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Palmarum Als die Altstadt im Feuersturm versank
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Als 16-jähriger Konfirmand rettete der spätere Internist Harro Tilse am frühen Palmsonntag die Aegidienkirche. Er organisierte eine Löschkette, die das Feuer im Dachstuhl eindämmte.
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Viele Lübecker träumten 1942 von einem fröhlichen Palmsonntag mit Konfirmationsfeiern in allen Lübecker Kirchen. Doch der Krieg hat seine eigenen Gesetze; und die kennen nur den Albtraum. Coventry erlebte ihn am 14. November 1940. Nun traf Lübeck der Gegenschlag, und einen Monat später brachte die deutsche Luftwaffe das Unheil über die militärisch unbedeutenden, aber ebenso wie Lübeck historisch kostbaren englischen Städte Exeter, Bath, Norwich und York. Der Irrsinn hatte Methode.

Die Nacht zum 29. März 1942 war frostig kalt und sternenklar in Lübeck. Der Vollmond spiegelte sich in Trave und Wakenitz. Die Hansestadt lag für die britischen Bomberbesatzungen auf dem Präsentierteller. Die 234 englischen Kampfflugzeuge kamen in drei Wellen aus Richtung Neustadt: 23.18 bis 23.35 Uhr; 23.40 bis 0.45 Uhr und 1 Uhr bis 2.58 Uhr. Vor allem die neu entwickelten Kautschuk- Benzol-Brandbomben entfachten in Lübecks Altstadt einen Feuersturm. Die Brandbomben fielen in die Dachstühle der Häuser, die zuvor von Sprengbomben abgedeckt worden waren.

In St. Marien, St. Petri und im Dom wüteten die Brände.Das Bombardement hinterließ eine 300 Meter breite Schneise zwischen Dom und Marienkirche. Hart getroffen wurden auch das Altstadtviertel am Balauerfohr und St. Lorenz westlich des Holstentors. Mehr als 320 Menschen kamen beim Bombenangriff ums Leben, fast 800 wurden verletzt. Weit mehr als 15 000 Lübecker wurden ausgebombt, 1468 Gebäude dem Erdboden gleich gemacht, 11 000 Häuser beschädigt.

Am Morgen des Palmsonntags ragte St. Jakobi völlig unbeschadet aus einer entsetzlichen Trümmerwüste. Dem Gotteshaus fehlte nichts. Schicksal. Fügung. Zufall. Was auch immer. Die Menschen konnten es kaum fassen. Undwaswar mit St. Aegidien geschehen? Die Handwerkerkirche blieb in ihrer Jahrhunderte alten Ursprünglichkeit erhalten, weil ein 16-jähriger Junge sich „ein Herz nahm“.

Harro Tilse hatte sich auf seine Konfirmation am Palmsonntag gefreut. Als er am frühen Sonntagmorgen vom elterlichen Haus in der Weberkoppel die brennende Altstadt sah, rannte er zur Aegidienkirche. „Ich wollte wissen, ob die Kirche noch steht“, erzählt der 86-jährige Mediziner 70 Jahre später seine Geschichte. St Aegidien hatte die farbigen Fenster und einen großen Teil der Dacheindeckung durch die Druckwelle einer Sprengbombe verloren.

Aber ansonsten war die Kirche intakt. Aber Harro Tilse blickte genau hin und sah Rauch aus dem Südergiebel aufsteigen. Sofort alarmierte er Pastor und Küster. Doch die Feuerwehr, die wenig später einen Schlauch bis in 45 Meter Höhe zum Brandherd legte, konnte das Feuer nicht löschen. Tilse: „Der Wasserdruck reichte nicht.“ Der 16-jährige Konfirmand rannte zum Krähenteich, um Löschwasser zu holen.

Dort traf er auf 20 Hitler-Jungen. „Ihr müsst helfen“, rief er und bildete eine Lösch-Kette vom Krähenteich zur Kirche; es war 7.30 Uhr, und der Brand dank des beherzten Einsatzes recht schnell unter Kontrolle. „Eine halbe Stunde später, und die Kirche wäre in Flammen aufgegangen“, erinnert sich Tilse.

Und er kann auch nicht vergessen, was er sah, als er von St. Aegidien aus durch die Dachsparren zum Domblickte, von dem er am frühen Morgen beim Vorbeilaufen noch geglaubt hatte, er sei nicht zerstört worden: „Um 9 Uhr sah ich wie der erste Domturm, um 11.30 Uhr wie der zweite Turm einstürzte.“ Ein Schicksal, das seinerKirche erspart blieb. 14 Tage später wurde Harro Tilse von Pastor Karl Richter konfirmiert – in St. Aegidien.

Die Bilder von den brennenden Lübecker Kirchen sind unauslöschlich. Uve Ohlberg war sechs Jahre alt, als er am Palmsonntag von der Krähenstraße aus sah, wie die Dom-Türme in Flammen aufgingen: „Während wir dort standen, kam aus dem scheinbar noch intakten zweiten Turmhelm des Domes eine zunächst kleine Rauchwolke, die sich aber schnell entwickelte, so dass nach kurzer Zeit der Helm lichterloh brannte.“

Auch für Heinrich Wiechell ist dies das am „intensivsten eingebrannte Erinnerungsbruchstück“ eines damals Vierjährigen: „Die brennenden Domtürme – der eine schon ein Stumpf, lodernd wie eine Fackel, dann der zweite Turmhelm, in einer Qualmwolke sich neigend und in Teilen in sich zusammenstürzend.“

Die Tragödie Lübecks wird am Palmsonntag auch gut 65 Kilometer östlich in Mecklenburg sichtbar. Wolfgang Martens war damals in Rerik. „Wir hatten schon am frühen Morgen einen strahlend blauen Himmel. Doch am Mittag, gegen 12.30 Uhr, schiebt sich, von Südwesten kommend, eine dicke schwarze Wolke vor die Sonne. Es wird dunkel, und es regnet schwarze Asche vom Himmel. Es war die Aschewolke aus Lübeck.“

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