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Sportmix So war das wirklich vor 50 Jahren
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23:35 20.10.2018
Das Achter-Team, kaum in der Lage gewesen, mit eigener Kraft den Bootssteg zu erreichen, genießt die Siegerehrung. Von links: Niko Ott, Jörg Siebert, Egbert Hirschfelder, Wolfgang Hottenrott, Lutz Ulbricht, Rüdiger Henning, Dirk Schreyer, Horst Meyer und Steuermann Günther Thiersch. Quelle: dpa
Lübeck

Der 19. Oktober 1968. Es ist der Tag, an dem der Deutschland-Achter in Mexiko zu Gold rudert. Es ist das letzte Meisterstück des legendären Ratzeburger Trainers Karl Adam. Viele Geschichten und Mythen ranken sich um die Olympiasieger. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums treffen sie sich an diesem Wochenende. Am Freitag wurden sie in Hamburg empfangen, am Samstag in Ratzeburg. Da, wo sie fast jede Welle auf den Seen mit Vornamen kennen. „Wir sind noch immer eine verschworene Gemeinschaft, treffen uns regelmäßig, helfen einander“, erzählt Horst Meyer. 1968 war er Schlagmann, Mannschaftssprecher, wurde später von Hannover aus Unternehmensberater und Multifunktionär. Er hat viele Ruder-Generationen erlebt, doch der Zusammenhalt der 68er ist für ihn einmalig. Das liegt auch an den vielen Hürden, die die Recken nehmen mussten. Hürden, die ihnen auch ihr Trainer in den Weg gestellt hatte, wie es Meyer in seinen Tagebüchern beschreibt. Den LN gewährte der 77-Jährige einen Einblick.

Adam will „mündige Athleten“

Ende September 1968. Der Achter hatte in Luzern eine heftige Niederlage kassiert. „Das nächste Trainingswochenende in Ratzeburg beginnt mit einer von uns angezettelten heftigen Debatte mit Kalli (Adam). Wir fordern ihn auf, mit uns über besondere Trainingsmaßnahmen zu diskutieren, zu denen er aber keine konkreten Vorschläge machen kann. Als wir ihn zu seinen Fernseh-Äußerungen befragen, wird er unsachlich und braust auf“, schreibt Meyer. Adam, Oberstudienrat, der selbst nie in einem Achter gesessen hat, aber der Baumeister des goldenen Flaggschiffs von 1960 war, hatte immer den „mündigen Athleten“ propagiert. Doch fiel ihm das jetzt auf die Füße? Oder war alles doch nur ein Psychotrick?

„Wir haben alles ausdiskutiert.“ Trainer Karl Adam im Gespräch mit Horst Meyer. Quelle: Privat

Meyer: „Wir haben alles ausdiskutiert“

Meyer erzählt: „Kalli war ein Verfechter des gläsernen Athleten. Er hat alles öffentlich gemacht.“ Dazu zählt, dass Adam ein Intervalltraining und Videobeobachtungen einführte, in der Vorbereitung mit seinem Team in die Höhe ging, in Mölln ein 40 Kilo leichteres Boot bauen ließ. Adam war ein Meister der Innovationen, ein Tüftler. „Aber wir haben alles mit ihm ausdiskutiert, immer verhandelt. Wir waren keine Befehlsempfänger. Er hat immer gesagt: Ihr müsst selbst wissen, was ihr macht.“ Was Meyer ärgert ist, „dass immer behauptet wird, er hat durch seine Aggressionen, Spannungen im Team erzeugt, uns so vorangebracht. Das ist falsch. Es hat keine Spannungen gegeben.“

Adam war ungewöhnlich aggressiv, ungehalten“

Zerwürfnisse zwischen Trainer und Team schon. Meyer beobachtete in den Tagen vor Olympia einen „ganz anderen Adam, so wie ich ihn in den sieben Jahren unserer Zusammenarbeit nicht erlebt habe. Er war ungewöhnlich aggressiv, ungehalten, unsachlich. Seine Kritik war sonst immer begründet.“ Im Training habe er Schlagzahlen nicht bekannt gegeben, nicht aufgepasst, dass die Ruderbahn frei ist. Im Training kam es so fast zu einer Kollision mit einem Einer. „Lautstarke Vorwürfe an Adam schallten über die Regattastrecke mit der Empfehlung, er solle doch nach Hause fliegen und einem anderen Trainer unser Training überlassen“, schreibt Meyer.

Der Deutschland-Achter hält mit Trainer Karl Adam Kriegsrat am Bootshaus. Quelle: Privat

Ott steigt für Böse ins Boot

Zu allem Überfluss befiel in der Nacht vor dem Finale Roland Böse Fieber. Meyer: „Roland hat immer wieder beteuert, dass es gehe. Doch nach Rücksprache mit dem Olympiaarzt haben wir entschieden, dass er nicht fährt.“ Dass sich Meyer & Co. nach einem Test mit einem Duo aus dem Vierer morgens um sechs Uhr gegen den physisch stärkeren Hans-Johann Färber („Das ging gar nicht, das spritzte bis zu mir“) und für Niko Ott („Das Boot lief ruhig mit ihm“) entschieden – ohne und letztlich gegen den Willen des Trainers – trug auch zu Spannungen bei. Meyers Eintrag: „Adam ist zunächst sprachlos und wendet sich mit der Bemerkung ab: Dann macht, was ihr wollt! Er verlässt den Bootssteg abrupt.“ Noch heute gibt Meyer zu: „An Gold dachte da keiner mehr.“

Mörderische Aufholjagd

Das Rennen, das Pechvogel Böse hemmungslos weinend verfolgte, war ein Akt des Willens. Bei 800 Metern führte Neuseeland. Meyer: „Mit unserem ersten Spurt vor der 1000-Meter-Marke begann eine mörderische Aufholjagd.“ Bei 1200 Metern führte der deutsche Achter. Meyer schildert den Rest so: „Ich rief Gunther bei 1500 Meter zu: Endspurt! Nun begann der gnadenlose Endkampf in den letzten 60 Ruderschlägen. Selbst unser junger Steuermann war von dem Rausch erfasst und feuerte uns an. Der nicht erwartete Sieg schien plötzlich greifbar nahe. Alles fing in mir an zu brennen: die Beine, die Arme und die Luftröhre. Gunther merkte, welche Mühe ich hatte, und begann mit den Holzklötzen seines Steuerseils im Schlagtakt gegen die Bordwand zu hämmern. Der Rhythmus ließ mich meinen Körper nicht mehr wahrnehmen. Das erlösende Signal der Ziellinie war das Letzte, was ich hörte, bevor mir schwarz vor Augen wurde. Gunther holte mit Spritzwasser mein Bewusstsein zurück, und ich nahm die erschöpfte Stille im Achter wahr. Mit dem knappen Vorsprung von einer Luftkastenlänge vor den Australiern hatten wir das olympische Achter-Finale gewonnen.“

Olympia-Achter mit Horst Meyer als Schlagmann (2.v.r.). Quelle: Privat

Roland, die Medaille gehört dir“

Mit Meyer waren im Ziel noch drei seiner Kameraden kollabierten. Die Sieger brauchten 40 Minuten, um fit für die Medaillenvergabe zu sein. Dass Ott im Bootshaus später Böse seine Medaille überreichte („Roland, die Medaille gehört dir“), ist ein weiteres Kapitel der außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte. Meyer: „Adam gestand später ein, es sei nicht sein Sieg gewesen, sondern allein der der Mannschaft.“

Nachträgliche Anerkennung: 1972 trug der Olympia-Achter in München zur Eröffnung der Olympische Spiele die Fahne ins Stadion. Quelle: dpa

Und die trug vier Jahre später bei den Olympischen Spielen in München die olympische Fahne ins Stadion. Meyer: „Seit Mexiko 68 sind wir zehn, auch wenn nur neun in einem Achter sitzen.“

Jens Kürbis

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