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„Gott sprach mit mächtiger Stimme“

Folge 4 „Gott sprach mit mächtiger Stimme“

Palmsonntag 1942: St. Lorenz Süd ist eine Trümmerwüste. Und trotzdem wird in der Lutherkirche Konfirmation gefeiert. Pastor Karl Friedrich Stellbrink spricht Worte, die ihm das Leben kosten.

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Constanze Maase, Pastorin der Luther-Melanchthon-Gemeinde, neben einem Bild von Karl Friedrich Stellbrink in der Kirchenausstellung.

Er war kein Mensch der Widersprüche, sondern ein Mensch, der den Mut zur Umkehr hatte.

1933 trat Karl Friedrich Stellbrink als glühender Nationalsozialist der NSDAP bei. Zehn Jahre später wurden er und die katholischen Geistlichen Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller am Mittag des 10. Novembers 1943 im Hamburger Zuchthaus Holstenglacis von den Nazis mit dem Fallbeil getötet. Sie wurden nach einem Scheinprozess hingerichtet, weil sie das braune Unrechtsregime angeprangert hatten.

Wörtlich hieß es in der Urteilsbegründung: „Die Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des nationalsozialistischen Staates.“ Stellbrink starb frohen Mutes, aber allein gelassen von seiner Kirchenführung, die ihn wenige Tage vor seiner Verhaftung beflissen vom Dienst suspendierte und seines Amtes enthob. „Rehabilitiert“ wurde Stellbrink von der evangelischen Kirche erst Jahrzehnte nach dem Kriegsende im Jahr 1993.

Kurz vor seinem Tod schrieb der Pastor der Luther-Gemeinde an seine Familie: „Wahrlich, es ist nicht schwer zu sterben und sich in Gottes Hand zu geben.“ Besucher der Todgeweihten nannten die Stimmung der vier Lübecker Märtyrer „gelöst und glücklich“. Die Briefe aus dem Gefängnis lassen nach Aussage der Lübecker Kulturhistorikerin Dr. Karen Meyer-Rebentisch erkennen, dass die vier Märtyrer „nicht einen Augenblick von ihrer Überzeugung ließen, dem menschenverachtenden und christusfeindlichen NS-System zu widerstehen“. In ihrem tiefen Glauben hätten sie die Kraft gefunden, die quälenden Haftbedingungen und den Gedanken an das bevorstehende Todesurteil zu ertragen.

Ein Schlüsselerlebnis führte bei dem einstigen NS-Gefolgsmann Stellbrink zum endgültigen Bruch mit den Nazi-Herrschern. Als er im März 1942, nur wenige Tage vor dem Bombenangriff auf Lübeck, in eine Friedhofskapelle kam, sah er mit Erschrecken, dass das große Kruzifix mit einem schwarzen Mantel verhängt worden war. Kurz zuvor hatte in der Kapelle eine Trauerfeier der NSDAP stattgefunden. Für die Trauergäste war das christliche Kruzifix ganz offensichtlich ein unerträglicher und unzumutbarer Anblick. Der Historiker Peter Voswinckel: „Karl Friedrich Stellbrink hat gesehen, es geht Christus an den Kragen.“

Stellbrink gab sein Leben hin, weil er in dunkelster Zeit den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen; er war sich der möglichen Konsequenzen bewusst, hielt aber Stand. In der Bombennacht zu Palmarum hatte er wie viele andere Einwohner von St. Lorenz Süd Menschen aus den Trümmern geborgen und beim Löschen der brennenden Häuser geholfen. Dann stieg er direkt aus der Trümmerwüste seines Stadtteils auf die Kanzel der vollbesetzten Lutherkirche und sprach, noch aufgewühlt vom Schrecken der Bombennacht, die erschütternden Sätze: „Gott hat mit mächtiger Stimme zu uns gesprochen. Die Lübecker werden wieder lernen zu beten.“ Ein Nazi-Spitzel machte aus diesen Predigtsätzen ein „Gottesgericht“, das der Pastor in dem britischen Bombenangriff erkannt haben wollte und lieferte Stellbrink der Gestapo ans Messer.

„Wie unglaublich ist das eigentlich, nach so einer Bombennacht Konfirmation zu feiern“, sagt Constanze Maase, Pastorin der Luther-Melanchthon-Gemeinde. Für sie ist Stellbrink ein großes Vorbild: „Dass er solchen Mut bewiesen hat in seiner öffentlichen Position, daran müssen wir uns heute messen lassen – zum Beispiel, wenn wieder Nazis in Lübeck demonstrieren wollen.“ Stellbrink sei mit seinem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur für die Luther-Gemeinde „ein Stück Identität“.

Seit 18 Jahren erinnert die Kirchengemeinde auf der Empore des Gotteshauses mit der Ausstellung „Lösch mir die Augen aus . . .“ an das Leben und Sterben der vier Lübecker Märtyrer. Die Ausstellung wird derzeit überarbeitet und soll im kommenden Jahr, dem 70. nach der Hinrichtung der Theologen, neu gezeigt werden. „In dieser Ausstellung wird künftig auch Palmarum und insbesondere das Erleben der Ereignisse in unserem Stadtteil St. Lorenz Süd umfassend dargestellt werden“, betont Constanze Maase. Ziel sei es, so Karen Meyer-Rebentisch, „zum Nachdenken über unsere christlichen Werte anzuregen: Wollen wir zu allem schweigen? Wann ist es unsere Aufgabe, die Stimme zu erheben? Was gibt uns Mut und Kraft?“ Das Leben und Sterben der vier Lübecker Märtyrer verdeutliche, dass „Freundschaft, Solidarität und schließlich auch die Ökumene uns bestärkt, nach unseren Überzeugungen zu leben“, erklärt die Kulturhistorikerin.

Den Blick auf die Bombennacht vor 70 Jahren aus Sicht eines Stadtteils richtet in diesem Jahr eine Ausstellung, die am Palmsonntag, 1. April, nach dem Gottesdienst im Luthersaal der Luther-Melanchthon-Gemeinde eröffnet wird. Die furchtbaren Zerstörungen in St. Lorenz Süd seien in der Lübecker Geschichtsschreibung bis heute kaum ein Thema, sagt Meyer-Rebentisch. „Der Stadtteil lag genau in der Einflugsschneise.“ Das Ziel der Bomber waren vor 70 Jahren die Drägerwerke und der Lübecker Bahnhof. Das Gebiet im Bereich Meierstraße, Krausestraße, Moislinger Allee, in dem schon damals viele Menschen lebten, wurde in nur wenigen Stunden zu einem Trümmerfeld, in dem zahlreiche Menschen starben. In der Ausstellung im Luthersaal verdeutlichen Fotografien und Zeitzeugenberichte das Ausmaß dieser Tragödie im Stadtteil.

Im Gedenkgottesdienst am Palmsonntag um 10 Uhr in der Lutherkirche wird Pastorin Marion Böhrk-Martin, Leiterin der Lübecker Telefonseelsorge, über die bis heute belastenden Erinnerungen der Kriegskindergeneration sprechen.

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Hintergrund Folge 4

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