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Sport im Norden Rallye Dakar: Die Kunst der Navigation als „chaotisches Lotteriespiel“
Sportbuzzer Sport im Norden Rallye Dakar: Die Kunst der Navigation als „chaotisches Lotteriespiel“
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07:11 21.12.2017
Dakar-Legende Dirk von Zitzewitz über die Rallye 2018, die neuen Regeln, Insider-Infos und warum er einen „ziemlichen Hals“ hat. 
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Die Südamerika-Karte vor sich auf dem Schreibtisch liegend, fährt Dirk von Zitzewitz die Route der Rallye Dakar mit dem Stift in der Hand ab. Drei Länder, 14 Etappen, 9000 Kilometer. Eine Fahrt im Ungefähren. Noch sitzt er im heimischen Karlshof, sind es 15 Tage bis zum Start am 6. Januar im peruanischen Lima – und die Informationen wie immer spärlich.

Dakar-Legende Dirk von Zitzewitz über die Rallye 2018, die neuen Regeln, Insider-Infos und warum er einen „ziemlichen Hals“ hat.

Blick links. Zitzewitz vergleicht die mögliche Route mit Google Earth auf dem iMac. Blick rechts. Weiter geht die Zentimeter-Fahrt. Auch vor seiner 18. Dakar will der 2009-Sieger nichts dem Zufall überlassen, saugt wie ein Schwamm alle Infos auf, vergleicht sie mit alten Aufzeichnungen. Die Kunst der Navigation ist die Wurzel der Dakar- Rallye. Und „DvZ“ zählt zu den Meistern, ist Mitglied im elitären Club der Dakar-Legenden.

Ein Anruf lässt den Stift-Trip stoppen. „Eurosport“ will wissen, wer die Favoriten sind, wie es um sein südafrikanisches Toyota-Team bestellt ist. Und dann bricht es aus ihm heraus. Der besonnen-fröhliche Ostholsteiner wird zum Nord-Vulkan. „Ich hab’ einen ziemlichen Hals, meine Zündschnur ist kurz geworden. Sie laden alles auf unseren Schultern ab.“ Sie, das sind die Organisatoren, der französische Veranstalter A.S.O. (Amaury Sport Organisation), der jetzt neue Richtlinien veröffentlicht hat. Darin ist festgehalten, dass die Elite-Teams, zu denen von Zitzewitz mit seinem Piloten Giniel de Villiers gehört, weder Smartphone noch Karten oder andere Hilfsmittel im Auto haben dürfen. Bei der Suche nach der richtigen Route ist neben dem Kompass nur noch das rund 150 Seiten dicke Roadbook erlaubt. Doch das „Gebetsbuch“ ist „seit drei Jahren nicht besonders akkurat“, sagt von Zitzewitz. So ist dann schon mal zu lesen, dass es nach 60 Kilometern am halb eingegrabenen Reifen links weg gehe. Dass es passieren kann, dass der längst in einer Garage eines Liebhabers liegt, steht da nicht.

54 Nationen bei 40. Auflage der Wüstenrallye am Start

Die 40. Rallye Dakar wird am 6.Januar in Perus Hauptstadt Lima gestartet, führt über Bolivien nach Argentinien. Ziel ist am 20. Januar Cordoba. 337 Fahrzeuge haben gemeldet: 190 Motorräder und Quads, 105 Autos und 42 Trucks – Starter aus 54 Nationen. Dirk von Zitzewitz sitzt für „Toyota Südafrika“ neben Pilot Giniel de Villiers in einem Hilux, ein V8-Benziner, Allrad, mit rund 400 PS.

„Die schicken uns blind in die Wüste, nehmen uns mit den Karten das letzte Tool. Bist du aus dem Roadbook raus, wird es ein Lotteriespiel, ein Riesenchaos, bei dem man Glück braucht“, schimpft von Zitzewitz. „Wir Navigatoren sind als Fehlerquelle eingebaut. Das ist so ätzend.“ Dass die Co-Piloten nicht einmal in den Siegerlisten auftauchen, passe da ins Bild. „Das sind keine guten Vorzeichen“, sagt von Zitzewitz. Und es macht Insider-Infos noch wertvoller. Dass es die gibt, sie im Dakar-Darknet angeboten werden, hat der 49-Jährige selbst erlebt. Im Vorfeld der 2017-Rallye wurden ihm über einen Freund Streckeninfos angeboten. „Ich habe das gemeldet, doch passiert ist nichts.“ Außer, dass er jetzt einen Freund weniger hat. Es sei schwierig, gibt von Zitzewitz zu, „da einen eigenen Verhaltenskodex zu finden“. Die Veranstalter wollen die Route zwar geheim halten, „aber es wird immer einen geben, der einen kennt. Mal ist es ein Streckenposten, mal ein Dorf-Sheriff.“ Oder der ehemalige Streckenchef, den sich Peugeot, der Vorjahressieger, geangelt hat.

Als ob diese explosive Gemengelage nicht reiche, bringt Zitzewitz’ sein eigenes Team noch in Wallung. Dass Teamchef Glyn Hall und Star-Pilot Nasser Al Attiyah aufgrund des runderneuerten Autos vom „Sieg als Vorgabe“ reden, hält „DvZ“ für „übertriebene Euphorie“. Zu weit sei Peugeot im Januar vorweg gefahren. „Wir sind die ersten Peugeot-Jäger, haben sicher eine Siegchance, aber nur, wenn sie Fehler machen.“ Er spürt schon jetzt: „Als Navigator hast du schon immer auf einem heißen Stuhl gesessen. Jetzt ist er noch heißer geworden.“ Auch teamintern. Denn neben dem Job des Navigierens ist er jetzt noch offiziell „Car-Manager“. Heißt: Dass genug Benzin im Tank ist, zwei oder drei Reserveräder benötigt werden, alle Ersatzteile an Bord sind – für alles ist er verantwortlich. Über die Dakar 2018 hinaus will er deshalb nicht denken.

Momentan will er den Kopf frei bekommen, freut sich auf „die Gans an Heiligabend, die Feier im Familienkreis, und dass ich am ersten Weihnachtstag mal nicht die Tasche packen muss“. Sein Flieger geht erst am Silvestertag. Von Zitzewitz fliegt ins neue Jahr hinein, der 40. Dakar entgegen. Ein 23-Stunden-Trip. Noch eine Premiere. Jens Kürbis

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