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Innenstadt Lebendiges Erinnern an den Holocaust
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21:18 27.01.2016
Von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eingeladen: Tswi Herschel redet vor Schülern über sein Leben. Quelle: Fotos: Maxwitat, Riedel (2)

In der Aula des Katharineums ist es mucksmäuschenstill. Tswi Herschel steht vor rund hundert Schülern, hinter ihm ist das Bild eines kleinen Jungen mit dunklen Locken, der freundlich in die Kamera blickt, auf eine riesige Leinwand projiziert. Es zeigt Herschel im Kleinkindalter auf grüner Wiese. „Staatsfeind Nummer Eins“, sagt Herschel ernst und deutet auf das Bild. „Und was war sein Verbrechen? Er hatte vier jüdische Großeltern.“

Tswi Herschel ist Zeitzeuge eines der schwersten Verbrechen der Geschichte. Gestern, am jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, berichtete der 74-Jährige aus seinem Leben und dem seiner Eltern, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

1942 wurde er in Zwolle in den Niederlanden geboren, ein paar Monate später musste die jüdische Familie ins Amsterdamer Ghetto ziehen. Kurz darauf wurde Tswi Herschel von der 17-jährigen Tochter einer befreundeten Familie aus dem Ghetto geschmuggelt. Eine protestantische siebenköpfige Familie nahm ihn zu sich und zog ihn auf. Bis heute redet er über seine Zieheltern als Mutter und Vater.

„Ich war der Prinz dieser Familie und habe immer noch engen Kontakt zu meiner Schwester.“

Seine leiblichen Eltern wurden im Alter von 24 und 27 Jahren im Konzentrationslager in Sobibór ermordet. Fast die gesamte Familie kam während der Shoah ums Leben. Herschel, als Christ aufgewachsen, erfuhr erst im Alter von acht Jahren von seiner jüdischen Herkunft.

Ob er sich eher als Christ oder als Jude bezeichne, will ein Schüler im Anschluss an Herschels Erzählungen wissen. „Das ist eine schwere Frage“, gibt Herschel zu. „Ich bin nicht jüdisch aufgewachsen, aber mit der Zeit hat der jüdische Glaube zu mir gefunden.“ Im Jahr 1986 wanderte Herschel mit seiner Frau und zwei Töchtern nach Israel aus. Dort und in ganz Europa engagiert er sich für Aufklärungsarbeit über die Shoah für Jugendliche und Erwachsene.

Für die Schüler der Oberschule zum Dom (OzD), die zu Gast in der Aula des Katharineums sind, sei die Begegnung mit einem Zeitzeugen ergreifend, wie Schülerin Lane Hamakhan (16) erzählt. „Ich finde es sehr spannend, ihn heute zu sehen.“ Bereits im Vorfeld hätten sich die Schüler mit Herschels Biografie beschäftigt.

Gerade für die Jugend sei die Aufarbeitung der Geschichte von großer Bedeutung, meint auch Bürgermeister Bernd Saxe. Gestern Vormittag legte er an der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus einen Kranz nieder. „So eine Aufarbeitung passiert nicht automatisch, sondern sie muss durch Wertevermittlung an die Jugend geschehen.“

Anlässlich des gestrigen Gedenktages eröffnete im Rathaus auch die Ausstellung „Reichskristallnacht“ in Schleswig-Holstein. Bis zum 19. Februar kann sie im Großen Börsensaal angesehen werden. „Sie bietet interessante kleine Details mit konkreten Hinweisen auf Lübecker Bürger“, sagt der Historiker Christian Rathmer.

Die Ereignisse der Reichspogromnacht würden zwar häufig erzählt, fügt Dr. Jan Lokers, Direktor des Archivs der Hansestadt Lübeck, hinzu. „Aber für junge Menschen ist es trotzdem frappierend, solche Bilder zu sehen.“ Außerdem gehören zum Rahmenprogramm verschiedene Vorträge zum Thema. Diese finden am 3., 10. und 18. Februar ebenfalls im Großen Börsensaal statt. Der Eintritt zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen ist frei.

Zahlen und Fakten

71 Jahre ist es her, als die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreite. Seit 1996 ist dieser Tag ein bundesweiter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

In Lübeck fielen etwa 250 Juden dem Holocaust zum Opfer.
Die Reichspogromnacht, über die es nun im Rathaus eine Ausstellung gibt, jährt sich dieses Jahr zum 75. Mal.

Elisabeth Riedel

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