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Nordische Filmtage 2017 „Das Festival genießt einen hohen Stellenwert in der Branche“
Thema N Nordische Filmtage 2017 „Das Festival genießt einen hohen Stellenwert in der Branche“
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20:24 18.10.2013
Zwei fürs Festival: Christian Modersbach (42) und Linde Fröhlich (59). Während des Interviews dröhnt lauter Baulärm ins Büro. Quelle: Maxwitat

Lübecker Nachrichten: Eigentlich starten die Nordischen Filmtage an einem Sonntag, an dem man früh morgens in der Kälte Schlange steht und Karten kauft. Zum ersten Mal geht es schon am Sonnabend um 15 Uhr los — warum?

Christian Modersbach: Wir wollen die Leute ausschlafen lassen, ihnen die Möglichkeit geben, einen Tag länger Karten zu kaufen. Außerdem gibt es diesmal mehr Zeit, sich vorzubereiten, denn die LN-Beilage zu den Nordischen Filmtagen erscheint früher — schon morgen.

LN: Was sind die drei Dinge, die jeder für den Kartenvorkauf braucht?

Modersbach: Man braucht Geld, man muss wissen, welche Filme man sehen will. Und man geht am besten mit Freunden zum Kartenkauf — und kann sich in der Schlange unterhalten.

LN: Wie viele Leute aus der Filmbranche werden erwartet?

Modersbach: Mit Akkreditierten, eingeladenen Gästen und Pressevertretern werden etwa 750 Leute erwartet. Dazu kommen die normalen Besucher. Insgesamt hatten wir im letzten Jahr mehr als 26 000 verkaufte Karten.

LN: Beschreiben Sie einmal den typischen Festivalbesucher.

Modersbach: Er interessiert sich für Skandinavien, hat keine Angst vor Tabus, kennt sich mit Familiendramen und psychologischen Abseiten aus . . .

Linde Fröhlich: . . . und hat einen Sinn für ungewöhnlichen, skurrilen, schwarzen Humor.

LN: Es ist ja nicht immer ganz einfach mit den Untertiteln der Filme. Haben Sie einen Tipp, wie man sich dafür präparieren kann?

Modersbach: Wir veröffentlichen einen Katalog mit 200 Seiten Information zu den Filmtagen. Sonstige Infos zu den Filmen und Events während der Filmtage gibt es auch bei uns auf der Webseite. Man hat zehn Tage Zeit, sich vorab mit dem Festival zu beschäftigen.

LN: Wie viele der Filme kommen später in die großen Kinos?

Modersbach: Manche werden im Kino ausgewertet, manche im Fernsehen, manche auf DVD. Ich würde sagen, es sind 30 bis 35 Prozent.

LN: Wie kommt das Festival in Skandinavien an?

Fröhlich: Sehr gut. Die Filmbranche aus Skandinavien trifft sich in Lübeck auf neutralem Boden. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass ein norwegischer Film in Finnland gezeigt wird und umgekehrt.

Modersbach: Deutschland ist ein interessanter Markt für den skandinavischen Film — und Lübeck genießt einen hohen Stellenwert. In dieser konzentrierten Form gibt es solch ein Festival in ganz Europa nicht.

LN: Fällt auf das Festival auch ein wenig Glanz?

Modersbach: Wenn ein Film in Lübeck einen Preis gewinnt, wird das in der Branche wahrgenommen. Denn die Nordischen Filmtage stehen für den skandinavischen Film.

Fröhlich: Und für deutsche Kinoverleiher ist es interessant, Filme mit deutschem Publikum zu sehen — um die Reaktionen zu testen.

LN: 160 Filme an fünf Tagen. Das ist viel, sollte das Festival länger sein?

Modersbach: Ich denke nicht. Wir decken den jährlichen Produktions-Output der nordischen Länder gut ab. Wir wollen ja nicht eine Messe werden für alles, was jemals in Skandinavien produziert wurde. Wir sind ein Festival mit Qualitätskriterien, und dazu gehört einfach auch das Auswählen von Filmen.

Fröhlich: Außerdem ist ein kurzer Zeitraum für die Regisseure, Produzenten — aber auch für das Publikum — von Vorteil. Denn dann sind alle zur gleichen Zeit da.

LN: Zu den Finanzen: Sie haben einen Etat von 690 000 Euro. 380 000 Euro davon geben Stadt, Land und EU. Den großen Rest bringen Sponsoren, Spender und der Förderkreis auf.

Wie machen Sie das?

Modersbach: Das Festival gibt es bereits sehr lange. Man hat durch langjährige Arbeit Sponsoren gewinnen können und muss nicht so viel kämpfen wie für ein neues Projekt. Und durch die Stiftungen gibt es glücklicherweise eine besondere Situation in Lübeck. Das Festival ist wie jede Kulturveranstaltung ein soziales Event. Es geht nicht allein darum, bunte Bilder zu gucken, sondern sich zu begegnen und inspirieren zu lassen.

LN: Doch Lübeck ist keine Hochburg der Filmbranche . . .

Fröhlich: Die Nordischen Filmtage sind aber ein unheimlich guter Werbefaktor. Es ist bemerkenswert, dass die begehrtesten Filmfestivals immer in Orten stattfinden, in denen keine Filmproduktionen ansässig sind. Wie Cannes und Venedig.

LN: Auf dem Festival haben Sie Moderatoren, die sehr fachkundig Regisseure interviewen. Kommen die von einer Filmhochschule?

Fröhlich: Nein, das sind einfach filmbegeisterte Menschen, die die skandinavischen Sprachen sprechen. Sie kommen aus Lübeck, Kiel, Bremen. Einer lebt in Frankfurt, ist Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

LN: Welches ist Ihr Film-Favorit?

Modersbach: Der Nordwesten, ein Spielfilm, der im Wettbewerb läuft.

LN: Gibt es etwas, was man auf keinen Fall verpassen darf?

Modersbach: Den Beschwerdechor am 31. Oktober um 20 Uhr. Ein Projekt, das wir das erste Mal machen und von dem wir gar nicht wissen, was dabei herauskommt. Das finde ich wahnsinnig spannend. Die Tradition kommt aus Finnland, auf dem Festival gibt es dazu den Dokumentarfilm „Beschwerdechor“.

LN: Der Chor nörgelt nach Noten. Welches Thema hätten Sie gern beigesteuert?

Modersbach: Dass es zu wenig Liebe auf der Welt gibt.

Fröhlich: Und dass Bauarbeiten entsetzlich lange dauern.

Interview: Josephine v. Zastrow

Beide aus Salzgitter
Zum 13. Mal ist Linde Fröhlich (59) künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage. Allerdings begleitet sie das Festival schon seit 1979. Die Sozialwissenschaftlerin arbeitet hauptamtlich für die Filmtage und kommt ursprünglich aus Salzgitter. Das ist auch die Heimatstadt von Christian Modersbach (42). Er hat Psychologie studiert — und wenn er nicht für die Filmtage als Festivalmanager tätig ist, macht er Kulturarbeit in Berlin.

• Alles zu den Nordischen Filmtagen unter www.ln-online.de/filmtage

LN

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