Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 3 ° Gewitter

Navigation:
Die auferstandenen Kirchen

Folge 5 Die auferstandenen Kirchen

Bombennacht 1942: Lübecks Altstadtkirchen brennen. Nur St. Jakobi bleibt verschont, und St. Aegidien entgeht beschädigt dem Flammenmeer. Der Wiederaufbau der prächtigen Gotteshäuser gleicht einem Wunder.

Voriger Artikel
Rotkreuz-Hafen in Lübeck
Nächster Artikel
Sammelgrab für Opfer

Die Dom-Pastoren Margrit Wegner und Martin Klatt: „Der lange Wiederaufbau prägt das Gemeindeleben.“

Die Kirchen auf der Altstadtinsel, deren Türme zum Himmel ragen, sind Sinnbild einer Botschaft: Versöhnung. Der Krieg konnte die Gotteshäuser nicht auslöschen, und deshalb auch ihre Botschaft nicht; der Krieg ist der Verlierer.

Jeden Morgen pünktlich um acht läuten die Versöhnungsglocken von St. Marien. Sie erinnern an die Tragödien von Coventry und Lübeck. Auf den Glocken steht die Inschrift „Lasst Euch versöhnen mit Gott.“ Noch heute zeugen abgebrochene Mauern und abgestürzte Glocken von den Wunden, die die Marienkirche in der Bombennacht erlitt. „Zerstörung und Wiederaufbau sind in St. Marien ein sehr präsentes Thema“, sagt Pastor Robert Pfeifer. Viele Menschen in der Kirchengemeinde würden „mit dieser Geschichte ganz bewusst leben“; und die Geschichte handelt von Zerstörung und Versöhnung. Was St. Marien am 29. März 1942 widerfuhr, erlitt die Kathedrale St. Martin in York genau einen Monat später, am 29. April 1942. Beim Vergeltungsangriff der Deutschen ging das Gotteshaus in Flammen auf. Robert Pfeifer wird genau an diesem Tag 70 Jahre später am Gedenkgottesdienst in York teilnehmen, wird miterleben, wie die nordenglische Stadt in die „Nagelkreuz-Gemeinschaft“ aufgenommen wird, der Lübeck seit 1971 angehört und die in den Trümmern von Coventry entstand. Die Nagelkreuze symbolisieren, dass „Lübeck und York zusammenhängen“, sagt der Marien-Pastor.

1173 legte der Welfenherzog Heinrich der Löwe den Grundstein für den Lübecker Dom, 1247 wurde das trutzige Gotteshaus eingeweiht. Gut 700 Jahre später reichten eine Nacht und ein Bombenteppich, um den Dom in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ein Gewölbe am Süderturm stürzt ein, der Westteil des Doms fängt bis zur Kanzel Feuer, der Ostchor fällt in sich zusammen, begräbt den großen Altar unter sich, die beiden Kirchtürme stürzen, vom Feuer verzehrt. Unter Einsatz ihres Lebens retten Lübecker das Triumphkreuz von Bernt Notke aus dem brennenden Dom, das seit 1477 den Innenraum der Kirche beherrschte und heute wieder beherrscht.

„Dem Kreuz sieht man die Wunden an, sie wurden bewusst nicht getilgt“, sagt Dom-Pastor Martin Klatt. Die Auferstehung des Lübecker Doms dauert Jahrzehnte. Erst 1982 ist der unglaubliche handwerkliche Kraftakt vollbracht und die große Kirche innen und außen wiederhergestellt. Das Gemeindeleben ist, so Martin Klatt, „sehr stark geprägt durch den langen Prozess des Wiederaufbaus“. Am Palmsonntag, 1. April, wird die Kirchengemeinde um 20 Uhr mit Texten und Musik an die Zerstörung des Doms vor 70 Jahren erinnern.

Bei vielen der älteren Mitglieder der Dom-Gemeinde hat sich „ins Gedächtnis eingebrannt, wie die Kirchtürme wegsackten“, betont Dom-Pastorin Margrit Wegner. „Die früheste Erinnerung an Kirche ist für diese Menschen, sie brennend zu sehen.“ Die Ausstellung im Dom wird neu konzipiert im Herbst eröffnet. Sie zeigt das kirchliche Leben vor Palmarum, die Bombennacht an Palmarum, den Wiederaufbau und das neu belebte kirchliche Leben. Wegner: „Es geht dabei nicht in erster Linie um die Steine des Doms, sondern um die Menschen, die den Dom lebendig halten.“

Die Dom-Pastorin erzählt von Konfirmanden, die berührt sind, wenn sie die Geschichten von älteren Gemeindemitgliedern hören, die die Brandnacht erlebten: „Sie wollen wissen, wie diese Menschen damit umgegangen sind.“ Fester Bestandteil vieler Gottesdienste im Dom, zum Beispiel am Buß- und Bettag und am Karfreitag, ist das Versöhnungsgebet von Coventry. Das Gebet sprechen Jugendliche.

Ein abgedecktes Dach, durch den Druck einer Sprengbombe zerstörte Kirchenfenster, aber St. Aegidien, die Handwerkerkirche, steht inmitten einer Trümmerwüste mit vergleichsweise geringen Schäden. Die Bombennacht an Palmarum, der Schrecken des Krieges und die irrsinnige Zerstörung berühren auch Aegidien-Pastor Thomas Baltrock stark. Ihn beschäftige, dass damals so viele Menschen in Deutschland lebten, die „nicht wussten oder nicht wissen wollten“, welches Unheil die Nationalsozialisten anrichten.

Selbstkritisch fragt sich Baltrock: „Ich weiß nicht, ob ich damals zu den Tapferen gehört hätte. Ich weiß nicht, wie ich damals reagiert hätte, ob ich mutig oder feige gewesen wäre.“ Und er fügt den Satz hinzu: „Der Teufel kommt niemals zweimal mit dem selben Kostüm.“ Der Aegiden-Pastor mahnt deshalb, sich auch heute den „Blick nicht vernebeln zu lassen“ und sich zum Beispiel die Frage zu stellen: „Warum hungern Menschen.“

Peter Cornelius Jansen (75), der frühere Pastor der Auferstehungsgemeinde und St. Thomas-Gemeinde, predigt noch heute regelmäßig in St. Jakobi, der Kirche, die Palmarum 1942 auf schicksalshafte Weise unbeschadet überstand. Unauslöschlich verbunden mit der Kirche ist für ihn die Erinnerung an seinen Vater Ernst Jansen, der dort von 1934 bis 1960 Pastor war, und dem zur Ehre gereicht, dass er von den Nazis von 1939 bis 1945 Berufsverbot erhielt. Ernst Jansen gehörte zu der Gruppe der bekennenden Pastoren in Lübeck. Wochenlang stand er unter Hausarrest und vor der Kirche die Gestapo, die wissen wollte, wer rein und wer raus ging. Als die Bomben auf Lübeck fielen, lag Peter Cornelius Jansen mit Diphtherie im Krankenhaus-Süd: „Ich wusste nicht, was da los war, konnte es mit fünfeinhalb Jahren nicht deuten.“

Wenn man aus Palmarum 1942 und dem sinnentleerten kriegerischen Treiben eine Lehre ziehen muss, dann die von der „Unantastbarkeit der Würde des Menschen“, sagt Jakobi-Pastor Lutz Jedeck. Diese Würde sei von den Nationalsozialisten mit Füßen getreten worden. Wenn Menschen so handeln würden, wie sie selbst behandelt werden wollten, seien Krieg und Unterdrückung undenkbar.

Pastor Bernd Schwarze steht in St. Petri vor einem barocken Taufbecken und betrachtet zwei Kelche. Nur diese Kelche und das Becken überstanden das Feuer in der Kirche. St. Petri, die heutige Kulturkirche, war erst 1987 wieder vollständig aufgebaut. Frühlingslicht fällt in den weißen Kirchenraum. „Wenn man diesen wunderbaren, großartigen Kirchenraum heute erlebt, was für eine Chance...“, hebt Bernd Schwarze hervor. Doch bei aller Freude über die Rettung von St. Petri dürfe man „dieses Erbe und diese alte Last nicht vergessen“. Palmarum 1942 mahne, so der Theologe, „zu einem kirchlichen Tun in einem Bewusstsein, dass solche schrecklichen Dinge nicht wieder passieren“.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Hintergrund Folge 5

Beim britischen Bombenangriff in der Nacht zum Palmsonntag, 29. März 1942, kamen in Lübeck 320 Menschen ums Leben.

mehr
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. Klicken Sie hier, um die Galerie für den April 2018 zu sehen!

Der HSV gewinnt sein wichtiges Heimspiel gegen den SC Freiburg mit 1:0. Schaffen die Hamburger noch den Klassenerhalt?

  • Lifestyle

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

  • Freizeit

    mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Essen und Trinken
    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich ausgefallene Restaurants und welcher Wein passt wozu.

    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich au... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.