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Olympia-Aus: Deutscher Sport in der Imagekrise

Berlin Olympia-Aus: Deutscher Sport in der Imagekrise

Olympia, nein danke: Der Traum von olympischen Spielen in Deutschland scheint auf Jahre nicht mehrheitsfähig zu sein.

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DOSB-Generaldirektor Michael Vesper macht noch keine Aussagen zu einer erneuten Olympia-Bewerbung. Foto: Angelika Warmuth

Berlin. Olympia, nein danke: Der Traum von olympischen Spielen in Deutschland scheint auf Jahre nicht mehrheitsfähig zu sein.

Einen Tag nach der 0:4-Wahlpleite bei Bürgerentscheiden in Bayern wollte die Spitze des deutschen Sports auch von künftigen Bewerbungen um Olympische Sommerspiele vorerst nichts wissen. Selbst im IOC-Hauptquartier in Lausanne wurde die Nachricht am Montag mit großer Ernüchterung aufgenommen. Der neue Präsident Thomas Bach reagierte nach dpa-Informationen enttäuscht, eine offizielle Stellungnahme lehnte er ab.

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Gian-Franco Kasper wertet das Votum gegen Münchens Bewerbung als Misstrauen gegenüber dem IOC. Foto: Jean-Christophe Bott

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Bei den Bürgerentscheiden am Sonntag setzten sich in München, Garmisch-Partenkirchen sowie den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden jeweils die Olympia-Gegner durch.

Politiker und Spitzenfunktionäre taten sich bei der Ursachenforschung für die Pleite schwer und machten vor allem eine kollektive Angst der Bürger bei der Verwirklichung von Großprojekten für das klare Nein verantwortlich. Aber auch die zahlreichen Negativ-Schlagzeilen über das Internationale Olympische Komitee und den Fußball-Weltverband (FIFA) in der jüngeren Vergangenheit wurden als Gründe für die Ablehnung genannt.

„Ohne die Zustimmung der Bevölkerung wird es zukünftig keine Olympischen Spiele in Deutschland geben“, analysierte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Fußball-Legende Franz Beckenbauer prophezeite nach „der verpassten Chance für den Freistaat“ nur lapidar: „Das wird ihnen irgendwann leidtun.“

Ganz Deutschland hätte von solch einem Großereignis profitiert, ließ der für den Sport zuständige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ausrichten. Der designierte DOSB-Präsident Alfons Hörmann meinte: „Die Olympia-Bewerbung hätte uns mit Sicherheit geholfen, die Bedeutung des Sports in der Gesellschaft noch besser zu verankern, aber es ist wie es ist. Das Leben muss auch ohne Olympia-Bewerbung weitergehen.“ Er konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Rund um Sportgroßereignisse hat es in den letzten Wochen nicht unbedingt positive Schlagzeilen gegeben. Dafür können wir nichts, aber das hatte vielleicht auch mit dem Ergebnis zu tun.“

Der deutsche Sport steckt in einer Imagekrise. Die ablehnende Bürgerbefragung könnte als Votum gegen den Leistungssport in Deutschland interpretiert werden. Schließlich stützt sich die regelmäßige Forderung nach größerer finanzieller Unterstützung der Topathleten durch Steuergelder auch auf die vermeintlich große Sportbegeisterung in Deutschland. „Der deutsche Sport nimmt unmittelbar daraus keinen Schaden, aber er hat eine große Chance für eine Aufbruchstimmung verpasst“, sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. Er sagte: „Es gibt kein besseres Konjunkturprogramm für den Sport als eine Olympia-Bewerbung.“

Auch FIS-Präsident Gian-Franco Kasper, selbst einer der IOC-Granden, wertete das bayerische Bürgervotum gegen Olympia als deutliche Botschaft an die Ringe-Organisation. „Das ist ein schlechtes Zeichen. Vor allem ist es ein Misstrauen gegen das IOC. Die vielen Schlagzeilen über Sotschi und Katar haben sicher auch nicht geholfen“, sagte der Schweizer Boss des Internationalen Skiverbandes (FIS). „Weltmeisterschaften auszutragen ist kein Problem, aber sobald die Menschen Olympia hören, bekommen sie Angst.“ Im März hatten sich bereits die Bewohner des Schweizer Kantons Graubünden in einer Bürgerbefragung gegen Olympia in der Schweiz ausgesprochen.

Die massive Kritik aus verschiedenen Richtungen kann als Signal an IOC-Chef Bach gewertet werden, im Sinne von: Olympia müsse sich wieder auf sich selbst besinnen. Durch die Problemspiele 2014 in Sotschi und die Retortenspiele 2018 in Pyeongchang hat das vermeintliche Premium-Produkt Winterspiele schon jetzt Schaden genommen. Zudem hat das IOC durch die Absagen aus der Schweiz und Deutschland auf Jahre hinaus traditionelle Wintersportländer in den Alpen als mögliche Olympia-Gastgeber verloren. „Das IOC ist der Wahlverlierer, nicht der Sport in Deutschland“, resümierte Olympia-Gegner Ludwig Hartmann, seine „NOlympia“-Kollegin Katharina Schulze stellte fest: „Dieses "Mehr, schneller, höher, weiter" ist nicht mehr zeitgemäß.“

Das IOC kann sich zwar daran festhalten, dass Oslo und Stockholm als Vertreter des traditionellen Wintersports den Sechskampf mit Krakau, Peking, Lwiw und Almaty um die Winterspiele 2022 aufnehmen - wirklich überzeugend ist diese Argumentation allerdings nicht.

Minister Friedrich will sich möglichst bald mit Bach über das Bewerbungsprozedere austauschen. Der neue IOC-Chef hatte in seinem Wahlkampf angekündigt, die Kriterien bei Olympia-Vergaben ändern zu wollen. So sollen Bewerbungen in Zukunft mehr auf die nationale Identität und Kultur des jeweiligen Gastgebers abzielen. „Für die olympische Bewegung ist es bedenklich. Wenn sich solche traditionellen Länder wie die Schweiz oder Deutschland als Ausrichter zurückziehen, ist dies eine gefährliche Entwicklung“, sagte Josef Fendt, Präsident des Internationalen Rennrodelverbandes (FIL).

München 2022 war bereits der fünfte vergebliche deutsche Anlauf auf Olympia. Berchtesgaden schied beim Kampf um die Spiele 1992 in der ersten Runde aus, Berlin scheiterte bei der Abstimmung über den Olympia-Ausrichter 2000 in Runde zwei. Leipzig schaffte es bei der Vergabe des Ringe-Spektakels 2012 erst gar nicht zur Endrunde, und München selbst hatte das Wahlfinale um Olympia 2018 klar gegen den südkoreanischen Favoriten Pyeongchang verloren.

Nach der jüngsten olympischen Enttäuschung soll jetzt der Fußball Deutschlands Ruf als Organisationsweltmeister neu aufpolieren. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach befürchtet durch das Olympia-Aus keine Auswirkungen auf die Kandidatur des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für die EM 2024: „Da habe ich nicht die geringste Angst. Das ist keine Revolution, dass wir da zehn, zwölf neue Stadien bauen müssten. Da wird es allenfalls drauf ankommen, die Stadien zu modernisieren.“ Die Investition von Steuergeldern sei nicht nötig. Von soviel Gelassenheit können Vesper und Co. nur träumen.

dpa

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