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Innenstadt Ende einer Ära: Schümann Schuhe schließt nach 79 Jahren
Thema I Innenstadt Ende einer Ära: Schümann Schuhe schließt nach 79 Jahren
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09:40 15.10.2015
 Vor 1966: Noch ist das Geschäft nicht aufgestockt, aber die Fassade sieht moderner aus.
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Innenstadt

So mancher Erwachsene von heute erinnert sich noch an den ungeliebten Schuhkauf als Kind, der aber durch eins gewaltig versüßt wurde: die Rutsche in der Kinderabteilung von Schümann Schuhe am Kohlmarkt 1/Ecke Sandstraße. Jetzt ist die Rutsche weg — wie die komplette Ladeneinrichtung. Seit Sonnabend bereitet das gesamte Team unter Hochdruck den großen Räumungsverkauf vor, der morgen beginnt. Denn nach 79 Jahren in Lübeck schließt Schümann Schuhe, seit 1959 geführt von Familie Christiansen.

„Es schmerzt ungemein“, sagt Olaf Christiansen (74), „ich war immerhin 48 Jahre in der Firma.“ Und Tochter Nina (39), studierte Betriebswirtin, ist seit 2003 mit in der Geschäftsleitung. Die dritte Generation also in Lübeck, insgesamt sogar die vierte, denn ihr Urgroßvater Christian Christiansen hatte bereits 1902 ein Schuhhaus in Wismar eröffnet. Auf alle Fälle ist Nina Christiansen die letzte Generation im Schuhgeschäft. Denn nach längeren Beratungen in der Familie zieht man nun die Notbremse, bevor man womöglich in die Lage kommt, die Gehälter der Mitarbeiter an den insgesamt sechs Standorten nicht mehr zahlen zu können.

Die Gründe für die Aufgabe des Familienunternehmens sind vielfältig: „Zalando“, nennt Olaf Christiansen den vor sechs Jahren gestarteten Online-Schuhverkauf als einen Faktor, weitere seien die große Anzahl an Filialisten und die zunehmenden Ansiedlungen auf der grünen Wiese Lübecks. „Die Prognosen für den Schuhhandel sind allgemein schlecht“, weiß seine Tochter. Zwar habe man es in den vergangenen drei Jahren geschafft, den Umsatz stabil zu halten. Aber das reicht nicht: „Wir brauchen Wachstum“, sagt der Senior-Chef.

Denn auch die Kosten sind in letzter Zeit enorm gestiegen. Allein die Straßenreinigungsgebühr (die LN berichteten) für das Geschäftshaus in der Innenstadt sei um 400 Prozent auf 4600 Euro gestiegen.

Und auch die eigenen Standards, nämlich ein Fachgeschäft mit guter Beratung zu sein, „erfordert gutes Personal. Und gutes Personal ist teuer“, so Nina Christiansen. Für Vater und Tochter war klar: Es geht nicht auf Dauer, wenn man nur für die Fixkosten arbeitet.

Die Familie schließt daher alle sechs Standorte — die teilweise auch unter dem Firmennamen Christiansen firmieren. 45 Mitarbeiter haben sie insgesamt. Drei der Geschäfte,nämlich das in der Lübecker City und zwei in Wismar, werden von einem anderen, inhabergeführten Schuhhaus übernommen — und damit auch die Mitarbeiter aus diesen drei Geschäften. „Ohne diese Übernahmevereinbarung hätten wir das nie gemacht“, versichern Christiansens. Welches Schuhhaus Schümann übernimmt, wird derzeit aber nicht verraten, weil die Verträge noch nicht alle unter Dach und Fach sind.

Auch wenn es traurige Momente gibt und gab und man sich von langjährigen Mitarbeitern trennen musste: Christiansens blicken nach vorn, erst einmal bis zum Räumungsverkauf, der morgen um 9 Uhr beginnt. 20000 Paar Schuhe müssen, nach Größen sortiert, in provisorische Regale geräumt werden. Mitten im ganzen Stress sagt Nina Christiansen, sie „platze vor Stolz auf meine Truppe“.

Jüdische Vorgeschichte
1883 meldet Wolf Blumenthal ein Schuhwarengeschäft in Lübeck am Kohlmarkt 1 an, nach seinem Tod führt Witwe Mally es weiter.
1913 wird Jean Hofmann Mitgesellschafter.
1936drei Jahre nach dem „Judenboykott“ der Nazis — gehen die Umsätze so weit zurück, dass Familie Hofmann nach Chile auswandert. Geschäft und Wohnhaus werden deutlich unter Wert verkauft. Neuer Inhaber wird Paul Schümann. Die Erben der Familien Blumenthal und Hofmann möchten nach Kriegsende das Geschäft zurück, einigen sich aber auf eine Entschädigung.
1959 übernimmt Herbert Christiansen das Geschäft, 1969 tritt Sohn Olaf in die Geschäftsführung ein.

Sabine Risch

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