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Palmarum Freundschaft, die aus Trümmern wuchs
Thema P Palmarum Freundschaft, die aus Trümmern wuchs
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Nach dem Bombenangriff besichtigte der britische Premier Winston Churchill die Ruine der Kathedrale von Coventry.

Wer über Krieg redet, sollte über dessen Schrecken sprechen und nicht über das vermeintliche Recht, einen Krieg zu führen. Die Tragödien von Lübeck und Coventry, Dresden und London und vieler anderer Städte machen deutlich: ImKrieg verwischen die Grenzen zwischen Sühne und Schuld.

Und es ist ein Wunder, dass trotz der Niedertracht des Krieges Vergebung möglich ist und Freundschaft aus Trümmern wächst – wie zwischen Lübeck und Coventry. 16 Monate bevor Lübecks Altstadt in Flammen aufging, am 14. November 1940, griffen deutsche Bomberverbände die englische Stadt Coventry 150 Kilometer nordwestlich von London mit mehr als 500 Bombern an.

Der Angriff hatte den zynischen Decknamen „Mondscheinsonate“. Ziel der Bomber waren Flugmotorenwerke. Ein Großteil der Stadt wurde vernichtet, auch die mittelalterliche St. Michael’s Kathedrale. Ein knappes Jahr vor dem britischen Angriff auf Lübeck wurde Coventry in der Nacht zum 9. April 1941 zum zweiten Mal mit einem fürchterlichen Bombenteppich belegt.

Und die Zerstörungswut nahm kein Ende. Wie Lübeck kann auch Coventry in diesem Jahr den 70. Jahrestag eines Schreckensereignisses begehen: Am 3. August 1942 brachten deutsche Bomber erneutden Tod nach Coventry. Bei allen drei Bombenangriffen auf die englische Stadt starben insgesamt weitmehr als 1000 Menschen.

Eine weitere Angriffswelle deutscher Bombergalt vor 70 Jahrenden englischen Städten (Exeter (23./24. April und 3. Mai), Bath (25./26. April), Norwich (27. und 29. April), York (28. April) und Canterbury (31.Mai. , 2. und 6. Juni). Mehr als 1600 Menschen starben, 50 000 Gebäude wurden zerstört.

Nach dem ersten Angriff auf Coventry schwelgten die von den Nazis gleichgeschalteten Zeitungen in dumpfer Perfidie: „Ungeheuere Feuersbrünste vollendeten das Vernichtungswerk in Mittelengland.“

Derartige Tiraden waren dem damalige Dompropst von Coventry, Richard Howard, fremd. Nur wenige Wochen nach dem ersten Bombenangriff auf seine Stadt rief er in einer Weihnachtsmesse mitten aus dem Ruinenfeld zur „Verbannung jeglicher Hass- und Rachegefühle“ auf. Und Howard setzte ein Zeichen, das auch heute noch weltweit eindringlich zum Frieden mahnt: Nach der Bombennacht ließ er drei mittelalterliche Zimmermannsnägel des Dachstuhls und zwei verkohlte Holzbalken, die aus der zerstörten Kathedrale geborgen worden waren, zu zwei Kreuzen zusammensetzen.

Das Holzkreuz verblieb in der Ruine der alten Kathedrale, das Nagelkreuz steht auf dem Altar der vor 50 Jahren neben der zerstörten Kirche errichteten neuen Kathedrale. Nachbildungen der Nagelkreuze gibt es mittlerweile in vielen Kirchen der Welt. Der ökumenischen Nagelkreuz- Gemeinschaft, die Ende der 1950er Jahre von Coventrys Dompropst Bill Williams entwickelt wurde, gehören heute in Deutschland mehr als 50 Gemeinden und weltweit über 160 Gemeinden an. Das älteste Nagelkreuz in Deutschland hängt seit 1947 in der Kieler Nikolaikirche.

Lübeck wurde das „Nagelkreuz von Coventry“ 1971 verliehen. Es befindet sich seither in St Marien in der Gedenkkapelle unter dem Süderturm.

Unten auf dem Steinboden liegen dort, wo sie hinstürzten, seit 70 Jahren die beiden zerborstenen Glocken und erinnern an die Brandnacht. In der Turmhalle hängt ein Foto von der brennenden Marienkirche, das die Lübeckerin Ruth Starke in der Bombennacht schoss, und im Norderturm läutet jeden Morgen um 8 Uhr die „Versöhnungsglocke“ mit der Aufschrift „Coventry November 1940 – Lübeck Palmarum 1942“.

„St. Marien ist ein Stück Zeitzeugenschaft“, sagt Robert Pfeifer. Der Marien-Pastor spricht von einer „Geschichte der Zerstörung, die zueiner Geschichte der Versöhnung wurde“. Und diese Versöhnung wird gelebt.Am Palmensonntag wird in diesem Jahr der Direktor des Nagelkreuz-Centrums in Coventry, David Porter, im Gedenkgottesdienst in St. Marien die Predigt halten. Und er gestaltet am Sonnabend vor Palmarum, 31. März, gemeinsam mit den Pastoren Robert Pfeifer und Volker Schulze ab 21.30 Uhr die Friedensandacht in Marien.

Am Sonntag, 29. April, wird die nordenglische Stadt York genau 70 Jahre nach dem deutschen Bombenangriff in die Nagelkreuz-Gemeinschaft aufgenommen.

Robert Pfeifer nimmt am Festgottesdienst in York teil, in dessen Rahmen das Nagelkreuz überreicht wird. „Da schließt sich dann der Kreis“, betont Pfeifer. Volker Schulze geht auf das „Versöhnungsgebet von Coventry“ ein, das im Jahr 1959 formuliert wurde.

Es beginnt mit dem biblischen Satz: „Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, densie bei Gotthaben sollten.“ Versöhnen zu können sei ein Geschenk, betont der Theologe. „Man kann es nicht befehlen.“ Von diesem Gedanken getragen ist auch die deutsch-englische Jugendkonferenz der Nagelkreuz- Gemeinschaft, die im Juli in Coventry stattfindet und an der auch Lübecker teilnehmen.

Eine einzigartige Ausstellung plant das Kunsthistorische Institut der Kieler Christian-Albrechts-Universität anlässlich des 70. Jahrestages des Bombenangriffs auf Lübeck. Die Ausstellung wird am Palmsonntag in St. Marien eröffnet.

„Dank neuer Printmethoden“ ist es nach Aussage von Prof. Uwe Albrecht „erstmals seit 1942 möglich, in Originalgröße 17 in der Bombennacht zerstörte mittelalterliche Gemälde, darunter auch Bernt Notkes ,Gregormesse‘ in Schwarz-Weiß wiederauferstehen zu lassen“. Diese großen Banner werden in St.Marien vorzugsweise an den Stellen platziert, für die die Kunstwerke einst gefertigt wurden.

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