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„Steht das in mein Gesicht geschrieben?“

Lübeck „Steht das in mein Gesicht geschrieben?“

Andreas Schmidt ist der schräge Vogel des deutschen Films, der Außenseiter, zäh und zart. In „Banklady“, einer norddeutschen Gangstergeschichte nach realem Vorbild, geht er auf Raubzug.

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Im Aufbruch: Andreas Schmidt wird am 23. November 50 Jahre alt — das richtige Alter, „um neue Dinge auszuprobieren“.

Quelle: Getty

Lübeck. Lübecker Nachrichten: Gisela Werler war die erste Bankräuberin der Bundesrepublik . . .

Andreas Schmidt: . . . sicher?

LN: Wissen Sie von einer anderen?

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Vor Gericht: Gisela Werler mit ihrem Verteidiger während des Prozesses 1968 in Kiel.

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Schmidt: Es gibt da gewisse Gerüchte in meiner Familie . . . (lacht)

LN: Oha! Bleiben wir bei Gisela Werler, die Mitte der 60er Jahre hier im Norden 19 Banken überfallen und mit ihren Verkleidungen und mit ausgesuchter Höflichkeit beeindruckt hat . . .

Schmidt: . . . ja, aber ich glaube, dass sie nicht unbedingt wegen ihrer Maskerade und Höflichkeit Eindruck gemacht hat, sondern eher wegen ihres Sexappeals. Und durch ihr Ausbrechen aus gesellschaftlichen Regeln und Gegebenheiten. Das hat die Leute so fasziniert an dieser Figur.

LN: Sie hat diese Raubzüge gemeinsam mit ihrem Geliebten Hermann Wittorff unternommen. Waren diese beiden eine Art deutsches „Bonnie & Clyde“-Gespann?

Schmidt: Sie waren Outlaws, die man auch ein wenig als Idole gesehen hat. Bald danach kamen der Rock‘n‘Roll und vieles mehr, das dieses gesellschaftliche Gefängnis, das ja sehr christlich geprägt war, aufgebrochen hat. Diese beiden waren so etwas wie Vorreiter, deshalb haben sie eine so enorme Öffentlichkeit gehabt und einen solchen Widerhall in der Gesellschaft.

LN: War Gisela Werler die hörige Geliebte, als die sie sich später im Prozess dargestellt hat?

Schmidt: Der Film blickt natürlich stark auf die Romanze, und es war ja auch eine große Liebesgeschichte zwischen diesen beiden, die sich zwar nicht gesucht, aber gefunden haben. Dass sie später im Gefängnis geheiratet haben und den Rest ihres Lebens zusammen waren, ist schon unglaublich romantisch. Vielleicht ist das alles in der Realität ein bisschen hässlicher gewesen, ein bisschen schmutziger. Vielleicht hat es nicht so gut gerochen.

LN: Nadeshda Brennicke, die im Film Gisela Werler spielt, hat den Stoff fürs Kino entdeckt?

Schmidt: Ja, ich kannte die Geschichte vorher gar nicht und bin beinahe aus den Socken gekippt, als sie an mich herangetragen wurde. Die Arbeit, die Nadeshda da geleistet hat, finde ich mutig, toll und aufregend. Sie hat den Stoff entdeckt und dafür gekämpft.

LN: Sie spielen Uwe, den Dritten im Bund. Was ist das für ein Typ?

Schmidt: Uwe ist sehr ordentlich, sehr kleinbürgerlich und sehr eng in seiner Denke, hat aber trotzdem eine große Faszination für das Außergewöhnliche. Er teilt diese Sehnsucht, ist aber so verhaftet in der Gesellschaft, dass er es nicht wirklich wagt, da herauszutreten.

LN: Immerhin ist er mit auf Raubzug gegangen.

Schmidt: Ja, aber wenn er dann wirklich eine Bank überfallen sollte, hat er zehn Meter vorm Eingang kehrt gemacht. Zumindest ist er das Fluchtauto gefahren, das ist, glaube ich, ganz bezeichnend! Ich habe versucht, diese Figur sehr ernst zu nehmen, denn das ist ja doch das, was uns im Alltag am meisten begegnet: Man möchte auch raus aus dem Alltag, man möchte raus aus den Regeln, die einen umgeben und manchmal auch gefangen halten.

LN: Wie haben Sie sich dieser Zeit genähert? Konnten Sie an eigene Erinnerungen anknüpfen?

Schmidt: Ich bin 1963 geboren — da war ich noch sehr jung, da war noch wenig mit Rock‘n‘Roll bei mir, eher die Milchflasche. Die erste Zeit meiner Kindheit habe ich auf dem Land im Sauerland verbracht, und da habe ich das Enge sehr deutlich gespürt. Wie jeder immer drauf guckt, was die anderen sagen, und ob man sonntags zur Kirche geht . . . Dann kamen die 70er, und das war auch die Zeit, wo wir nach Berlin gezogen sind.

LN: Ein ziemlicher Tapetenwechsel! Hatten Sie eine wilde Jugend in Berlin?

Schmidt: Meine erste Demo habe ich mit 16, 17 auf dem Ku‘damm mitbekommen, das war für mich ein richtiger Schock! Die Werte, die meine Eltern mir vermittelt haben, fand ich eigentlich immer richtig. Ehrlich zu sein. Nicht zu stehlen. Keine Bierflasche in irgendein Fenster zu schmeißen. Aber ich habe mich oft von einer engen bürgerlichen Denke gefangen gefühlt. Dem lief ich oft entgegen.

LN: Über Gisela Werler hat der Regisseur, Christian Alvart, gesagt, sie habe in ihren Maskeraden Rollen gelebt, die ihr im täglichen Leben verschlossen waren. Liegt im Rollenwechsel auch eine Motivation Ihrer Berufswahl?

Schmidt: Unbedingt. Gefühlsausbrüche von Leidenschaft, Wut und Hass, die einem im normalen Leben verboten sind, werden auf einmal möglich in diesem Beruf. Der kam zu mir angeflogen auf der Oberschule, und ich dachte: Wow, das kann man alles machen! Und man wird dafür auch noch bewundert.

LN: Hegen Sie eine gewisse Sympathie für die Outlaws?

Schmidt: Verständnis, nicht unbedingt Sympathie. Ich versuche zu entdecken: Woher kommt diese Wut? Woher die Frustration? Woher kommt die Lust, sich anders zu verhalten? Wenn man einen Mörder spielt, sollte das Publikum eine Ahnung davon bekommen, woher diese Extreme rühren.

LN: Sie spielen sehr oft schräge Vögel. Reizen solche Rollen Sie nach wie vor?

Schmidt: Es ist psychologisch natürlich aufregend, in solche Abgründe einzutauchen, aber wenn man immer wieder Charaktere spielt, die so weit außerhalb stehen, fragt man sich irgendwann auch:

Moment mal — steht das in mein Gesicht geschrieben?

LN: Sie machen auch viel Theaterarbeit. Was liegt Ihnen mehr am Herzen, Bildschirm oder Bühne?

Schmidt: Ich arbeite mit Theatern in Berlin zusammen und versuche, einmal im Jahr eine Inszenierung zu machen. Ich schreibe aber auch eigene Stücke, und ich möchte auf keines dieser drei Standbeine jemals verzichten. Als Regisseur ist man eher der Vater einer Arbeit, als Schauspieler wie das Kind, und als Autor hat man alle Fäden in der Hand, auch den Vater.

LN: Was verursacht Ihnen größeres Lampenfieber, ein Drehbeginn oder eine Theaterpremiere?

Schmidt: Das nimmt sich nichts. Ich glaube auch nicht, dass das Lampenfieber mit dem Alter weniger wird. Man weiß vielleicht ein bisschen besser damit umzugehen, aber es kann einen jeden Moment ganz kalt erwischen.

LN: Sie werden am 23. November 50. Ihren Vierzigsten bezeichneten Sie als eine ganz besondere Marke. Wie fühlt sich der Fünfzigste an?

Schmidt: Wieder eine ganz besondere Marke. Mit vierzig hatte ich das Gefühl, dass sich alles fügte. Jetzt jedoch spüre ich gerade eine neue Sehnsucht, vielleicht eine Art beginnenden Altersschwachsinn. Ich möchte noch mal Zeug anstellen, mit dem man eigentlich nicht rechnet. Neue Dinge ausprobieren, mich testen, andere testen und auf eine Reise mitnehmen . . .

LN: Klingt nach konkreten Ideen?

Schmidt: Ja, aber darüber möchte ich noch nicht sprechen, sonst gehen die nicht in Erfüllung!

Interview: Regine Ley

Andreas Schmidt
Der Mann ist unverwechselbar, dünner Schlacks, schmales Gesicht auf langem Hals, abonniert auf die zwiespältigen Charaktere wie das kleingeistige Großmaul Gurki, Bandleader einer Tanzkapelle, in „Fleisch ist mein Gemüse“. 2009 wurde Andreas Schmidt dafür mit dem Deutschen Filmpreis für die „Beste Nebenrolle“ ausgezeichnet.


Das Theater war lange Zeit nach Philosophie- und Germanistikstudium und Schauspielausbildung sein Standbein; heute inszeniert er Theaterstücke, schreibt Drehbücher und spielte in gut 100 Kino- und TV-Filmen.


Mit seiner Frau und seinem 6-jährigen Sohn lebt Andreas Schmidt in Berlin.

LN

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