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Olympia 2024 Wie sich Kiel die 72er Spiele angelte
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14:50 07.04.2015
Eröffnung der Segelwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele 1972 in München am Austragungsort Kiel. Quelle: dpa
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Lübeck

28. August 1972, IOC-Präsident Avery Brundage eröffnet die olympischen Segelwettbewerbe in Schilksee. Kiels Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer war damals gerade ein paar Monate alt. „Doch wenn die älteren Ratsmitglieder davon erzählen, haben sie oft 'Pipi in den Augen'. Die Erinnerung daran ist in Kiel noch sehr präsent.“

Und sichtbar: Die Segel-Spiele, sie waren für die Landeshauptstadt ein Konjunkturprogramm. Bonn bezahlte die Autobahn-Abzweigung nach Kiel, die Schnellstraße über den Nordostsee-Kanal. Mit Bundeshilfe wurde auch der 62,6 Millionen Mark teure Yachthafen mit Olympia-Dorf bezahlt. „Da ist auch der Rathausplatz gepflastert und das Opernhaus zu Ende und der ZOB gebaut worden“, weiß Kämpfer. 500 Millionen Mark, „das kann man ja mal in heutige Preise umsetzen“, seien damals in die Kieler Infrastruktur geflossen.

Sehr zum Ärger der Lübecker. Denn am „olympischen Friedensfeuer hatte sich ein Kleinkrieg entzündet“, wie „Der Spiegel“ damals schrieb. Denn nachdem sich Kiel bereits einen neuen Hafen gegönnt und selbstbewusst Olympiahafen getauft hatte, warf nach dem 72er Olympia-Zuschlag für München (26. April 1966) auch Lübeck-Travemünde seinen Hut in den Ring. „Aus der Kieler Alleinfahrt wurde ein harter Bord-an-Bord-Wettkampf“ (Spiegel).

Die Vorteile lagen in Lübeck: Travemünde verfügte über einen Hafen, war Leistungszentrum des Seglerverbandes, hatte erstklassige Hotels, ein komfortables Kurhaus als gesellschaftlichen Hafen. „Hier können wir ja morgen starten“, staunte damals Beppe Croce, Vizepräsident des Weltverbandes, „in Schilksee muss alles außer dem Hafen gebaut werden.“ Olympiasieger Willi Kuhweide, in Kiel liiert und zum Karnevalsprinzen ernannt, sprach sich klar für Kiel aus.

Nur: Der Verband wollte keinen durch eine klare Empfehlung kränken. Deshalb wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, das beide Reviere vergleichen sollte. Das Ergebnis: Vorteil Travemünde. Da auch der Weltverband erklärte, dass es unüblich sei, Olympia-Regatten zweimal am selben Ort zu veranstalten (Kiel 1936), sprach alles für Travemünde.

Denkste! Kieler-Yacht-Club- Chef Rüdel, sein Klubkamerad Konteradmiral a.D. Rösing und Marinechef Zenker schickten, laut „Spiegel“, einen vom Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Karl Carstens, unterschriebenen „Top-secret“-Brief an NOK-Chef Willi Daume. In dem erklärten sie, dass die Olympia-Regatten nur mit Hilfe der Bundesmarine möglich seien und in Travemünde an der Zonengrenze Zwischenfälle drohten. Dass die Marine schon seit Jahren während der Travemünder Woche im Einsatz war, es bis dato kaum Zwischenfälle gab, ließen sie weg.

Der „Brief-Torpedo“ zeigte Wirkung. Da zudem der Krupp-Bevollmächtigte, Berthold Beitz, für Kiel seine Fäden zog, lief Lübeck im Olympia-Rennen auf Grund. Am 18. März 1967 erhielt Kiel den Zuschlag aus München — und Schilksee den langgestreckten Betonbau mit Bootshallen, Postamt, Restaurants, Läden, 400 Appartements plus zwei Hochhäuser, Hotel und Siedlung mit Schwimmhalle.

48 Jahre danach kommt es wieder zum Olympia-Duell Kiel kontra Lübeck. Diesmal geht es, mit Rostock-Warnemünde als drittem Bewerber, um das Revier für Hamburg 2024. Fast eine 1966er Blaupause: In Travemünde ist vieles bis 2020 schon da — Priwall-Waterfront dann als Dorf, Top-Hotels und Bahnanbindung sowieso. In Kiel, das auf sein sportliches Plus (Kieler Woche, Olympiastützpunkt) zählt, müssten wieder Millionen investiert werden. Travemünde ist zudem dichter an Hamburg, nicht nur in Kilometern.

Ende April fällt die Kommission die Entscheidung. An ein Ränke-Revival glaubt Oliver Groth, rechte Hand von Lübecks Chef Bernd Saxe, nicht: „Beide Bürgermeister haben sich dem Fairplay verpflichtet, sind Sportsleute. Außerdem entscheidet es ohnehin die Kommission — und da haben wir keine Zweifel an deren Neutralität.“

Jens Kürbis

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