Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Innenstadt Der Stoff, aus dem die Träume sind
Thema I Innenstadt Der Stoff, aus dem die Träume sind
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:50 20.03.2015
Anzeige
Innenstadt

Wenn die Welse, Garnelen und die Goldring-Grundel „Grundula“ aus ihrem Aquarium in die kleine Küche schauen, dann sehen sie vor allem eins: Kirsten „Killa“ Prüß an ihrer Nähmaschine.

Gerade erst ist die 37-Jährige in ein kleines Ganghaus gezogen, und nun muss die Künstlerin auf nur 34 Quadratmetern mächtig praktisch denken: Die Bastel- und Nähmaterialien sind unter der Treppe verstaut, der Tisch lässt sich im Zweifelsfall umklappen, der Kleinkram ist in Weckgläser sortiert. Notfalls geht es bei schönem Wetter eben mit Nähmaschine und Arbeitstisch raus in den Gang. Der wenige Raum schränkt aber nicht die Ideenvielfalt ein. Im Gegenteil: „Ich habe immer mindestens fünf Dinge gleichzeitig im Kopf und weiß gar nicht, womit ich zuerst anfangen soll“, sagt Prüß.

„Eigentlich bräuchte ich mich dreimal.“

Die Lübeckerin ist das, was man neudeutsch eine „Upcyclerin“ nennt: Sie schafft aus alten Materialien, vor allem Stoffen, etwas Neues — Umhängetaschen aus Segeltuchresten, Mützen aus alten T-Shirts, Behälter mit Reißverschluss aus alten Plastikflaschen. „Ich versuche, möglichst wenig neu zu kaufen und Altes wiederzuverwenden, damit es möglichst nachhaltig ist“, sagt Prüß. „Es gibt eigentlich kaum etwas, das ich nicht verarbeiten könnte — und viele alte Muster sind heute ja schon wieder in.“ So wie der grün-orangene Blümchenstoff, aus dem sie zusammen mit alten Gabeln und Löffeln Handtuchhalter für die Küche gebastelt hat.

„Munkileev“ nennt Prüß ihr kleines Unternehmen — eine Verbindung aus den plattdeutschen Worten für „Affe“ und „Liebe“. Damit wird ausgedrückt, wie die Künstlerin tatsächlich arbeitet: „Wie ein Affe, der sich aus Liebe zu den Dingen voll auf die Arbeit stürzt“, sagt Prüß. „Manchmal vergesse ich die Zeit und arbeite bis in die Nacht, weil ich noch etwas fertig oder besser machen möchte.“ Mit dem Kreieren von individuellen Fototaschen, Stoff-Robotern und anderen Sonderanfertigungen hat die 37-Jährige ihre Aufgabe gefunden. Als nächstes bastelt sie an einer neuen Kollektion für das Bollwerk, dem Club in der Ziegelstraße, auch bei der nächsten Spielwiese, dem Elektro-Open-Air, ist sie dabei. Ihr Freund, der Künstler und Kommunikationsdesigner Stefan Gellendin, unterstützt die Kreative beim Bedrucken der umgearbeiteten T-Shirts, der Flyer und Aufkleber mit dem Munkileev-Logo.

Doch das war nicht immer so: „Ich habe über 15 Jahre als medizinische Fachangestellte gearbeitet“, erzählt die gebürtige Scharbeutzerin. „Doch durch eine Krebserkrankung musste ich raus aus dem Job.“

Nach schweren Operationen und anderen Schicksalsschlägen merkte sie beim Basteln in der anschließenden Ergotherapie, wie lange ihre Kreativität geschlafen hatte. „Ich mochte meinen alten Job“, sagt die 37-Jährige. „Aber ich hatte vorher für kaum etwas anderes Zeit.“ Und so entdeckte sie die Nähmaschine wieder, die sie das letzte Mal in der Schule benutzt hatte, und begann, ihre Träume zu nähen.

„In das meiste fuchst man sich nach einer Zeit ein“, sagt Prüß. „Es gibt eigentlich nichts, was man nicht umsetzen kann — auch wenn es manchmal etwas länger dauert.“

Unter anderem im kleinen Geschenkeladen „Vielfach“ in der Großen Burgstraße verkauft sie ihre Unikate; manchmal ist die Künstlerin auf Märkten und Events unterwegs. „Wenn man dort den Leuten erzählt, dass man alles selbst gemacht hat, leuchten ihre Augen“, sagt die Lübeckerin, der jetzt nur noch eine eigene kleine Werkstatt fehlt. „Ich bin einfach so froh, dass ich das gefunden habe, wo ich ich sein kann und genieße das in vollen Zügen.“ Und während sie das sagt, hat sie schon wieder zehn neue Ideen im Kopf, was man als nächstes basteln könnte. Und die Welse, Garnelen und „Grundula“ schauen ihr dabei zu.

Aus Alt mach Neu
„Upcycling“ besteht aus den englischen Wörtern für „hoch“ und „Wiederverwertung“: Indem Abfallstoffe zu einem neuen Produkt umgewandelt werden, kommt es zur Aufwertung des scheinbar Nutzlosem. Es werden nicht nur Ressourcen gespart; es können einzigartige neue Produkte entstehen.
• Eine Auswahl der „Munkileev“-Kreationen von Kirsten Prüß sind unter http://www.munkileev.de/ zu finden.

Lena Schüch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige