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„Spieler-Flucht“ im Fußball

Lübeck „Spieler-Flucht“ im Fußball

Weniger Jugendliche kicken in den Vereinen. Rückgänge auch in der Region Lübeck. Der Verband will mit dem „Junior-Coach“ in den Schulen die Kinder wieder ansprechen.

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Weniger Kids jagen dem Ball nach, wie hier die C-Jugend des VfB (l., Tim Linus Günther) gegen Kiel.

Quelle: sportblitz

Lübeck. Jahrelang ging es nur aufwärts. Immer mehr Jugendliche jagten dem Fußball hinterher, wollten mal Bundesliga-Spieler werden und in der Nationalmannschaft kicken. Besonders das Sommermärchen, die WM 2006 in Deutschland, sorgte für einen enormen Schub. Doch in diesem Jahr sind die Zahlen rückläufig. Ein Trend, der sich in allen Bundesländern abzeichnet. Nahmen 2012 noch 96 113 Junioren-Teams (A bis F-Jugend) am Spielbetrieb teil, so sind es 2013 nur noch 92 706.

Auch in Schleswig-Holstein sind weniger Mannschaften am Start — 2593 statt 2743, ein Minus von 150 Teams. „Wir sind im Norden noch nicht ganz so schlimm betroffen“, sagt Rolf Hartung, der Jugendausschuss-Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes (SHFV). „Aber die Entwicklung überrascht uns auf Grund des demografischen Wandels nicht. 2015 werden wir es erst richtig merken.“ Sein Präsident Hans-Ludwig Meyer sieht auch in der „Vielfältigkeit der Angebote für Jugendliche“ einen Grund für den Mitglieder-Schwund: „Wir müssen gegen viele andere Freizeiteinrichtungen ankämpfen.“

Wie sieht es in der Region Lübeck aus? Die LN haben sich bei den Kreisfußball-Verbänden umgehört.

Lauenburg: Moderate Rückgänge bei den A-, C-, D- und E-Jugendteams, gleichbleibende Anzahl der Teams bei der B- und G-Jugend, eine Mannschaft mehr bei der F-Jugend. „Wir sind noch ganz relaxt“, sagt der Kreisvorsitzende Uwe Brügmann. „Aber der Computer und die Schulreform machen vieles kaputt.“

Lübeck: Acht Teams weniger bei der F-Jugend (39:47) und sieben bei der D-Jugend (40:47). „Die Kinder spielen heute lieber Fußball mit zwei Fingern. Und in der kalten Jahreszeit wechseln einige zu Hallen-Sportarten“, sagt Jugendobmann Gralf Brandes. Überraschend: Mehr Mannschaften sind bei den E-Junioren (52 statt 46 vor einem Jahr) gemeldet.

Ostholstein: Leichte Rückgänge (A-, C-, D-, E-Jugend), gleiche Anzahl bei der B-Jugend, vier Teams weniger bei den G-Junioren (7:11), Anstieg im F-Bereich (41:38). „Es werden in Zukunft immer weniger Kids in den Klubs spielen. Oft arbeiten die Eltern nicht vor Ort und können die Kinder nicht zum Training fahren“, sieht KFV-Vorsitzender Egon Boldt eine Ursache.

Segeberg: In fast allen Jahrgängen Verluste (am deutlichsten bei der D-Jugend 38:44). Tendenz steigend nur bei der E-Jugend — 56:51 Mannschaften. Der Kreisvorsitzende Hans-Otto Woroniak sieht neben dem Internet auch die Kosten für Vereinsbeiträge als Problem: „Sechs bis sieben Euro im Monat sind angeblich oft zu viel. Dafür werden schnell mal 20 Euro für andere Dinge ausgegeben.“

Stormarn: Weniger Teams in allen Altersstufen. Drastische Einbußen bei der E-Jugend (47:56). Der Kreisvorsitzende Jörg Lembke sieht die schulische Belastung als einen Faktor: „Teilweise kommen die Jugendlichen erst um 16 Uhr nach Hause und schaffen es nicht zum Training. Das ist im ländlichen Raum ein Problem.“ Deshalb begrüßt er die Spielgemeinschaften wie die SG Pölitz-Rümpel-Meddewade-Rethwisch-Westerau. „Sie sind aus der Not geboren worden. Aber so bleiben einige Jugendliche weiter beim Fußball.“

Mit dem „Junior-Coach“ will der Deutsche Fußball-Bund der „Spieler-Flucht“ entgegenwirken. „Wir müssen verstärkt in die Schulen gehen und näher an die Jugendlichen herankommen“, betont Meyer. Das Prinzip: Schüler werden zum Trainer ausgebildet. Die sollen in der Schule die Fußball-AG betreuen und die Jugendlichen wieder an die Vereine heranführen.

„Wir müssen um jeden Jugendlichen kämpfen“, fordert Ostholsteins Kreisvorsitzender Boldt. „In Timmendorfer Strand bekommen Jugendliche Freikarten für den Hansapark oder die Ostseetherme, um Mitglied bei der Jugend-Feuerwehr zu werden. Da müssen wir uns im Fußball auch etwas einfallen lassen.“ Damit der Rückgang gestoppt wird.

Rückläufige Zahlen auch in anderen Sportarten
Nicht nur im Jugend-Fußball sind die Zahlen rückläufig. Auch andere Sportarten haben damit zu kämpfen. Insgesamt kehrten zwischen 2012 und 2013 rund 6000 Jugendliche bis 18 Jahre (2,09 Prozent) in Schleswig-Holstein dem Vereinssport den Rücken.

Der Landessportverband sieht genauso wie die Fußball-Funktionäre die Gründe im demografischen Wandel und in der Veränderung der Bildungslandschaft. „Bei den Mannschaften sind die Vereinsaustritte stärker ausgeprägt als bei den Einzelsportarten. Da spielen oft die Trainingszeiten eine Rolle“, sagt Carsten Bauer von der Sportjugend Schleswig-Holstein im Landessportverband.

Prozentual den größten Verlust beklagt der Kendo-Verband (minus 60,9 Prozent, nur noch neun Jugendliche betreiben den Sport, im vergangenen Jahr 23) gefolgt vom Skiverband (minus 34,8 Prozent, 103 statt 158 Mitglieder). Nach oben zeigen die Zahlen dagegen bei der Radsport-Solidarität (plus 74,6 Prozent) und beim Modernen Fünfkampf (plus 64,7 Prozent). Die meisten Mitglieder (Erwachsene und Jugendliche) stellen weiter die Turner (180 697) vor den Fußballern (125 910). PWD

Peter-Wulf Dietrich

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