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Die letzten Tage des Krieges Die Rote Armee kam von Osten, die Alliierten aus dem Westen
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Die letzten Tage des Krieges Die Rote Armee kam von Osten, die Alliierten aus dem Westen
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16:10 06.05.2015
Die Karte zeigt den Vormarsch der Armeen der West-Alliierten und der sowjetischen Armee im Großdeutschen Reich.

Pjotr Iwanowitsch Bagration ist ein russischer General, er stirbt 1812 im Kampf gegen Napoleons Truppen. Und er gibt einer militärischen Operation ihren Namen, die im Juni 1944 beginnt und den Anfang vom Ende des deutschen Vormarsches nach Osten markiert. Es ist der dritte Jahrestag des „Unternehmens Barbarossa“, des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Es ist der Auftakt für eine furchtbare letzte Vernichtung.

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Es werde ein Leichtes sein, hat Adolf Hitler vor dem Kriegszug gegen die Sowjetunion gesagt. Man brauche nur gegen die Tür zu treten, dann falle alles in sich zusammen. Aber das ist ein schrecklicher Irrtum. Er kostet Millionen Menschen das Leben, und es sollen weitere schreckliche Irrtümer folgen.

Der Wahnsinn der Schlacht um Stalingrad 1942 mit 700 000 Toten ist eine psychologische Wende in diesem Krieg, mit der „Operation Bagration“ nimmt sie jetzt auch Gestalt an. Schon in der ersten Woche verlieren etwa 200 000 deutsche Soldaten ihr Leben, und die Rote Armee drängt die Wehrmacht immer weiter zurück nach Westen.

Im Frühjahr 1945 überqueren US-Truppen den Rhein

Der Sommer 1944 ist ein Sommer der deutschen Niederlagen und Verluste. Armeen werden aufgerieben, Soldaten sterben und geraten in Gefangenschaft. Und an den Stränden der Normandie landen im Juni die westlichen Alliierten, ergänzt durch eine zweite Invasion wenige Wochen später im Süden Frankreichs. Die deutschen Hoffnungen auf die Ardennen offensive Ende 1944 trügen. Stattdessen überqueren im Frühjahr 1945 amerikanische Truppen den Rhein und treffen sich wenig später im April mit den sowjetischen Einheiten bei Torgau an der Elbe.
Der Ostwall, der Stalins Armeen bremsen soll, wird bis auf Ansätze nie gebaut. Er ist ebenso Illusion wie die mehr als 1000 Panzer, die der neue Generalinspekteur Guderian jeden Monat produzieren lassen will.

Stattdessen rollt der sowjetische Vormarsch von Osten Richtung Berlin. Und er rollt auch massenhaft auf Fahrzeugen, mit denen die Vereinigten Staaten Russland versorgen. Allein 375 000 Militärlastwagen liefern die USA zwischen 1941 und 1945, dazu Zehntausende Jeeps, Lokomotiven, Eisenbahnwaggons, Flugzeuge und Panzer. Auch 15 Millionen Paar Stiefel gehen im Zuge eines Pacht- und Leihabkommens in den Osten. Als der Winter kommt, sind die deutschen Truppen nach mehr als fünf Jahren Krieg längst auf dem Rückzug. Und Hitler befiehlt, verbrannte Erde zu hinterlassen.

Mitte Januar 1945 gibt der Diktator sein westliches Hauptquartier in der Eifel auf und fährt nach Berlin. „Wir können untergehen“, sagt er seinem Luftwaffenadjutanten Nicolaus von Below, „aber wir werden eine Welt mitnehmen.“ Es ist seine letzte Reise, er wird die Stadt nie wieder verlassen. Als sein Ende und das des Nazi-Reiches näherrücken, sitzt er in der Enge des Führerbunkers tief unter dem Garten der Reichskanzlei. Die östliche Front steht da schon weit auf deutschem Gebiet. Binnen weniger Tage fliehen zwei Millionen Menschen aus Ostpreußen. Mitte Februar steht Dresden in Flammen, die letzte unversehrte deutsche Großstadt. Als die russischen Panzer im April an der Oder halten, sind es nur noch etwa 60 Kilometer bis Berlin.

Der Kampf um die Hauptstadt ist auch ein Kampf zweier sowjetischer Befehlshaber. Marschall Konjew und Marschall Schukow rücken mit ihren Truppen gegen die Metropole vor. Wer eine von Stalin gezogene Linie zuerst erreicht, der soll die Vier-Millionen-Stadt einnehmen dürfen.
Es ist Schukow, der schließlich das Feuer auf Berlin befiehlt. Es ist der 20. April, tief unter der Erde feiert Hitler einen gespenstischen 56. Geburtstag. Zehn Tage später nimmt er sich mit seiner gerade angetrauten Frau Eva Braun das Leben. Es riecht nach Pulverdampf und Bittermandeln in dem Bunkerraum, in dem sie sterben. Man findet die Toten auf einem geblümten Sofa sitzend, an Hitlers rechter Schläfe klafft ein münzgroßes Loch. Eva Brauns Pistole liegt unbenutzt vor ihr auf dem Tisch.

Zwei Tage später, am 2. Mai, ist Berlin besiegt. Nachmittags liegt plötzlich eine gewaltige Stille über der Stadt, heißt es später in Augenzeugenberichten. Dann schreien und jubeln die sowjetischen Soldaten.

Aber der Krieg ist noch nicht beendet. Hitler hat wenige Tage vor seinem Tod Karl Dönitz zu seinem Nachfolger als Staatsoberhaupt ernannt, und der Großadmiral hat sein Hauptquartier in Plön, weswegen die Kleinstadt in der holsteinischen Schweiz für einige Tage Sitz der Reichsregierung wird. Wenig später verlegt ihn Dönitz noch weiter nördlich in die Marineschule nach Flensburg-Mürwik.

Dorthin flüchten auch der SS-Führer Heinrich Himmler und die Militärs Alfred Jodl und Wilhelm Keitel. Ebenso Auschwitz Kommandant Rudolf Höß, der kurz vor der dänischen Grenze als Helfer auf einem Bauernhof unterzutauchen versucht. Er wird aufgespürt, später als Kriegsverbrecher verurteilt und in Auschwitz gehängt. Auch Teile des Volksgerichtshofs setzen sich nach Flensburg ab, nach Eutin und nach Bad Schwartau.

Hinrichtungen noch nach der Kapitulation

Dönitz sucht den Kontakt zum britischen Feldmarschall Montgomery in Lüneburg. Er will einen Waffenstillstand für Norddeutschland erreichen, wo nach einer Teilkapitulation ab dem 5. Mai tatsächlich auch die Waffen schweigen. In Mürwik aber schweigen sie nicht. Dort werden wegen Sabotage noch drei Marinesoldaten hingerichtet.

Während die Männer sterben, redet Himmler von Friedensverhandlungen mit den Westmächten. Er glaubt offenbar wirklich daran. Als Generaloberst Jodl aber am 7. Mai im französischen Reims die Kapitulation unterzeichnet, legt Himmler seine SS-Uniform ab, flieht nach Süden und beißt nach seiner Festnahme in Lüneburg auf eine Zyankali-Kapsel.

Die letzte Kapitulation ist die vom 11. Mai 1945 auf der Nordseeinsel Helgoland. Erst knapp zwei Wochen später aber endet der Spuk in Flensburg. So lange arbeitet die geschäftsführende Reichsregierung unter Dönitz weiter. Es wird noch ein Mann wegen „gefährlicher Hetze“ zum Tode verurteilt und erschossen, britische Truppen besetzen die Stadt, Nazi-Größen nehmen sich das Leben. Am 23. Mai werden schließlich die Reichsregierung sowie 420 hohe Offiziere und Beamte gefangen genommen. Es ist aus.

Vorbei aber ist es für die Menschen noch lange nicht.

Von Peter Intelmann

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