen Zuschauer hatten sich nur knapp 100 Boxfreunde eingefunden und ein Ticket (25 bis 90 Euro) gekauft. Wegen absehbarer finanzieller Probleme hatte die Security und das Catering auf Vorkasse bestanden – und auch die Stadt Lübeck als Eigentümerin der Hansehalle.

Um 2700 Euro Miete ging es – und die Stadt hatte Neumann mitgeteilt: „Wenn das Geld nicht bis Freitag, 12 Uhr da ist, wird die Halle nicht aufgeschlossen!“ Nicht bezahlt waren der Ring-Aufbau, die aufwendige Technik, Verbandsabgaben, Kampfrichter, Ringsprecher – und die Hauptdarsteller, die Boxer selbst. Insider sprechen von einer mittleren fünfstelligen Summe.

Neumann, der zunächst noch entspannt wirkte („Das gute Wetter hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“), wurde zunehmend nervöser. Christian Honhold, dessen Firma für die Sicherheit rund ums Event zuständig war, wird später zitiert: „Er war blass und hatte Schweiß auf der Stirn.“ Andere Beobachter berichten, erste Kämpfer hätten ihre Gagen gefordert, hätten mit der Polizei gedroht, als das zugesagte Geld nicht gezahlt werden konnte.

Neumann habe sich dann mit seiner Ehefrau Ulrike, die für ihn die Pressearbeit organisiert hatte, in einen Nebenraum zurückgezogen. Beide hätten sich eine halbe Stunde lang beraten. Dann habe „Rolle Lübeck“, wie sich der Promoter auf seiner Visitenkarte nennt, die Halle verlassen „um bei einem Sponsor Geld zu besorgen“. Wenig später machte die schreckliche Kunde von seinem Unfalltod die Runde . . .

Nach erstem Schock und großer Bestürzung – zwei der Boxer des Kampfabends posteten spontan Beileidsbekundungen – bemühte man sich, nähere Informationen zu bekommen. Die Sache wurde mysteriös: Polizei und Feuerwehr wussten nichts von einem Unfall, das Handy Neumanns, das zunächst ausgeschaltet war, war um 2.30 Uhr – mehrere Stunden nach dem vermeintlichen Tod – kurzfristig erreichbar, das „Unglücksfahrzeug“ wurde am Sonntag unbeschädigt in Lübeck-Marli gesehen.

Vor einer Wohnung Neumanns. Zweifel am Wahrheitsgehalt der Story kamen auf, die Beileidsnoten auf Facebook wurden gelöscht. Die Lübecker Polizei, von den LN und anderen Medien um Neuigkeiten bedrängt, erklärte, sie werde jetzt selbstständig in der Sache tätig.

Gestern um 15.21 Uhr, rund 40 Stunden nach der Schreckensmeldung, dann ein Anruf in der LN-Sportredaktion. Ulrike Neumann war in der Leitung. Alles sei ihre Schuld, erklärte sie. Ihr Mann sei Samstagnacht „mit sehr hohem Tempo“ an der Hansehalle mit dem Auto losgefahren, um bei Sponsoren fest zugesagtes Geld zu besorgen.

Der Versuch sei gescheitert und er habe sie dann angerufen, habe angedeutet, er würde sich etwas antun. Ulrike Neumann: „Ich bin dann in Panik geraten, habe gerufen: ’Der Rolf ist tot, der Rolf ist tot’. Ich war mit den Nerven am Ende, musste von Sanitätern behandelt werden.“

„Rolle“ sei dann aber noch rechtzeitig gefunden worden. Ulrike Neumann: „Jetzt befindet er sich in psychologischer Betreuung.“ Und zum Abschluss des Telefonats: „Nein, zu sprechen ist er im Moment und in den nächsten Tagen nicht.“

Jürgen Rönnau

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