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Innenstadt Sprechstunde für Porzellan-Liebhaber
Thema I Innenstadt Sprechstunde für Porzellan-Liebhaber
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18:24 05.03.2016
„Meine Frau und ich lieben alte Mokkatassen. Wir kommen regelmäßig.“Heiner Bühe

Innenstadt Vorsichtig hält Claudia Kurfürst den Porzellanteller in den Händen. Der Rand ist in spiralförmige Fächer aufgeteilt. Jedes zweite ist vergoldet. In der Mitte prangt eine Verzierung mit Äpfeln, Kirschen und Brombeeren. „Dieser Teller ist im 19. Jahrhundert entstanden“, sagt Kurfürst, während sie den Teller weiter betrachtet. „Ich schätze um 1880.“

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„Die Vase gehörte einst meiner Großmutter. Am Fuß haben sich Splitter gelöst.“Sigrid Strauß

Am Freitag war die Porzellan- und Keramikrestauratorin im Lübecker Auktionshaus „Die Eiche“ zu Gast. Seit 2004 kommt Kurfürst, die in der Nähe von Xanten am Niederrhein ihre Werkstatt hat, regelmäßig nach Lübeck. „Lübecker Schatz- und Schätzchentag“ heißt ihre Restauratoren-Sprechstunde in der „Eiche“, bei der Interessierte ihre Porzellan-Objekte begutachten lassen. „Ich gebe Auskunft über Alter und Herkunft der Stücke“, sagt Kurfürst. Außerdem nimmt sie Objekte zur Reparatur an und berät die Besucher über die richtige Reinigung, Pflege und Aufbewahrung von Porzellan.

Der Porzellanteller, den sie jetzt in den Händen hält, gehört Britta Keding. „Es ist ein Erbstück aus der Familie meiner Mutter“, sagt die 67-Jährige. Die Familie war lange in Weimar ansässig, jahrelang bewahrte Keding den Teller im Schrank auf. „Es ist eines der wenigen Stücke, die seit damals erhalten sind“, sagt sie. Ob sie die Vergoldungen erneuern möchte, weiß sie noch nicht. „Ich wollte mich erst einmal beraten lassen.“

Heiner Bühe hingegen entscheidet sich schnell für die Restaurierung. Der Rentner hat eine kleine Mokkatasse der Porzellan-Manufaktur Bavaria Schumann Arzberg mitgebracht. Der filigrane Griff ist vergoldet, die Oberfläche ist mit zarten Rosenknospen bemalt. Am oberen Rand der Tasse haben sich kleinste Scherben gelöst. „Die sind meiner Frau beim Spülen abgebrochen“, sagt der 69-Jährige. Und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Ich bin ganz froh, dass es nicht mir passiert ist.“ Er ist nicht zum ersten Mal in der Restauratoren-Sprechstunde. „Meine Frau und ich besitzen mehrere Mokkatassen und alte Salzfässchen aus Porzellan. Wenn etwas beschädigt ist, macht Frau Kurfürst ihre Arbeit immer sehr gut.“

Auch Sigrid Strauß suchte die Restauratorin am Freitag mit einem besonderen Erinnerungsstück auf: Sie brachte eine weiße Vase, die einst ihrer Großmutter gehörte. „Die Vase ist sicher noch vor dem Ersten Weltkrieg entstanden“, sagt sie, „ich bin hier, weil sich am Fuß kleine Splitter gelöst haben.“ Lebensgroße Schwan-Skulpturen mit ausgebreiteten Flügeln, eine 4000 Jahre alte Göttinnen-Figur aus Fernost. Aber auch ein Wasserspülkasten aus Keramik, der in Laboranlagen eingesetzt wird: Skurriles und Kunstvolles hat Claudia Kurfürst in den letzten Jahren schon unter die Lupe genommen.

Manches Objekt erzählt dabei auch eine ganz besondere Geschichte: So wie das Porzellan-Tablett einer älteren Dame, das Kurfürst vor einigen Jahren in ihrer Werkstatt hatte. Seine Besitzerin musste am Ende des Zweiten Weltkrieges ihr Haus in Dresden für die sowjetische Armee räumen. „Soldaten warfen das Tablett aus dem Fenster, es zersprang dabei in vier Teile“, sagt Kurfürst. In einer alten Waschmittelpackung bewahrte die Dame die Stücke jahrelang auf. Bis sie schließlich die Restauratorin aufsuchte. „Das Tablett war eines der wenigen Erinnerungsstücke, die ihr damals geblieben waren“, sagt Claudia Kurfürst. „Das hat mich sehr berührt.“

Von 10 bis 18 Uhr stand Claudia Kurfürst am Freitag in „Der Eiche“ den Besuchern ihrer Restauratoren-Sprechstunde zur Verfügung. Das nächste Mal wird sie voraussichtlich Ende Juni nach Lübeck kommen. „Die Kooperation kam vor über zehn Jahren über eine Freundin zustande, seither bin ich regelmäßig hier.“

Von Katrin Diederichs

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