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Kücknitz Anwohner und Politiker verurteilen Brandanschlag
Thema K Kücknitz Anwohner und Politiker verurteilen Brandanschlag
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14:44 30.06.2015
Beamte der Spurensicherung stellen die Aufkleber mit fremdenfeindlichem Inhalt sicher, die unter anderem am Bauzaun angebracht waren. In der Solmitzstraße in Kücknitz baut die Grundstücksgesellschaft „Trave“ die Flüchtlingsunterkunft. Quelle: Fotos: Holger Kröger (3), Wolfgang Maxwitat
Kücknitz

Die Botschaft ist unmissverständlich: „No Asyl“ haben Unbekannte auf das Bauschild gekritzelt. Daneben, auf einem Laternenpfahl, prangt ein Aufkleber mit dem Schriftzug: „Asylantenheim? Nein Danke!“ Die Aufkleber werden vom NPD-Kreisverband in Lübeck/Ostholstein vertrieben.

In einem der acht im Bau befindlichen Holzhäuser in der Solmitzstraße, in denen insgesamt 42 Wohnungen für 120 Asylbewerber entstehen sollen, hat es gestern früh gebrannt. Die Polizei geht nach ersten Erkenntnissen von Brandstiftung aus — und einem fremdenfeindlichen Hintergrund.

Eine Nachbarin hatte am Montagmorgen gegen 4.12 Uhr einen Feuerschein an einem der neun Rohbauten entdeckt und daraufhin die Feuerwehr alarmiert. Die Feuerwehrleute hatten den Brand nach wenigen Minuten unter Kontrolle, es entstand ein Sachschaden von rund 1000 Euro. Das ist kein großer materieller Schaden, dennoch hat die Tat jetzt schon Spuren hinterlassen. Viele Anwohner sind schockiert.

„Ich kann das einfach nicht verstehen“, sagt eine Frau, die im angrenzenden Seniorenzentrum lebt, „es ist gut, dass Flüchtlinge hierherkommen können — wir könnten alle auch einmal in eine solche Notlage kommen.“ Ihren Namen möchte sie nicht öffentlich machen, „ich habe Angst vor den Menschen, die das Feuer gelegt haben.“ Eine andere Nachbarin steht auf ihrem Balkon und schaut auf die Baustelle, auch sie möchte ihren Namen nicht nennen. „Ich bin um sechs Uhr in der Früh aufgestanden, da war unten schon die Polizei vor Ort“, sagt die Seniorin. Auch sie ist über die Tat erschrocken.

„Ich bin während des Zweiten Weltkrieges aus Pommern nach Lübeck geflüchtet“, erzählt sie, „ich bin froh, dass ich eine neue Heimat gefunden habe, das sollten wir auch anderen Menschen möglich machen.“

In Lübeck leben derzeit fast 1000 Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften, Kücknitz hat davon 170 aufgenommen, soviel wie kein anderer Stadtteil. Bauherrin der neuen Unterkunft an der Solmitzstraße ist die Grundstücksgesellschaft „Trave“. Geschäftsführer Matthias Rasch: So etwas haben wir noch nie erlebt.“ Bei der Grundstücksgesellschaft seien keine Bekennerschreiben eingegangen.

Mehr lesen: Albig verurteilt Anschlag als feige und widerlich

Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) machte sich gestern Nachmittag zusammen mit der Kieler Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler ein Bild von dem Schaden. „Kritik, Skepsis und Vorbehalte sind selbstverständlich zulässig“, erklärt der Verwaltungschef, „Gewalt — auch gegen Sachen — ist es nicht.“ Einen Zusammenhang zwischen der Tat und der Entscheidung der Bürgerschaft gegen eine Erstaufnahmeeinrichtung im Bornkamp sieht er aber nicht. Die Bürgerschaft hat am Donnerstag mehrheitlich gegen eine große Erstaufnahme gestimmt.

Der Flüchtlingsbeauftragte des Landes, Stefan Schmidt, kommt zu einer anderen Einschätzung: „Ich sehe einen direkten Zusammenhang mit der Bornkamp-Debatte.“ Sehr kleine Minderheiten würden durch solche Debatten und Entscheidungen gestärkt. Er habe bereits am Freitag mit dem Ministerium gesprochen. Schon da habe er befürchtet, dass nach dem Bornkamp-Beschluss der Bürgerschaft „solche Leute aus dem Untergrund hervorkommen“. Das sieht die Arbeitsgemeinschaft Migration der Landes-SPD genauso. „Die Bürgerschaft hat in der Bornkamp-Frage versagt“, erklärt der Landesvorsitzende Christopher Schmidt. In einem solchen Klima würden „sich Kräfte berufen fühlen, Anschläge zu verüben“.

Die evangelische Pröpstin Petra Kallies fordert ein klares und hörbares Zeichen der Lübecker Bevölkerung, dass Flüchtlinge in der Stadt willkommen sind. Kallies: „Ich bin entsetzt.“

kad/jvz/dor

Flüchtlinge sind willkommen: Kücknitzer setzen ein Zeichen
Gestern Abend versammelten sich spontan 100 Einwohner des Stadtteils an der Solmitzstraße, auf ihren Bannern und selbstbemalten Bettlaken stand „Kücknitz begrüßt die Flüchtlinge“. Die Versammelten distanzierten sich damit von dem Brandanschlag auf das geplante Flüchtlingsheim. „Das war die Straftat eines Einzelnen“, sagte Georg Sewe, Vorsitzender des Gemeinnützigen Vereins Kücknitz (GMVK), „ Kücknitz ist ein fremdenfreundlicher Stadtteil, bisher wurden Flüchtlinge hier gut integriert, Kücknitz ist friedlich und tut alles, um den notleidenden Menschen zu helfen.“
Foto: Holger Kröger

Zusammen mit den Kücknitzer Parteien hatte der GMVK spontan zu der Zusammenkunft aufgerufen, auch von ihnen waren zahlreiche Vertreter anwesend, unter ihnen Innensenator Sven Schindler (SPD). Als besonderes Friedenssymbol ließen die versammelten Bürger vier weiße Tauben in den Himmel steigen — eine Kücknitzerin hatte die Vögel kurz zuvor spontan organisieren können. „Der Brandanschlag bestätigt mich noch einmal mehr, engagiert zu sein und neue Bewohner willkommen zu heißen“, sagte sie. Anschließend gingen die friedlichen Demonstranten auf das Gelände hinter der Baustelle, der NDR hatte dort eine Liveübertragung der Veranstaltung eingerichtet.

„Ich habe nie geglaubt, dass das passieren kann.“
Sozialsenator Sven Schindler (SPD): „Ich hoffe, dass dieses Ereignis nichts an der Bereitschaft der Lübecker ändert, Flüchtlinge unterzubringen.“



SPD-Fraktionschef Jan Lindenau: „Angesichts dieser Situation ist es umso wichtiger, dass Politik klar Position bezieht. Man kann keinen Stadtteil dafür verantwortlich machen.“



CDU-Fraktionschef Andreas Zander: „Das ist nicht hinnehmbar. Das ist die Tat von verblendeten Idioten. Das ist nicht Kücknitz. Ich sehe keinen Zusammenhang zu der Bornkamp-Debatte.
Wer das tut, muss schon viel Fantasie aufbringen.“



Thorsten Fürter, Fraktionschef der Grünen: „Wir sind schockiert von der Tat. Wir verurteilen die Tat aufs Schärfste. Es ist ein klares Zeichen aller Lübecker nötig, dass Fremdenhass bei uns keinen Platz hat und Flüchtende willkommen sind.“



Jan Puhle, SPD-Ortsverein Trave Nord: Kücknitz distanziert sich deutlich von der Tat. Die überwiegende Mehrheit in dem Stadtteil begegnet den Flüchtlingen mit offenen Armen.“



Oliver Prieur, CDU-Ortsverbandschef Kücknitz: „Das ist echt eine Sauerei, dass das jemand getan hat. Es ist eine Katastrophe. Ich habe nie geglaubt, dass so etwas in diesem Stadtteil passieren kann.“



Georg Sewe, Chef des Gemeinnützigen Vereins Kücknitz: „Das ist eher als Tat eines Einzelnen zu werten, der sich nicht mitgenommen fühlt. In Kücknitz gibt es eine hohe Bereitschaft, sich mit der Flüchtlingssituation auseinanderzusetzen.“



Kücknitzerin Helga Lietzke, Vorsitzende der Frauen- und Sozialverbände: „Ich bin entsetzt. Die ganze Bornkamp-Debatte war dem Flüchtlingsthema nicht zuträglich. Wir müssen aufpassen, dass wir keinen Neid schüren, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht.“



Katjana Zunft, Kreischefin der Linken: „Es gilt, klar Farbe zu bekennen: Wir wollen Lübeck bunt statt braun! Menschen in existenzieller Not Hilfe zu leisten, ist ein humanitäres Gebot.“



Gregor Voht, Kreisvize Freie Wähler: „Alle demokratischen Parteien sind gefragt zu verhindern, dass eine solche Einzeltat zu einem grundsätzlichen Fremdenfeindlichkeits-Problem in Lübeck wird.“



Philip Brozio, Kreischef der Lübecker Jusos: „Wir verurteilen diesen rassistischen und feigen Anschlag.“



Jan-Marco Höppner, Juso-Vorsitzender Kreis Ostholstein: „Wenn man sieht, wie viele Bürger in Lübeck gegen Pegida oder Nazi-Aufmärsche demonstriert haben, ist diese Entwicklung unfassbar.“ jvz/dor

kad

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