Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Die Flucht vor dem Inferno

Folge 3 Die Flucht vor dem Inferno

Die schreckliche Nacht zum 29. März 1942 hat ihr Leben geprägt: Fünf Lübecker Zeitzeugen erzählen, wie sie den Bombenangriff auf Lübeck erlebten. Sie kamen mit dem Leben davon, verloren aber ihre Kindheit.

Voriger Artikel
Bomben auf alte Städte
Nächster Artikel
„Gott sprach mit mächtiger Stimme“

Die Erinnerung an die Bombennacht hält Georg Fehsenfeld (83) auch nach 70 Jahren gefangen.

„Wir waren starr vor Schreck.“ So als wäre es gestern gewesen, erzählt Sylvia Tessenow von der Nacht zum Palmensonntag vor 70 Jahren – mit beklemmender Präzision. Nichts hat sie vergessen, gar nichts. 16 Jahre alt war Sylvia Tessenow als Lübeck zum Ziel britischer Bomber wurde. Der kaufmännische Lehrling im Pelzgeschäft Haase war mitten in der Hölle.Ihr Elternhaus stand in der Ziegelstraße, doch die 16-jährige Sylvia hatte damals die Pflicht, im Pelzhaus Haase Nachtwache zu halten, die kostbaren Pelze zu beschützen – gemeinsam mit der 18-jährigen Anna Rehfeldt und der 17-jährigen Inge Weitendorf.

Die jungen Frauen mussten in dem Geschäftshaus, das zwischen Pfaffenstraße und Mengstraße stand, übernachten. Es war 22 Uhr und Langeweile herrschte. „Ich will im Café Opera schwofen“, sagte Anna. „Du darfst nicht weg, bleib hier“, mahnten die beiden anderen. Doch Anna ging und kam nie wieder.Gut eine Stunde später herrschte Chaos in Lübecks Altstadt; die Bomben fielen, das Café Opera ging in Flammen auf. „Anna ist verbrannt“, erzählt Sylvia Tessenow. Und sie berichtet, wie sie gegen halb Zwölf in letzter Sekunde mit ihrer Freundin Inge aus dem Pelzhaus floh, ohne Pelze natürlich und nur mit Nachthemden bekleidet. „Die Flugzeuge kamen so tief, dass wir die Gesichter der Piloten sehen konnten“, berichtet die 86-Jährige und spricht vom Glück, „dass wir sofort aus dem Haus raus sind“. Sekunden später wurde das Gebäude voll getroffen. Die sieben Lehrlinge, die im benachbarten Kaufhaus Gutsmann Nachtwache hielten, hatten dieses Glück nicht. Sie kamen alle um. „Die übernachteten direkt neben uns, auch meine Freundin Ilse. Es war so furchtbar.“

Stundenlang irrten Sylvia und Inge durch die Altstadt. „Wir rannten hin und her und überall stürzten die Häuser ein“, berichtet die 86-Jährige: „Noch heute bekomme ich das kalte Grausen.“ Sie habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Türme der Marienkirche zusammenbrachen: „Wenn ich heute in St. Marien stehe, habe ich eine Gänsehaut.“Selbst in so einer fürchterlichen Nacht gibt es für das Glück eine Uhrzeit: Um 6 Uhr morgens fiel die 16-jährige Sylvia ihren Eltern auf der Marienbrücke in die Arme, die ihr Kind verzweifelt gesucht und das Schlimmste befürchtet hatten. Und dann kam der Nachmittag des Palmsonntags, und der Lehrherr der 16-Jährigen stand als leibhaftiger Vorwurf in der elterlichen Wohnung. Warum sie die Pelze nicht gerettet habe, herrschte er sie an. Sylvia Tessenow: „Mein Vater hat ihn rausgeschmissen.“

Als die Bomben fielen, war Georg Fehsenfeld 13 Jahre alt. „Es regnete Bomben“, erzählt der 83-Jährige: „Das Brandchaos war unvorstellbar.“ Den Funkenflug vergleicht er mit einem „glühenden Schneesturm“. Vom elterlichen Haus in der Holstenstraße 25 beobachtete Georg Fehsenfeld gemeinsam mit seinem Vater das Bombardement; und der Vater hatte die Ruhe weg. Doch irgendwann sagte er: „Junge, es wird Zeit.“ Sie flohen in den Keller des Hauses, der nur vom Kolk aus zugänglich war. „Der Keller war schon brechend voll mit Menschen und die Luft wurde immer knapper. Ich lag auf dem Boden und japste“, beschreibt der 83-Jährige die Pein. Raus aus dem Keller kam stundenlang keiner: Der halbe Turm von St. Petri hatte den Zugang verschüttet. Georg Fehsenfeld weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat: „Irgendjemand hat uns freigeschaufelt. Als ich draußen war, bin ich so schnell wie es ging zum Holstentor gelaufen; links und rechts brannte alles.“ Er war nicht der einzige, der Unterschlupf im Holstentor suchte. Georg Fehsenfeld: „Da rannte Gott und die liebe Welt hin.“ 70 Jahre nach dem Bombenangriff nimmt die Erinnerung Georg Fehsenfeld immer noch gefangen: „Wenn Silvester die Raketen hochsteigen, werde ich an meine schlechteste Zeit erinnert.“

Günter Stave hatte am Sonnabend vor Palmarum 1942 eine Tanzkunstveranstaltung im Theater in der Beckergrube besucht. Er weiß noch wie heute, wie er auf dem Heimweg vor St. Marien verweilte und gegen 22 Uhr das Glockenspiel genoss: „Es war eine so friedliche Stimmung.“ Er ging damals „ganz bewusst“ durch die Stadt und schaute sich die Fassaden an. Als er das Elternhaus in der Waisenhofstraße erreichte, brach nur wenig später das Inferno los. „Es war unfassbar“, beschreibt er den Flächenangriff. Günter Stave spricht von einem Feuersturm, der eine Todesschneise schlug, und dieser Sturm brachte die Kirchenglocken zum Läuten, bis sie abstürzten und schwiegen.

In der Bombennacht war die damals zwölfjährige Eva Gardner auf sich allein gestellt. Die Eltern feierten den Geburtstag des Großvaters, sie musste im Elternhaus in der Possehlsiedlung auf ihre jüngeren Geschwister Ilse (8) und Joachim (4) aufpassen. „Unser Haus hat gewackelt, wir haben uns an den Bettpfosten festgehalten.“ Wegen der strikten Verdunkelung sahen die Kinder die Hand vor Augen nicht im Schlafzimmer, hörten nur die Bombeneinschläge. „Was da geschah, habe ich nicht begriffen“, sagt die 82-Jährige. Als ihre Geschwister bitterlich zu Weinen begannen, „habe ich sie zu mir ins Bett geholt“. Vier Stunden lang erzählte die Zwölfjährige Märchen: Schneewittchen und Rotkäppchen in einem nicht enden wollenden Lesefluss, bis die Bomben endlich schwiegen.1949 ging Eva Gardner als Hausmädchen nach England, weil sie in Lübeck keine Arbeit fand, heiratete dort, bekam eine Tochter: „Ich habe meine schönsten Jahre in England verbracht.“ Nach sieben Jahren kehrte sie nach Lübeck zurück, aber ihre Freunde und Anverwandten in England besucht sie noch heute regelmäßig.

„Die Treppe noch gerade runter“ kam Ewald Petersen. Der damals 16-Jährige schlief unterm Dach, als die Brandbomben quasi neben sein Bett knallten: „Ich konnte nur mein nacktes Leben retten. Als ich in der Beckergrube stand, brannte das Haus schon lichterloh.“ Auch seine Eltern und seine zwölfjährige Schwester entkamen dem Feuer. Die Familie lief panisch durch die Gassen, rannte durch die Backstube von Bäcker Biemann in der Kupferschmiedestraße, flüchtete ins Theater und dann wieder aus dem Theater, als in der Fischergrube auf der Theaterrückseite eine Bombe einschlug und Gasgeruch in der Luft lag. Nachts um drei Uhr erreichten die Petersens unverletzt das Haus der Großeltern in der Glockengießerstraße.Wenn er an die Bombennacht denkt, dann verbindet der 86-Jährige das Erlebte mit einem einzigen Gefühl: „Angst“. Und er hört noch heute die „Schreie von Mutter und Schwester“.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Hintergrund Folge 3

Der Stratege der britischen Luftangriffe war Sir Arthur Harris, der den Spitznamen „Bomber Harris“ hatte.

mehr
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. Klicken Sie hier, um die Galerie für den April 2018 zu sehen!

Die Lage um Syrien wird nach dem Giftgasangriff stetig unübersichtlicher. Deutschland aber will sich militärisch raushalten. Eine richtige Haltung?

  • Lifestyle

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

  • Freizeit

    mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Essen und Trinken
    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich ausgefallene Restaurants und welcher Wein passt wozu.

    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich au... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.